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Paul Flora
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100. Geburtstag

Paul Flora: Der liebste Held war ihm Don Quijote

Niemals hätte es sich Paul Flora durchgehen lassen, die Menschen zu langweilen. Wer immer mit ihm ins Gespräch kam, war entzückt von der geistigen Präsenz eines berühmten Mannes, der frei von Allüren war, aber voller Anekdoten und Geschichten steckte. Ein Porträt zum 100. Geburtstag.

Zu den Tugenden Paul Floras zählte die Höflichkeit, und deswegen hätte er es sich niemals durchgehen lassen, die Menschen zu langweilen. Wer immer mit ihm für ein paar Minuten ins Gespräch kam oder einige Stunden verbrachte, war entzückt von der geistigen Präsenz eines berühmten Mannes, der frei von Allüren war, aber voller Anekdoten und Geschichten steckte. Ob es sich um den Briefträger, den er auf der Straße traf, oder eine Kunsthistorikerin handelte, die mit einer langen Liste von Fragen zu ihm kam, er hatte seine Freude daran, wenn sie gespannt oder amüsiert seinen Erzählungen lauschten; dabei sprach er stets lässig und eindringlich zugleich, und dies in einem unverkennbaren Tonfall, in dem bis ins hohe Alter seine Südtiroler Herkunft nachklang.

Merkwürdig, dass zwei der besten Erzähler, denen ich in meinem Leben begegnete, ausgerechnet Zeichner waren. Der eine, Paul Flora, wanderte mit einer großen Entourage aus seiner und meiner Familie einmal durch die Landschaft, aus der er stammte, den Vinschgau, und hat dabei alle mit heiteren und abgründigen Geschichten aus dieser kleinen und der großen Welt unterhalten. Der andere, Rudolf Schönwald, hat heuer in seinem 94. Lebensjahr unter dem Titel „Die Welt war ein Irrenhaus“ endlich jene Erinnerungen veröffentlicht, die Freunde und Bekannte von ihm jahrelang erbeten oder schlichtweg verlangt haben. Es ist dem literarischen Können und dem humanen Ethos Erich Hackls zu verdanken, dass er diese Lebensgeschichte nach Tonbandprotokollen und in monatelanger Zusammenarbeit mit Schönwald „nacherzählt“ hat, und zwar so, dass man in der schriftlichen Fassung immer wieder die mündliche Erzählweise Schönwalds zu vernehmen glaubt: diesen Duktus, der Wissen und Schalk, den fröhlichen Hang zum Abschweifen und die Fähigkeit zur Pointe hochoriginell vereint.

 

Er sprang Kollegen hilfreich bei

Flora hat 1980 in der „Zeit“ übrigens auf seinen Wiener Kollegen hingewiesen und ihn, der damals an der Technischen Hochschule in Aachen angehende Architekten unterrichtete, jedoch in Deutschland als Künstler kaum bekannt war, als „Meister der freien Graphik und der freien Rede“ gerühmt. Darauf verstand sich Flora ausgezeichnet, Kollegen hilfreich beizuspringen, indem er ihnen etwa Galerien vermittelte oder ein Abendessen organisierte, bei dem sie mit den richtigen Leuten zusammentrafen. Weil er davon nie das geringste Aufheben machte, erwähne ich es hier, dreizehn Jahre nach seinem Tod, dass er zum Zwecke der Förderung sogenannte private Stiftungen unterhielt, die nicht nur Künstlern, sondern etlichen Menschen, die es not hatten, zugute kamen. Den Südtiroler Dichter Norbert C. Kaser hat er mit einer monatlichen Summe Geldes bedacht, und weil Kaser, sei es aus Verachtung oder einer spezifischen Phobie, schlichtweg nicht in der Lage war, die Sparkasse Bruneck zu betreten, hat er ihm die Apanage eben persönlich vorbeigebracht oder von einer verlässlichen Kurierin aus Innsbruck überbringen lassen. Nach Kasers vorzeitigem Tod hat Flora im Galerieverlag seines Sohnes Thomas eine erste Sammlung mit Texten des Aushilfslehrers, kommunistischen Kapuzinermönchs, Brunecker Störenfrieds und trunksüchtigen Dichters finanziert. Er hatte es zuvor mit einigen Verlagen probiert, aus deren hochmütigen Absagebriefen er mir einmal aus dem Gedächtnis lachend rezitierte, doch als das angeblich unverkäufliche Geschreibsel eines vermeintlich wirren Provinzdichters erschien – herausgegeben vom Redakteur der „Presse“, Hans Haider –, trafen binnen weniger Tage allein aus Deutschland fast tausend Bestellungen ein. Mit dem Vertrieb waren Flora Vater und Sohn zwar bald überfordert, aber der wichtigste Schritt, der Kaser postum zu einer großen Leser-, ja Verehrerschaft verhalf, war getan.