Event Baustelle

Ein Turm wird zur Tribüne, das Baugelände zur Bühne erklärt: Der temporäre Holzturm an der Wiener Favoritenstraße bietet einen Blick auf das Drunter und Drüber der Wiener Hauptbahnhof-Baustelle. Signalhaft.

Es war eine faszinierende Szenerie als in den 1970er-Jahren der erste Bauabschnitt der Wiener U-Bahn umgesetzt wurde: Am Karlsplatz taten sich durch die offene Bauweise Schluchten auf, die einen beeindruckenden Einblick in den Wiener Untergrund gewährten. Über der Tiefbaustelle waren Ste-ge, Stiegen und Brücken aus Holz gespannt, um die Passantenströme an diesem zentralen Wiener Platz sicher zu kanalisieren und um den Straßenbahnen auf ihren wackelig anmutenden Schienensträngen, teilweise ebenfalls über Brücken geführt, freie Fahrt zu lassen. Aus der technischen Notwendigkeit heraus ergab sich eine Erhöhung der Blickperspektive: Die Fußgänger wurden für das Stiegensteigen mit einem Tiefblick in ein dynamisches Geschehen belohnt, das den offenen Bauch des Karlsplatzes mit darüber kreuzenden Straßenbahnzügen zeigte. Die temporäre Holzarchitektur wurde so zur Tribüne für Schaulustige – vermutlich als Nebeneffekt, da sich die Stadtpolitik zu dieser Zeit wohl kaum dazu bekannt hätte, dass man die Bürger am gemeinen Baustellenspektakel bewusst teilhaben lassen sollte.

Experimentelle Holzbauten wurden in den Zwanzigerjahren von russischen Künstlern als „Set-Design“ auf die Bühne gebracht. Technoide Gebilde, auf mehreren Ebenen mit Rampen und Treppen verbunden, dienten als sogenannte „Werkbank“ für die Schauspieler. Die Bühnenaufbauten thematisierten die Ästhetisierung der Konstruktion an sich und legten den Grundstein – oder besser den Bundtram – für den Konstruktivismus in der Architektur. Die Bauten aus Holz fanden bald ihren Weg in den Außenraum, wie Konstantin Melnikows sowjetischer Pavillon für die Weltausstellung in Paris 1925: Ein über den Ausstellungsräumen markant aufragender Turm in Holzkonstruktion als reiner Werbeträger mit dem „Logo“ USSR machte die Architektur zum Symbol der aufstrebenden Sowjetunion. Als die Türme begehbar gemacht wurden, geriet die Umgebung selbst zum Set, konnte diese doch plötzlich von oben herab ergründet werden. Genau diese Programmatik bietet nun in Wien die Möglichkeit, eine spannende Work in progress zu verfolgen: die Errichtung des Hauptbahnhofes mit umgebender Büro- und Wohnbebauung.

Wieder ist es ein Bahnprojekt, das Wiens Infrastrukturnetz nachhaltig verändern und einen neuen Stadtteil in den nächsten Jahren herausbilden wird. Aber anders als beim U-Bahn-Bau wird diesmal die Baustelle zum Ereignis für Interessierte uminterpretiert und durch einen Aussichtsturm getoppt, von dem aus das Drunter und Drüber am Baugrund beobachtet werden kann. Im Jahr 2008 war ein Wettbewerb ausgeschrieben worden, der von Gemeinde Wien und ÖBB gemeinsam ausgelobt wurde und die Errichtung eines Informationsgebäudes zur Entstehungsgeschichte des Hauptbahnhofs und einer bis zu 26 Meter hohen Aussichtsplattform zur Aufgabe stellte. Als Planungsgebiet war die Überbauung des Busbahnhofs am Wiedner Gürtel vorgesehen. Das Wiener Büro RAHM architekten, namentlich Adele Gindlstrasser, Hans Schartner und Ursula Musil, konnte den Wettbewerb für sich entscheiden, obwohl es sich über die Vorgabe hinwegsetzte und einen Turm mit 90 Meter Höhe konzipierte. Die Begründung der bewussten Überhöhung des Turmes, um eine bessere Sichtbeziehung zum Baustellengelände zu erreichen, scheint die Jury überzeugt zu haben, und man folgte der kreativen Empfehlung der Architekten. Um das „Bahnorama“, so der Projekttitel seitens der Auslober, noch besser erfassen zu können, wurde nach dem Wettbewerbsentscheid der Standort für das Info-Center geändert und näher an die Baustelle heran, an den Anfang der äußeren Favoritenstraße, verlagert.

Nachdem ein Gemeindebau aus den Sechzigerjahren kurzerhand geschleift wurde – auch wegen der Verlegung der Sonnwendgasse, die durch die neue Gleisführung für die Bahnhofsanlage notwendig geworden war –, konnte auf dem vorhandenen Kellergeschoß neu aufgebaut werden. Es sollte ein Stück temporärer Architektur für die Dauer der Bauarbeiten werden, und RAHM architekten näherten sich diesem durchaus im Sinne des Konstruktivismus an: ein Objekt von signalhafter Wirkung, kostengünstig, schnell aufgestellt, aber auch demontierbar und nachhaltig in der Materialität, weil aus Holz und somit wiederverwertbar. Der Turm wird zur Tribüne, das Baugelände zur Bühne erklärt, von der aus das Schauspiel Baustelle verfolgt werden kann.

Das Ausstellungsgebäude mit Cafeteria wurde als schlichter, zweigeschoßiger Holzbau angelegt, dessen Erdgeschoß möglichst transparent, die Box im Obergeschoß hingegen in kräftigem Rot gehalten ist. Über eine verglaste Brücke in Stahlkonstruktion gelangt man zum Turm, der über einer Grundfläche von acht mal sieben Metern in Fichtenholz errichtet ist. Die Bodenhaftung für das Holzgerüst wird durch einen Sockel aus Stahl hergestellt, die Entkoppelung vom Boden für die Besucher erfolgt über zwei halbrund verglaste Panoramalifte, die ostseitig auf die auf 40 Meter Höhe gelegene Aussichtsplattform hochziehen. Während man hinaufschwebt, erschließt sich die Größe des Areals mit seinen Kränen, Baumaschinen, bereits ersichtlich konfigurierten Bauteilen, Gleiskörpern und Zügen und unzähligen Bauarbeitern. Der „Hochstand“ ist 66 Meter hoch und damit der höchste begehbare Holzturm Europas, eine auch statische Innovation.

Diese Form der Eventisierung des zwar spannenden, aber durch Lärm, Staub und fallweise ruchbare unsaubere Geschäfte für die Bevölkerung auch lästigen Phänomens Großbaustelle stellten die Architekten unter das Motto „Auf der Jagd nach Stadt“. Sie vereinen damit ihren architektonisch konstruktivistischen Anspruch mit einem bekannten Objekt österreichisch-ruraler Kultur: dem Turm als ein Zeichen von Transparenz, wie auch als Aufforderung an alle Bürger, sich auf die Lauer zu legen und sich über die Vorgänge am Bau einen Überblick zu verschaffen. Aber keine Sorge: Die Elemente des Urbanen werden nur visuell als Freiwild anvisiert, geschossen werden lediglich Fotos, undam Turm ist kein „Glasnost“-Transparent gespannt. „Bahnorama“ und Wien-Panorama können gegen 2,50 Euro von jedem, der schwindelfrei ist, genossen werden. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2011)