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Mein Montag

Wer Kreide frisst, frisst gar keine Kreide

Ein Wolf gähnt.
"Da ging der Wolf fort zu einem Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide: die aß er und machte damit seine Stimme fein." (Der Wolf und die sieben Geißlein)(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Was eine ganz selbstverständlich verwendete Redewendung mit Marmelade zu tun hat.

Kreidebleich vor Spannung sitzt man vor dem Märchenbuch der Brüder Grimm und liest „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“. Da ist dann die Stelle, bei der der Wolf beim Krämer ein Stück Kreide kauft – „die aß er und machte damit seine Stimme fein“. Um so zu klingen wie die Ziegenmutter, damit die Geißlein ihm die Tür öffnen sollen . . . Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe Fragen. Wie wendet man Kreide an, um damit seine Stimme zu verändern? Schlucken? Stimmbänder einreiben? Den Staub einatmen?

Nun, dass das Fressen von Kreide eine Wirkung haben muss, deutet die auch heute noch gebräuchliche Redewendung an, die man verwendet, wenn jemand sich ungewohnt sanft gibt und Friedfertigkeit vorspielt. Aber bevor Sie jetzt den Selbstversuch starten – es gibt da die Annahme, dass die Kreide im Märchen sich eigentlich auf Kirschkreide bezog. Nie gehört? Ich auch nicht. Aber, so heißt es, dahinter verbirgt sich ein Mus oder eine Art sehr feste Marmelade, die im Preußischen verbreitet gewesen sein soll. Diese Kirschkreide soll, ähnlich wie Honig, als Mittel gegen Heiserkeit gegolten haben. Klingt als Erklärung für die Veränderung der Stimme des Wolfs also zumindest nicht ganz unlogisch. (Apropos Marmelade, etymologisch kommt Kreide aus dem Lateinischen: Terra creta bezeichnete gesiebte Erde und wurde für das feinkörnige Kalkgestein verwendet, das vorwiegend als Puder verwendet wurde.)

Eine andere bekannte Redewendung hat aber tatsächlich mit der Kreide zu tun. Dass man nämlich, wenn man Schulden hat, in der Kreide steht. Mit Kreidestrichen an einer schwarzen Tafel wurde in Gasthäusern einst notiert, wer schon was konsumiert hat. Und ehe man seine Zeche nicht bezahlt hatte, stand man eben in der Kreide. Ach, das wussten Sie schon? Na gut, das dürfen Sie jetzt aber bitte nicht mir ankreiden.

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2022)