Der Hologramm-Streit: Moral und Glas, wie leicht bricht das

Worum es selbst ernannten Glasexperten, erzkonservativen Bewahrern und den vielen Ihr-eigenes-Süppchen-Kochern wirklich geht.

Der misslungene Abtransport von 21 Hologrammen aus dem Jüdischen Museum Wien (JMW) hat sich zu einer komplexen Story entwickelt, die kaum mehr übersichtlich erzählt werden kann. Die Geschichte spielt auf mehreren Ebenen, die sich unabhängig voneinander lesen lassen und doch eng miteinander verknüpft sind.

Da ist einmal der Kunstdiskurs: Das JMW beherbergte im zweiten Stock eine Installation von 21 Hologrammen, die einen Einblick in die Geschichte der Juden in Wien gaben. Nun stellte sich gleich zu Beginn der Direktion Spera heraus, dass die technischen Anlagen des JMW vollkommen verrottet waren.

Eine Funktionssanierung musste her, in deren Zug sich anbot, auch gleich die Dauerausstellung neu zu konzipieren, damit das Haus nicht zweimal hintereinander geräumt werden müsste. Die neue Direktorin plante ohne die Hologramme, wollte sie aber bewahren und fand dafür auch Lagermöglichkeiten.

Hier kamen die ersten Kritiker daher, die meinten, man müsse die Hologramme belassen. Das kennen wir bei jeder neuen Architektur: Immer treten da die ultrakonservativen Bewahrer auf den Plan. Wenn es nach ihnen ginge, müsste der Louvre heute noch so aussehen wie im Jahr 1793.

 

Der Glasdiskurs

Dann kam der Glasdiskurs – und mir ist selten eine dümmere Diskussion untergekommen als diese. Eine spezialisierte Glasfirma öffnet die Traversen, von denen die Hologramme gehalten werden, muss feststellen, dass die Glasplatten mit der Traverse verklebt sind und sich daher nicht entfernen lassen.

Das Sicherheitsglas splittert bei der kleinsten Belastung. Die Platten können nicht zerstörungsfrei aus dem Haus gebracht werden. Und plötzlich treten Museumsdirektoren, Journalisten und auch der Präsident der Kultusgemeinde auf, die allesamt besser als der Glaserer wissen, wie man es hätte machen können. Inzwischen gibt es ein Gutachten eines gerichtlich beeideten Sachverständigen, das besagt, dass keine Technik der Welt imstande gewesen wäre, die Platten aus dem Haus zu bringen. Aber was zählt das alles, wenn die Größen der Gesellschaft ihr Urteil sprechen. Das ist so dumm, dass man schreien möchte.

 

Der Protestbrief der 25

Kommen wir zum soziologischen Aspekt. In all den Diskussionen der letzten Wochen haben verschiedene Menschen ihre je spezifischen Interessen unter dem Deckmantel des Kunstdiskurses und des Glasdiskurses vertreten. Ihnen ging es nicht um Kunst und Glas, sondern um die Attacke auf eine ungeliebte Direktorin, um die Hoffnung, den Chefsessel im JMW selbst zu erklimmen oder um Machtkämpfe im Inneren der Israelitischen Kultusgemeinde.

Diese unterschiedlichen Interessen konnten sich innig in ihrer gleichen Zielsetzung – der bedingungslosen Attacke auf die Direktorin – verbinden, weil Kunst- und Glasdiskurs wie Nebelgranaten die wahren Absichten verhüllten.

Alle die vielen Kritiker, die selbst ernannten Glasexperten, die erzkonservativen Bewahrer und die Ihr-eigenes-Süppchen-Kocher konnten nur deshalb so ungehindert dreinschlagen, weil einem von ihnen ein Coup gelungen war: Ein Museumsdirektor schrieb eine Resolution, versandte sie an seine Freunde in anderen jüdischen Museen Europas und erhielt alsgleich 25 wertvolle Unterschriften.

Keiner der Unterzeichner recherchierte, warum die Hologramme sich nicht hatten abbauen lassen, keiner fragte in Wien nach, wie die Direktorin die Sache sähe. Nein, sie unterschrieben einen Protestbrief ohne Zögern und Zaudern. In diesem Schreiben brachten sie die Entfernung der Hologramme in einen Zusammenhang mit der „Katastrophe unvergleichbaren Ausmaßes, die in der willentlichen Auslöschung jüdischen Lebens, jüdischer Kultur und jüdischer Erinnerung bestand“. Gibt es denn nicht genug Neonazis, dass die Direktoren jüdischer Museen ausgerechnet Juden die Shoa um die Ohren schlagen?

Museumsdirektoren, die angetreten sind, die jüdische Geschichte zu bewahren, damit die Gesellschaft aus ihr lernen kann und nicht in dieselben Fehler wie damals verfällt, verurteilen Menschen ohne Anhörung und mit miesen Argumenten. Ihnen gilt jeder aus ihrer Gruppe von vornherein mehr als jeder außerhalb. Das haben sie aus der Shoa gelernt?

Ich habe das auf meiner Facebook-Seite in radikal überzogener Weise mit dem Ausspruch der Nazis verglichen, die in der bedingungslosen Treue ihre Ehre sahen. Das war von der Form her falsch. Ich habe mich dafür entschuldigt und bin von meinem Posten im JMW zurückgetreten.

 

Zum Niedermachen freigegeben

Was aber bleibt, ist die Schuld der 25. Sie haben ein Dach über den Nebel des Kunst- und Glasdiskurses gespannt, dank dessen jeder seine spezifischen Interessen im Kampf gegen die Direktorin des Museums brutal vortragen konnte. Sie haben sich zu Handlangern von Leuten gemacht, die keine Liebe zum Jüdischen Museum Wien haben, die nichts bewegen wollen, sondern ihre persönlichen Interessen in den Vordergrund stellen. Eine von uns angebotene Diskussion haben die Direktoren mit dem Argument abgelehnt, sie wären keine organisierte Gruppe. Beim kritiklosen Unterschreiben jedoch waren sie blitzschnell organisiert.

Am Ende, nach meiner Entscheidung, das Haus zu verlassen, titelt der ORF auf seiner Online-Seite zu meinem Rücktritt „SS-Eklat“. Ein Jude für Gojim zum Niedermachen freigegeben. War es das, was die Direktoren der jüdischen Museen wollten?


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

Peter Menasse (* 12.7.1947 in Wien) studierte Betriebswirtschaft an der WU, gründete eine Kommunikationsagentur, arbeitete als Ministersprecher und Journalist (Kolumnist bei der Stadtzeitung „Falter“). Bis zu seinem Rücktritt am Donnerstag war er Prokurist des Jüdischen Museums Wien. [Privat]