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Gastbeitrag

So pfeift Ungarns Regierung auf die Lehrenden

(c) Peter Kufner
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Für die Regierung Orbán sind Pädagogen die „Tagelöhner der Nation“. Dabei sollte das Land begreifen: Ohne sie geht es nicht.

DER AUTOR

Prof. László Mérö ist ein ungarischer Mathematiker und Psychologe lehrt an der Elte-Universität Budapest. Seine Bücher erscheinen in mehreren Sprachen. „Die Logik der Unvernunft – Spieltheorie und die Psychologie des Handelns“ (Rowohlt) war ein Bestseller.

Lehrerstreiks sind in Ungarn zurzeit an der Tagesordnung, und als dies gesetzlich verboten wurde, folgte der zivile Ungehorsam. Die Regierung entließ die Wortführer, landesweit wurden geschätzt 10.000 Lehrende suspendiert. Daraufhin schlossen sich ihnen auch die Studenten an, sie bildeten kilometerlange Ketten in Budapest und anderen Städten. Bis zu 70.000 Menschen waren bei den Protesten auf der Straße. Die Orbán-Regierung reagierte zynisch: Irgendwann werden sie damit aufhören.

Im Herbst 2022 habe ich einen Vortrag vor Mathematiklehrern gehalten. Da habe ich ihnen eine Frage gestellt, die ich auch schon verschiedenen Jungunternehmern gestellt habe: „Stellen Sie sich vor, Sie könnten anhand Ihrer Fähigkeiten im Badminton Weltmeister und Olympiasieger werden oder sich als Nummer elf in der Weltrangliste im Tennis platzieren.“ (Mit den ersten zehn könnten sie nicht mithalten, denn das sind Ausnahmetalente.) Der Welt- und Olympiasieger im Badminton verdient im Jahr inklusive Werbung rund 700.000 Euro, während die Nummer elf der Weltrangliste im Tennis um die 20 Millionen erhält. Noch vor Beginn der Abstimmung sagte ich immer: „Wenn jemandem mehr an einem ruhigen Leben als am Geld liegt, sollte auch er eher Tennis spielen.“

Danach stellte ich die Frage: Wer wäre lieber Olympiasieger und Weltmeister und würde 700.000 Euro im Jahr verdienen und wer lieber Elfter der Welt mit zwanzig Millionen?

 

Badminton oder Tennis?

Nach den bisherigen Erfahrungen wählen Psychologiestudenten die eine oder andere etwa zu gleichen Teilen. Ich habe drei Jahrgänge abstimmen lassen, sie wählten einmal dies, einmal das – mit einer Abweichung von nicht mehr als drei bis vier Prozent. Dagegen entschieden sich etwa zwei Drittel der Ingenieur- und Wirtschaftsstudenten (ich habe Hunderte befragt) für Tennis und ein Drittel für Badminton. Auch an der Sporthochschule stimmten einige Hunderte Studierende ab, und dabei bekam Badminton eine knappe Zweidrittelmehrheit. Außerdem habe ich diese Frage in meinen Vorträgen vor Jungunternehmern gestellt, und die Antwort war auch hier ungefähr 50:50.

Der Stimmenanteil zu diesem Thema sagt viel über die Eigenschaften einer Gruppe und ihre Beziehung zur Welt aus. Egal, wem ich diese Frage bisher gestellt hatte, die Quote lag überall bei 33 bis 66 Prozent, einmal so, einmal so, einmal in der Mitte. Bei Mathematiklehrern war das aber anders.

In dieser Frage können nicht nur die Meinungen einzelner Menschen auseinandergehen, sondern sich auch die eines Menschen im Lauf seines Lebens ändern. Mit 20 hätte ich zum Beispiel Badminton gewählt, jetzt eher Tennis. Nicht, weil ich so materialistisch geworden bin, sondern nur, weil ich gelernt habe, das Geld zu schätzen, weil ich jetzt weiß, wofür es gut ist. Geld kann Wertvolles voranbringen – und das ist mir heute wichtiger als früher. Interessant an dieser Umfrage ist auch, dass man hier meist Verständnis für den Standpunkt des jeweils anderen hat. Nirgends sind sie sich gegenseitig an die Gurgel gegangen. Einmal kam eine Frau nach dem Vortrag zu mir und sagte, jetzt kapiere sie, dass andere anders denken, und das sei für sie völlig in Ordnung.

