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"Männer nehmen sich und ihre Schmerzen ernster als Frauen"

Sprachwissenschaft. Was Patienten und Patientinnen dem Arzt erzählen - und wie.

Keiner mag sie, jeder kennt sie: Schmerzen. Als Begleiterscheinung von Krankheiten oder in chronischer Form als Krankheit selbst. Der Arzt, der Abhilfe schaffen soll, ist auf die Beschreibung des Patienten angewiesen, bleibt der Schmerz doch objektiv nicht erfassbar oder messbar. Die Crux an der Sache: Jeder beschreibt diese Schmerzen anders. Insbesondere gibt es große Unterschiede zwischen Männer und Frauen.

Wie solche Arzt-Patienten-Gespräche verlaufen, hat ein Team vom Institut für angewandte Sprachwissenschaft der Universität Wien unter der Leitung von Florian Menz untersucht. In enger Kooperation mit Medizinern erfolgte die Datenerhebung in Ambulanzen des Wiener AKH. Dort zeichneten die Forscher Behandlungsgespräche auf, die sie dann nach Methoden der Gesprächsanalyse untersuchten.

Johanna Lalouschek, Co-Leiterin des Teams und seit 25 Jahren in der Forschung tätig, zieht Schlüsse: Die Schulmedizin sei männlich, die Krankheit sei "von der Person weit weggerückt", und es bedürfe Änderungen im System.

Denn Männer beschreiben Schmerzen anders, als Frauen dies tun. Genauer gesagt: Sie folgen in ihrer Erzählung einem ähnlichen Schema, wie Ärzte es verwenden. Sie berichten symptomorientiert, wo genau die Schmerzen erstmals auftraten, wie lange sie blieben, wie häufig sie auftreten und wie genau sie sich anfühlen. Frauen dagegen erzählen erlebnisorientierter vom Auftreten der Schmerzen. Öfters beziehen sie sich dabei auf andere, wie etwa: "Da waren die Schmerzen so schlimm, dass ich den Kleinen nicht in den Kindergarten bringen konnte."

Reinald Brezovsky, Neurochirurg und Spezialist für Schmerztherapie, bestätigt, dass bei der Krankheitsdiagnose für einen Arzt die Sprache eines der wichtigsten Instrumente sei. "Dennoch muss sich der Arzt dessen bewusst sein, dass sich seine Patienten auf unterschiedlichen Sprachniveaus befinden und sich selbst dabei als Moderator verstehen." Fragen wie "Wo?", "Wie oft?", "Immer an derselben Stelle?" zeigen aber, dass die medizinische Vorgehensweise jener der männlichen Patienten näher kommt.

Dazu kommt, so Lalouschek, dass weibliche Patienten dazu neigen, ihre eigenen Schmerzen herunterzuspielen. Dieser Bagatellisierung oder Rückstufung, wie es die Sprachwissenschaftler nennen, steht die Hochstufung der Männer gegenüber, die auch gerne den Experten geben. "Männer nehmen sich selbst und ihre Schmerzen ernster als Frauen", sagt Lalouschek. Dies müsse man auch aus einer kulturellen Perspektive betrachten, in der Frauen schnell als empfindlicher eingestuft werden und Männer als härter im Nehmen gelten - obwohl das Gegenteil der Fall zu sein scheint. Lalouschek resümiert: "Sowohl durch das Vorurteil als auch durch die eigene Darstellung werden Frauen weniger ernst genommen als Männer."

Dass dies auch konkrete, schwerwiegende Folgen haben kann, zeigt die vorangegangene Studie des Forscherteams. Dabei wurden geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Beschreibung akuter Thoraxschmerzen untersucht. Diese gelten als zentrales diagnostisches Mittel, um gefährliche koronare Zustände ausfindig machen und gegebenenfalls lebensrettende Maßnahmen ergreifen zu können. Es stellte sich heraus, dass die Diagnosen bei Frauen fehleranfälliger waren. Weibliche Patienten erhielten häufiger eine qualitativ schlechtere Behandlung als Männer oder wurden falsch behandelt wieder nach Hause geschickt und erlitten dann dort einen Herzinfarkt.

Ein Grund dafür liegt im unterschiedlichen Sprachgebrauch: Die symptomorientierten Erklärungen von Männern, die klare Angaben über Ort, Dauer, Intensität und Häufigkeit der Schmerzen enthalten, verhalfen Ärzten zur Erkennung von koronaren Ursachen. Die vergleichsweise diffusen Beschreibungen von Frauen dagegen ließen Raum für falsche Schlüsse. Dazu kommt aber: Frauen können vor einem Herzinfarkt wirklich andere Symptome zeigen, das weiß die Schulmedizin seit einigen Jahren.

Die Ergebnisse, die sich in der aktuellen Studie erhärteten, zeigen die Notwendigkeit einer Veränderung. "In der Schulmedizin mit dieser hohen technischen Ausrichtung spielt das Gespräch eine stark untergeordnete Rolle", kritisiert Lalouschek. Auch Brezovsky vom Gesundheitszentrum Döbling sieht darin eine Schwachstelle des Systems: "Schmerzpatienten fallen im derzeitigen Gesundheitssystem durch den Rost." In den etwa fünf bis sieben Minuten, die ein praktischer Arzt für einen Patienten Zeit habe, sei keine Chance auf ein ausführliches Gespräch. Besonders betroffen sind jene, die sich verbal nicht besonders gut ausdrücken können oder deren Schmerz entweder psychosoziale Ursachen hat oder chronisch ist.