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Verraten, verfemt, vernichtet

Ereignis und Entdeckung: „Im Schatten des Hochschwab“– der verschollen geglaubte Wider-standsroman des Steirers Josef Martin Presterl.

Den sieben kommunistischen Lebensläufen, die der jugoslawische Schriftsteller Danilo Kiš einst zu einem Grabhügel aus Heldenmut, Verrat und Terror aufgeschüttet hat, wäre er als achter oder 120ster oder 50.000ster anzufügen: der Fall des Grazer Lehramtskandidaten und Spanienkämpfers Josef Martin Presterl, der nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager Dachau in seine Geburtsstadt zurückgekehrt war, wo er im Auftrag der KPÖ den Antifaschistischen (später: Österreichischen) Volksverlag leitete, dann einen eigenen, den Kristall-Verlag gründete und mit einem ambitionierten Programm startete, als Herausgeber und Redakteur der kommunistischen Tageszeitung „Die Wahrheit“ tätig war, Lesungen organisierte und als Erster auf das dichterische Werk seines Freundes Richard Zach aufmerksam machte, der im Jänner 1943 hingerichtet worden war.

Presterl unterhielt enge Kontakte zu jugoslawischen Freiheitskämpfern, die er zum Teil schon während des Spanischen Bürgerkriegs, in Dachau oder im Außenlager Augsburg kennengelernt hatte. Seine auf zwei Reisen gesammelten Eindrücke schlugen sich in einem Bericht nieder, den er unter dem Titel „2000 Kilometer durch das Neue Jugoslawien“ Anfang 1947 veröffentlichte. Aber als er im Oktober desselben Jahres das südliche Nachbarland ein drittes Mal erkundete, wurde Presterl, schon auf der Rückreise, im slowenischen Marburg verhaftet.

Zusammen mit seiner aus Wien stammenden Braut Hildegard Hahn, die ihn auf der Fahrt begleitet hatte, einem zweiten österreichischen Spanienkämpfer, dem Tiroler Paul Gasser, und acht jugoslawischen Funktionären, die wie Gasser und er das KZ Dachau überlebt hatten, wurde Presterl bei einem Schauprozess in Laibach zum Tode verurteilt, nachdem ihm durch Folterungen ein gänzlich unglaubwürdiges Schuldgeständnis abgepresst worden war. Demnach habe er sich als Gestapospitzel, Agent eines imperialistischen Staates und Saboteur des jugoslawischen Aufbaus betätigt. Das Urteil an Presterl, Gasser und dem slowenischen Spanienkämpfer Boris Kranjc wurde Ende April 1948 vollstreckt, die anderen Verurteilten zu lebenslanger Haft begnadigt, aus der sie nach einigen Jahren entlassen wurden. Presterls Verlobte durfte im Mai 1953 nach Österreich zurückkehren. Es sollte noch zwei Jahrzehnte dauern, ehe alle Verurteilten rehabilitiert wurden. Auf dem Friedhof Žale, in Laibach, erinnert heute ein Denkmal an die Opfer der neun „Dachauer Prozesse“, die mit den Verfahren gegen die drei Österreicher eröffnet worden waren.

Der steirische Historiker Heimo Halbrainer hat sich schon vor Jahren auf die Spuren seines engeren Landsmannes gesetzt, zuletzt auch Einsicht in die Prozessakten genommen. Im Nachwort zum vorliegenden Buch dokumentiert er darüber hinaus das charakterlose Verhalten von Presterls Genossen in Österreich, die seine Verurteilung zum Anlass nahmen, ihn als feiges, unzuverlässiges und ihnen immer schon verdächtiges Element zu diffamieren – in derselben Zeitung, bei der er noch angestellt war, als er in die Fänge des Titoismus geriet.

In den wenigen Wochen, in denen der Laibacher Prozess die österreichische Öffentlichkeit beschäftigte, gerieten die politischen Frontlinien durcheinander: Die KPÖ rechtfertigte den Justizmord an einem ihrer fähigsten Aktivisten, obwohl er von einem Regime angeordnet worden war, mit dem die Sowjetführung – und damit auch ihre österreichischen Vasallen – bald danach brechen sollte; die sozialistischen Parteizeitungen machten den Fall als Erste publik, als einen Beleg für ihre wiederholt vorgebrachte Behauptung, dass führende Kommunisten, die in Opposition zur offiziellen Parteilinie stünden, ausgeschaltet würden; und das lokale ÖVP-Organ „Steirerblatt“ rief am 30.Mai 1948 dazu auf, recht zahlreich zur Seelenmesse für Presterl und Gasser in der Grazer Stadtpfarrkirche zu erscheinen.

Dann war es lange still um Josef Martin Presterl. 1990 erinnerten Fritz Keller und Hans Landauer an ihn, in einem Sammelband über österreichische Stalin-Opfer, denen er nun wirklich nicht zugerechnet werden kann. Landauer fand und findet die von alten Parteikommunisten weitergetragenen Gerüchte, wonach Presterls Selbstbezichtigungen doch nicht ganz aus der Luft gegriffen seien, besonders empörend, weiß er doch von vielen Leidensgefährten, denen sein Dachauer Kamerad geholfen hat: Presterl arbeitete in einem Kommando, dem die Zuteilung von Häftlingen zu Arbeitseinsätzen oblag, und schaffte es immer wieder, gefährdete Häftlinge in besseren Kommandos unterzubringen. So erscheint Presterl, der als 32-Jähriger vor das Erschießungskommando einer Staatsmacht treten musste, deren Politik er mit glühendem Eifer propagiert hatte, als ein auch von den eigenen Genossen Niedergestreckter: verraten, verfemt, verschwiegen, wie die sieben Helden von Danilo Kiš' Roman „Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch“.