 

So war es schon immer Brauch

Nun zum Votum der Mathematiklehrer: Von mehr als 200 Befragten stimmten 160 für Badminton. Ich traute meinen Augen nicht, als ich die hochgehaltenen Hände sah, nachdem ich bis dahin mehr als 2000 Menschen zu diesem Thema befragt hatte, und nirgendwo war das Ergebnis auch nur annähernd so eindeutig. Das bezieht sich zwar nur auf Mathematiklehrer, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir ein ähnliches Resultat auch bei anderen Lehrern bekämen.

Ich konnte mich nicht anders verhalten und vermutete gleich nach dem Vortrag, dass sie vielleicht gerade deshalb noch immer unterrichten würden – trotz der Behandlung durch den Staat. Sie waren nicht beleidigt, sie lachten.

Was kann man machen, wenn eine Regierung die „Tagelöhner der Nation“ wirklich so behandelt, wie es schon immer in Ungarn Brauch war: Die aufmüpfigsten rausschmeißen und den Rest auf unbestimmte Zeit hinhalten? Heute heißt es: „Sie werden Geld bekommen, wenn aus Brüssel Geld kommt“ – kein Wort von einer Regelung der Freizeit, höchstens ein bisschen Geld, das eigentlich fremdes Geld ist.

Was kann man tun, wenn die Lehrenden sehen, dass die Regierung ihre grundlegendsten Forderungen völlig ignoriert und sich überhaupt nicht darum kümmert, wie es ihnen geht? Ich sehe keine Chance, mit der Regierung Orbán zu einem fairen Deal zu kommen. Demonstrationen, Streiks und offene Briefe an Orbán sind mir sehr sympathisch, aber der Zynismus der Machthaber wird sich am Ende leider durchsetzen, die Lehrer werden das Land nicht in Schutt und Asche legen – so sind sie einfach nicht. Solch dreckige Arbeit soll jemand anders erledigen.

Ich weiß nicht, wie Soldaten sich entscheiden würden, aber in dieser Hinsicht sind sie den Lehrern sehr ähnlich. Beide Berufe erfordern nämlich eine strenge Selbstdisziplin.

Wenn ich ein Lehrer in den Vierzigern wäre, und es liebte zu unterrichten, es wäre sozusagen der Sinn meines Lebens, dann könnte ich jetzt nichts anderes tun, als das Feld zu räumen. Innerlich würde ich hoffen, dass es nur für ein Jahr wäre, aber keinesfalls kürzer. Eine andere Chance sehe ich nicht, meine Berufung unter normalen Bedingungen auszuüben. Auch wenn ich mich aufrichtig für Badminton entscheide, jetzt würde ich ein Jahr Tennis spielen.

 

Mehr Geld als Pizzabote

Wenn ich ein Jahr lang das Militär ertragen konnte, könnte ich es auch ein Jahr an der Kassa eines Supermarkts oder als Pizzabote aushalten. Als Angestellter wäre ich nämlich intelligent und diszipliniert genug, um sofort einen Job auf dem Arbeitsmarkt zu finden, zumal mir bewusst wäre, warum ich es tue. Meine Familie würde keinen Schaden nehmen, weil ich sogar mehr Geld als vorher nach Hause brächte (Lehrende verdienen in Ungarn ca. 365 Euro/Monat, nach zehn bis 15 Jahren Erfahrung bis zu 560 Euro/Monat). Vielleicht wäre es möglich, schnell eine Ausbildung als Reinigungskraft oder Wachmann zu machen, dann könnte ich sogar geheim in einer Schule für mehr Geld, als ich dafür jetzt bekomme, unterrichten.

Wenn sich Zehntausende Pädagogen so verhielten, wäre der Staat in einem Jahr gezwungen, sie unter anständigen Bedingungen wieder einzustellen, denn mittlerweile wäre es jedem klar, dass es ohne sie nicht geht. Solange der Unterricht durch unser Pflichtbewusstsein und unsere Professionalität unter den heutigen Bedingungen irgendwie dennoch aufrechterhalten wird, kann am Schulsystem keine Besserung eintreten.

Vor dem Regimewechsel war ein Jahr Wehrdienst der Preis, um danach studieren zu können. In der heutigen Situation ist ein Ausscheiden für ein Jahr der Preis dafür, irgendwann wieder normal unterrichten zu können.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2023)