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Culture Clash

Goldene Milliarde und russisches Meer

Wie Wladimir Putin sich als Verschwörungstheoretiker entpuppt und selber noch viel mehr retro ist, als er es dem Westen unterstellt.

In seiner großen Rede in St. Petersburg am Freitag hat Wladimir Putin den „Eliten westlicher Länder“ vorgeworfen, sie stellten sich gegen „den Fortschritt der Geschichte“, dächten „in den Kategorien des vergangenen Jahrhunderts“ und seien „Geiseln ihrer eigenen Illusionen über die Länder außerhalb der Goldenen Milliarde, die sie als ihren eigenen Hinterhof betrachten“.

Die „Goldene Milliarde“ ist eine russische Verschwörungstheorie (aus dem vergangenen Jahrhundert). Sie unterstellt ein gemeinsames Verständnis der Eliten der USA, Westeuropas und Japans, dass die globalen Ressourcen nur für eine Milliarde Menschen reichen und dass der Westen daher die anderen Länder durch militärische und wirtschaftliche Maßnahmen in einem unterentwickelten Zustand als Rohstofflieferanten und Sondermülldeponien halten und deren Bevölkerung dezimieren wolle. Putin sagt in seiner Rede, dass der Westen an kommenden Hungersnöten schuld sei, weil er die Güter der Welt „einsauge“.

Älter noch als die Goldene Milliarde ist das von Putin gepflegte Denken in „Einflusssphären“. Das kam im Molotow-Ribbentrop-Pakt 1939 und dann erneut zwischen Churchill und Stalin im Oktober 1944 zum Tragen, als ein erschöpftes Großbritannien Osteuropa den Sowjets überließ. Das schien aber mit der Nato-Russland-Grundakte von 1997 überwunden, in der sich beide zum Ziel bekannten, „in Europa einen gemeinsamen Sicherheits- und Stabilitätsraum ohne Trennlinien oder Einflusssphären zu schaffen, die die Souveränität irgendeines Staates einschränken“. Bis Putin sich gegen diesen Fortschritt der Geschichte gestellt hat.

Putins Kategorien sind aber noch viel älter. Als Russland 1831 die polnische Revolte brutal niederschlug und sich daraufhin im Westen Kritik regte, antwortete Alexander Puschkin im Gedicht „An die Verleumder Russlands“: „Lasst uns: Dies ist ein Streit – ein vom Schicksal geweihter! – von Slawen unter sich. ( . . . ) Werden die slawischen Flüsse im russischen Meere sich einen – oder wird es austrocknen? Das ist die gewichtige Frage!“

Und dann kommt die Napoleon-Parallele zu Putins „Wir haben Europa von den Nazis befreit“-Kult: „Und heimlich sind wir euch verhasst? Warum? Darum, dass selbstvergessen im roten Feuermeer von Moskaus Flammenbrand, wir nicht den Willen anerkannt, dem ihr euch beugtet unterdessen? Dass unsrem lohem Opfermut den Abgott eurer Welt zu stürzen war beschieden? Dass knospend blüht aus unsrem Blut Europas Freiheit, Ehre, Frieden?“

Wladimir Putin lebt im 19. Jahrhundert. Kein Wunder, dass wir ihm so unzeitgemäß vorkommen.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

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