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Gastbeitrag

Warum die Ukraine zweisprachig bleiben wird

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Die sprachliche Situation in der Ukraine sorgt bei vielen Außenstehenden für Missverständnisse. Ein Rück- und Ausblick.

In vielen Gesprächen über den Krieg in der Ukraine taucht, bei aller grundsätzlichen Empathie gegenüber der Bevölkerung, irgendwann der eine Vorwurf auf: Es werde doch die russische Sprache, die russischsprachige Minderheit unterdrückt. Davon kann keine Rede sein, aber die sprachliche Situation sorgt bei Außenstehenden für Missverständnisse. Im Alltag spricht die Hälfte der ukrainischen Bevölkerung in der einen oder anderen Form Russisch. Fundierte Zahlen fehlen: Weder Angaben über Muttersprache (dabei geht es eher um ein abstraktes Zugehörigkeitsgefühl) noch über „Nationalität“ (ein Relikt aus der Sowjetzeit, gemeint ist die ethnische Herkunft unabhängig von der Staatsbürgerschaft) sind sehr aussagekräftig.

Der Autor

Dr. Matthias Kaltenbrunner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Research Center for the History of Transformations (Recet) an der Universität Wien. Er ist Autor von u. a.: „Das global vernetzte Dorf. Eine Migrationsgeschichte“ (Campus 2017) sowie „Der Karabiner von Stalin. Ein sowjetisches Leben zwischen Bürgerkrieg, Konzentrationslager und Gulag“ (Campus, im Druck).

Tatsächlich ist die Ukraine ein durch und durch zweisprachiges Land. Das heißt nicht, dass Russisch und Ukrainisch automatisch gegenseitig verständlich sind. Die Sprachen sind so weit voneinander entfernt wie Deutsch und Niederländisch. Russen aus Russland verstehen Ukrainisch meist nicht, genauso wenig wie Ukrainer aus der Diaspora Russisch verstehen. Zweisprachigkeit meint auch nicht, dass die gesamte Bevölkerung beide Sprachen perfekt beherrscht. Viele sprechen aktiv entweder Ukrainisch oder Russisch, während Kenntnisse der anderen Sprache eher passiver Natur sind. TV-Debatten funktionieren ebenso wie Gespräche im Freundeskreis beinahe selbstverständlich zweisprachig, ohne Verständigungsschwierigkeiten. Im Süden und Osten ist außerdem „Surzhyk“ verbreitet, eine Art Mischsprache, die auf dem Ukrainischen basiert, aber starke (vor allem lexikalische) Einflüsse aus dem Russischen aufweist.