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Schule

Gute Lehrer gibt es – trotzdem

Blick ins Lehrerzimmer: Das Leistungsprinzip ist in den Schulen leider gar nicht verankert.
Blick ins Lehrerzimmer: Das Leistungsprinzip ist in den Schulen leider gar nicht verankert.[ Foto: Katharina Roßboth]
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Am glattesten kommt man durch ein vierzigjähriges Berufsleben, wenn man nirgends anstreift und möglichst keine Verantwortung für irgendwas übernimmt. Doch dann gibt es Lehrer wie Sara.

Vor mir sitzt Jaqueline Marie Hofbauer. Sie ist schulisch schwach. Entsetzlich schwach. Dumm hätte man früher gesagt. Sie mag keine Schule. Geschichte mag sie auch nicht. Und Sätze, die länger sind als diese letzten vier, überfordern sie. Daher wird ein Antrag auf einen „sonderpädagogischen Förderbedarf“ gestellt, der dem Kind eine Stützlehrkraft zuweist. Laut Gesetz auf Antrag der Eltern bei der zuständigen Bildungsregion. In der schulischen Echtzeit ist es längst gelebte Praxis, diese Tätigkeit, wie viele andere auch, auf den unterrichtenden Lehrer abzuladen. Und so habe ich vor Kurzem den vielseitigen Antrag für diese Förderung abgegeben. Mit einer pädagogischen Stellungnahme meinerseits. Mit der Unterschrift der Eltern auf dem Antragsformular. Mit zwei durchgeführten schriftlichen Tests, in denen Jaqueline zeigen musste, was sie alles nicht kann.

Ich habe den Antrag abgegeben und weiß bereits jetzt, dass er erst einmal an mich zurückgespielt werden wird. Und ich weiß, dass wir für das Kind dieses Jahr noch mehrere Anträge stellen müssen. Weil Jaqueline auch in jedem anderen Fach die Unterstützung einer zweiten Lehrkraft braucht. Es reicht der Bildungsdirektion nicht, dass der Antrag einmal eingereicht wird und wir dann in der Folge auf den Erstantrag verweisen, was ja logisch wäre. Nein. Für jedes Fach muss neu begründet werden: warum Jaqueline in Biologie so schwach ist. Oder in Geografie. Oder in Physik. Oder. Oder. Oder. Jedes Mal legen wir wieder zwei schriftliche Tests dazu, in denen das Kind wieder zeigt, dass es rein gar nichts davon versteht, was man auf dem Zettel von ihm verlangt. Das macht etwas mit Jaqueline. Und auch mit mir. Es erinnert mich an die Zeit, als ich als Hauptschüler die Schulordnung abschreiben musste. Immer und immer wieder. Und als Lehrer mache ich heute vielfach nichts anderes.

Die Presse zum Hören

Diesen Text von Hannes Eichsteininger gibt es diese Woche in unserem Podcast „Die Presse zum Hören“.

Am Nachmittag erzählt mir ein Kollege einer Nachbarschule, wie ihn ein Vater eines Schülers am Telefon „abmontiert“ hat, weil er auf der Einhaltung der Schulpflicht bestanden hat. Diese wurde ja faktisch in Corona-Zeiten für mehrere Monate ausgesetzt und dem Ermessen der Eltern überlassen. Mein Kollege drohte am Telefon mit der Einschaltung der Behörden. Der Vater hat ihn ausgelacht. Und tatsächlich ist diese einzige Möglichkeit der Lehrer, auf unentschuldigtes Fehlen zu reagieren, so von Vorschriften und einem hohen Dokumentationsaufwand umstellt, dass die Lehrer lieber darauf verzichten, dagegen vorzugehen. Der Vater hat dann den Schulleiter angerufen und sich beschwert, dass mein Kollege mit dem Gang zu den Behörden gedroht hätte. Der Schulleiter riet dem Kollegen zu einer Entschuldigung, der Vater hätte einen guten Rechtsanwalt. Dieser Lehrer hat eine Lektion erhalten, die fast jeder Unterrichtende früher oder später einmal lernt. Wer sich bewegt, verliert. Da geht es in den Schulen zu wie bei den Kollektivvertragsverhandlungen. Am glattesten kommt man durch ein 40-jähriges Berufsleben, wenn man nirgends anstreift und möglichst keine Verantwortung für irgendwas übernimmt.

In so einem Biotop entstehen die systemerhaltenden Nörgler. Früher, da war es besser, das wissen sie genau. „Da haben wir schon in der Unterstufe die ganze Trigonometrie gemacht!“ – „Damals sind nicht in jeder Klasse drei Sonderschüler gesessen, die den ganzen Ablauf aufgehalten haben!“ Der Nörgler, nennen wir ihn Alfred, hat völlig recht in seiner Analyse. Früher haben „wir“ mit den Schülern tatsächlich mehr an Qualität machen können, war die Phase des Heranführens kürzer und die Leistungszeit intensiver. Es ist auch richtig, dass das Maß an Integration ein „Niveau“ erreicht hat, bei dem man in der Praxis nicht mehr arbeiten kann, wenn Integration die komplette Abstellung von Unterricht auf das schwächste in der Klasse anzutreffende Niveau meint. Und leider meint es das in der Praxis.