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Aus der Serie „Wiener Autofahrer unterwegs“, 1998. [ Foto: Sammlung Wien Museum
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Wien

Die Gesichter dieser Stadt

Viele Zehntausende Bilder waren durch unsere Hände gegangen, darunter Abzüge, die schon seit vielen Jahren niemand mehr gesehen hatte. Stadtfotografie in Wien – eine Reise.

Als wir das Foto aus einer der vielen Schubladen zogen, waren wir zuerst erstaunt, dann hingerissen. Ein Straßenzug in Wien: „Zahnärztliche Ordination“ lesen wir auf der Fassade der Ecke Währinger Straße. Im Erdgeschoß ist das Warenhaus Edmund Leitersdorf untergebracht, darüber wirbt ein Schild für das Café Riedl. Nichts Besonderes auf den ersten Blick. Und doch ist die Szene höchst ungewöhnlich. Blicken wir genauer hin! Da ist, ganz im Vordergrund eine Schar Kinder, die dem Fotografen neugierig und aus allernächster Nähe beim Hantieren zuschaut. Daneben ist ein Handwagen zu erkennen. Auch ganz rechts lugt ein Kind in die Szene. Der großformatige Fotoapparat war in den 1880er-Jahren, als unsere Aufnahme entstand, keine Alltäglichkeit. Der Kasten ruhte auf einem Stativ, der Fotograf verschwand unter einem dunklen Tuch. Die Vorbereitungen haben sich über längere Zeit hingezogen. Zeit, um dem Bilderhandwerker bei seiner magischen Tätigkeit zuzuschauen.

Woher rührt die Faszination für dieses Foto? Während das Gros der Stadtfotografie im späten 19. Jahrhundert an der Architektur interessiert war, aber kaum an den Menschen auf der Straße, ist dieses Bild ganz anders. Es zeigt das ungeschminkte Straßenleben, Menschen, die der Zufall für einen Augenblick aus dem Fluss der Zeit gelöst hat. Die quirlige Straßenszene entstand ungeplant, die Schaulustigen waren quasi nebenbei ins Bild gelangt. Michael Frankenstein, der Fotograf, der sein Atelier in der Mollardgasse betrieb, wollte gewiss nicht das Gewurl auf der Straße, sondern die Häuser im Hintergrund aufnehmen. Warum scheuchte er die Kinder und neugierigen Passanten nicht einfach weg, als er auf den Knopf seines Apparates drückte? Wir wissen es nicht. Was wir hingegen wissen ist, dass der Lichtbildner eine relativ lange Belichtungszeit gewählt hat, die alles Bewegte im Bild unscharf festgehalten hat. Wieso er das tat? Weil die Lichtverhältnisse schlecht waren.