Migration verändert auch das österreichische Geschichtsbild

Die Nationalgeschichte, wie wir sie bisher kannten, unsere Geschichte, wie wir sie bisher erzählten, kommt an ihr Ende.

Migration, Integration und kulturelle Vielfalt sind kontroverse Themen in den westeuropäischen Nationalgesellschaften. Dies zeigte jüngst erst wieder die heftige Auseinandersetzung um die Äußerungen des türkischen Botschafters Tezcan und seine harsche Kritik an der österreichischen Integrationspolitik.

Ist diese Kritik haltlos? Oder trifft sie den Kern? Wie steht es um den Zugang zu unserer Gesellschaft? Wie wird man ein respektierter Österreicher? Was braucht es jenseits von Sprachkenntnissen und Arbeit, um anerkannt und gleichberechtigt zu werden? Gesellschaftliche Teilhabe und Integration auf gleicher Augenhöhe berühren zentral den Bereich von Identität, Kultur und Geschichte.

Die politische und historische Substanz der Aufnahmegesellschaft wie auch jene der Einwanderer ändern sich. Was heißt dies für unsere Identität, die immer auch eine historische Identität ist? Was heißt es für die Bilder und Erzählungen über unsere Vergangenheit? Was ist im Zeitalter globaler Migration eigentlich noch „unsere“ Vergangenheit?

Es sei die Ausgangsthese gewagt, dass die historische Identität als exklusives Projekt nationaler Erzählungen heute überholt ist. Unter den Bedingungen von Globalisierung und globaler Migration sind rein nationale Formen von Zugehörigkeit nicht mehr passgerecht. Einwanderungsgesellschaften müssen Migration und deren Geschichte als Teil der kollektiven Überlieferung berücksichtigen.

 

Zwölf Zeilen für Arbeitsmigration

Migrationsgeschichten sind in Österreich bisher aber vergessene oder randständige Geschichten. Sie sind kein Bestandteil dominanter historischer Erzählungen. Ihre Aufnahme ins kollektive österreichische Gedächtnis steht noch aus. Die Anerkennung der österreichischen Migrationsgeschichte als integraler Bestandteil der Geschichte dieses Landes hat in die österreichische Migrations- und Integrationsdebatte noch keinen Eingang gefunden. Dies gilt insbesondere für die Migrationen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, also im Rahmen der Zeitgeschichte.

Die österreichische Erinnerungspolitik ignoriert die Migrationsgeschichte des Landes. Keine öffentliche Gedenktafel erinnert an den Beitrag der Arbeitsmigranten zum „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit. In keiner offiziellen Jubiläumsveranstaltung wurde jemals der Anwerbeabkommen gedacht, die Österreich in den 1960er-Jahren mit Spanien, der Türkei und dem damaligen Jugoslawien abgeschlossen hatte. Und im mehr als 600 Seiten umfassenden Begleitband zur Ausstellung „90 Jahre Österreich“, die 2008 im Parlament gezeigt wurde, sind ganze zwölf Zeilen der Arbeitsmigration nach Österreich gewidmet.

Österreichische Schulbücher haben das Thema Migration bis in die 1990er-Jahre nur sporadisch behandelt. Die heterogene Zusammensetzung ihres Zielpublikums und die unterschiedlichen (familiären) Migrationserfahrungen und -biografien vieler Schüler und Schülerinnen wurden lange Zeit nicht berücksichtigt. Die Themen Migration, Integration und Diversität finden erst in der jüngsten Zeit verstärkt Eingang in die Lehrpläne und den Unterricht.

Auch der Blick auf die historischen Museen belegt die Ausgangsthese. Migration war dort bisher – wenn überhaupt – ein eher seltenes Thema von Sonderausstellungen. In den Dauerausstellungen bleibt das Thema ausgespart. Größere Migrationsausstellungen der letzten zehn Jahre – so die „Gastarbajteri“-Ausstellung im Wien Museum und die Ausstellung „Migration. Eine Zeitreise nach Europa“ im Museum Arbeitswelt Steyr – konnten zudem nur mit finanzieller Unterstützung der EU in der Form verwirklicht werden.

