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Mein Montag

Wer ist der alte Mann auf meinem Passfoto?

Wenn man nach zehn Jahren wieder von vorn anfängt und warum immer drei Fotos übrig bleiben.

Abschied ist ja immer mit Wehmut verbunden. Das gilt auch, wenn nach zehn Jahren der Reisepass abläuft. Wenn die Beamtin Löcher in das schöne Büchlein stanzt – und damit auch durch all die schönen Stempel und Visa, die man im Lauf der Jahre gesammelt hat. So oft hat man ihn durchgeblättert, wenn man auf dem Flughafen wieder warten musste. So viele Erinnerungen sind darin gespeichert, in anderen Sprachen und verschiedenen Schriften. Nun ist er entwertet, wie das im Beamtenjargon wohl heißt. Und man startet wieder mit einem leeren Pass, der erst nach und nach mit Leben vulgo Stempeln und Einträgen gefüllt werden muss. Und abgesehen davon sieht man auf dem neuen Passfoto zehn Jahre älter aus als auf dem vorigen. Der Vergleich passiert immer dann, wenn man ein weiteres Stück zu seiner Dreiviertelpassbildsammlung hinzufügt. Auch so ein Unsinn, dass man jedes Mal vier Fotos bekommt, von denen man nur eines braucht. Und hat die Beamtin das eine Bild ausgeschnitten, kann man die restlichen drei in der Lade mit den anderen Dreiviertelpassfotos verstauen. Braucht man dann einmal wieder eines für ein anderes Dokument oder ein Visum, sind sie entweder schon über sechs Monate alt und nicht mehr gültig. Oder aber man braucht das Bild in einem anderen exotischen Format. (Von dem man dann beim Fotografieren auch wieder vier Stück bekommt, aber nur eines braucht.)

Warum heißt ein Pass eigentlich Pass? Nun, im Altfranzösischen war passeport ein Geleitbrief für Waren und Personen, quasi ein Passierschein. Zusammengesetzt aus dem Wort passer – also durchqueren oder überschreiten – und port, also Hafen oder auch Grenze. Gekürzt blieb der Pass übrig, in der längeren Variante wurde er zum Reisepass. Ja, und an den alten Mann auf meinem Passfoto werde ich mich auch noch gewöhnen.

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2022)