Gemeinsam mit Karl Wimmler legt Halbrainer nun ein Buch über den steirischen Widerstand vor, das Presterl nach intensiven Recherchen vor seiner Jugoslawienreise fertiggestellt hatte. „Das Manuskript blieb nach der Hinrichtung Presterls 1948 liegen“, so die Herausgeber. „Der Grund dafür dürfte wohl der gewesen sein, dass die KPÖ, in deren Auftrag er das Manuskript verfasst hatte, nichts mehr mit Presterl zu tun haben wollte.“ Zufällig war das verschollen geglaubte Werk mit dem Titel „Im Schatten des Hochschwab“ vor einiger Zeit aufgetaucht; seine Erstveröffentlichung nach über 60 Jahren stellt in mehrfacher Hinsicht ein Ereignis dar. Einmal, weil sie einem Akt historischer Gerechtigkeit gleichkommt; zum Zweiten, weil das Buch einen enormen Erfahrungsschatz birgt; schließlich, weil das künstlerische Bemühen seines Autors Respekt verdient: Das Buch ist mehr als nur eine Sammlung von „Skizzen aus dem steirischen Widerstand“, wie der allzu bescheidene Untertitel lautet, kein Bericht, sondern ein durchkomponierter Roman, in dem ständig die Schauplätze wechseln, wobei alle Personen unter ihren wirklichen Namen auftreten (und im Anhang in einer Art Who's who der anderen, besseren Steiermark biografisch erfasst werden).

Beeindruckend ist die gestalterische Kraft, mit der Presterl die vielen Stränge gleich zu Beginn – mit der „Ersten Nacht“, der vom 11. auf den 12. März 1938 – miteinander verknüpft: kurze heftige Szenen aus Graz, Bruck, Kapfenberg, Judenburg und Leoben, am Rande des Trubels die Handvoll Nazigegner, die bestrebt sind, wenigstens die paar Gewehre, den einen oder anderen Abziehapparat, die verschlissene Fahne einer Ortsgruppe zu retten. Noch ist nicht die Zeit, den Kampf gegen die neuen Herren aufzunehmen. Mehr als deren Übermacht bedrückt sie die Euphorie ringsum, im „jubelnden unglücklichen Land“. Da sind ihre unbeholfenen Bemühungen, sich selbst Mut zuzusprechen: „Nichts dauert ewig.“ Da ist ihr Gefühl der Vereinzelung, das „von Menschen, die bereit waren, ihr Leben für eine bessere Zukunft aller zu opfern, obwohl die Masse schrie: ,Kreuzigt sie!‘“ Von Pathos, das die Herausgeber dem Roman anlasten, habe ich nichts bemerkt – es sei denn, sie meinen die Emphase der Verzweiflung, weil sich die fragile Brücke des Widerstands ins Leere zu spannen scheint, für lange Jahre, ehe es zu einem Bündnis mit Zwangsarbeitern und Partisanen aus Jugoslawien kommt.

Noch die Schilderung der letzten Kriegstage ist frei von Schönfärberei. Beim Modenmüller in Graz, wo sich die Steirische Kampfgemeinschaft zusammenfindet, lehnt eines Abends Anfang Mai 1945 der Schlosser Karl Aigner – mit 51 Jahren einer der ältesten Freiheitskämpfer – gedankenverloren an einem Tisch. „Jahrelang hatte er diese Tage herbeigesehnt, in vielen schlaflosen Nächten Pläne geschmiedet, was wohl zu tun sein wäre, wenn die Stunde der Befreiung herankäme. Das sprudelnde, rasende Leben hatten sie alle über den Haufen geworfen, denn die Wirklichkeit sah anders aus. Es gab keine marschierenden Freiheitsbataillone, keine wehenden roten und rotweißroten Fahnen, keine jubelnden Massen, nein, die gab es nicht, im Gegenteil, die Stadt schien ein Leichentuch der Ruhe zu tragen.“ Auch der Schlusssatz klingt wenig triumphalistisch: „Und dunkel lag die Zukunft vor ihnen allen!“ Er erinnert mich an eine Äußerung der Arbeiterdichterin Henriette Haill, derzufolge das Kriegsende 1945 als graues Tuch über sie gefallen sei. Zuletzt wird, bei Presterl, auch ausgesprochen, was für die Friedenszeit denen zugedacht ist, die als Einzige gekämpft haben: „Ihr haltet die Straßen, und wir machen die Regierung.“

Natürlich sind dem Roman die Bedingungen anzumerken, unter denen er entstanden ist. Presterl hatte, alles in allem, nur ein halbes Jahr Zeit, in dem er außerdem als Journalist und Verleger zu tun hatte. „Im Schatten des Hochschwab“ ist trotz dieser widrigen Umstände eine Entdeckung und ein Ereignis. Der große literarische Wurf überden antifaschistischen Widerstand, hier ist er zumindest versucht worden. Der Roman wäre, selbst wenn man ihn beizeiten veröffentlicht hätte, garantiert nicht in seiner Bedeutung erkannt worden.

Damals allein deshalb nicht, weil er einen Kommunisten zum Verfasser hat, und dabei hätte es keine Rolle gespielt, dass dieser Kommunist von anderen Kommunisten getötet worden war; und genauso wenig in den letzten 20, 30 Jahren und weiter in Gegenwart und naher Zukunft: weil er sich zwar der Heroisierung entschlägt, aber durchdie Würdigung des Widerstands (auch von Frauen übrigens, und in deren Beschreibung besonders innig) die Opfer-Täter-Perspektive aufbricht, die als einzig zulässige gilt. Und weil in ihm fast nur Arbeiter, Arbeiterinnen vorkommen, was den mittelständisch verbildeten Literaturvermittlern nach wie vor sauer aufstößt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2011)