 

Ein Blick in andere Länder

Der nationalen Kulturpolitik war das Thema offensichtlich kein bedeutendes Anliegen. Dies sieht in den europäischen Nachbarländern anders aus. In Paris öffnete im Jahr 2007 das erste nationale Migrationsmuseum Europas seine Pforten. In Deutschland und in der Schweiz gibt es zivilgesellschaftliche Initiativen zur Schaffung eines solchen Ortes.

In Großbritannien existiert eine Arbeitsgruppe, die das Thema stärker in Museen verankern soll. In Österreich hingegen wird – den demografischen Fakten zum Trotz – noch immer darüber gestritten, ob man Einwanderungsland sei. Eine öffentliche Debatte über ein Migrationsmuseum oder die Rolle der Migrationsgeschichte in der Museums- und Erinnerungslandschaft ist Zukunftsmusik.

Die fehlende Anerkennung und die Marginalisierung der österreichischen Migrationsgeschichte bleiben nicht ohne Auswirkungen. Sie bedeuten den Ausschluss eines großen Teils der Bevölkerung aus der geteilten Erfahrungs-, Erlebnis- und Erinnerungsgemeinschaft. Eine Stelle im kollektiven Gedächtnis bleibt leer. Zugehörigkeit und Identifikation werden so nicht besonders befördert. Ein Wir-Gefühl aller Österreicher, ob zugewandert oder nicht, kann sich so nicht herausbilden.

 

Es gibt keine „reinen“ Identitäten

Es sollte in Zukunft daher im aufgeklärten Eigeninteresse zu einer – durchaus kontroversen – Auseinandersetzung über historisch geformte nationale Zugehörigkeiten und neue übernationale, „buntere“ Formen von Identitäten kommen. Der Blick auf das historische Österreich, den Vielvölkerstaat, lehrt ja, dass Identitäten vielschichtig und nie „rein“ waren. Vielfalt war immer ein bestimmender Faktor dessen, was wir sind.

Die beiden großen Fragen, wie sich Einwanderer zur Nationalgeschichte positionieren – Ist es ihre Geschichte, tragen sie Verantwortung? Welchen Stellenwert hat die Geschichte von Migranten in der nationalen Erzählung? –, sind noch zu beantworten.

Eine Antwort lautet: Geschichte und historisches Lernen werden sich mehr und mehr von der alleinigen Überlieferung aus einem nationalen, womöglich auf Abstammung gründenden Kollektiv lösen.

 

Nation verliert an Bedeutung

Die tradierte österreichische Geschichte ist heute auch jene der eingewanderten Türken, Kurden, Serben, Kroaten oder Inder. Und die Geschichte der Migranten gehört in den Traditionsbestand der Nationalgeschichte. Allerdings verliert die Nation als vorrangiger Bezugspunkt historischer Erzählungen im Zeitalter der Europäisierung und Globalisierung ohnehin rapide an Bedeutung. Die Nationalgeschichte, wie wir sie kannten, die österreichische Geschichte, wie wir sie bisher erzählten, kommt damit an ihr Ende.


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Zu den Autoren

Christiane Hintermann ist Migrationsforscherin am Ludwig Boltzmann Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit in Wien. Sie ist dort verantwortlich für den Forschungsbereich „Migration und Gedächtnis“. Hintermann ist Herausgeberin des Sammel-bandes „Migration and Memory. Representations of Migration in Europe since 1960“. [OLIVERA STAJIC]
Rainer Ohliger
arbeitet als Historiker und Sozialwissenschaftler in Berlin. Er gründete 2001 das Netzwerk Migration in Europa e.V und ist seitdem dessen Vorstand. Seine Arbeitsgebiete umfassen internationale Migration, interethnische Beziehungen sowie Fragen musealer Repräsentation von Minderheiten. [PRIVAT]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2010)