SuperMarkt: Fidel Castro, der alte Kapitalist

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Fidel Castro(c) AP (Javier Galeano)

Erst unlängst hat das Regime über 170.000 Lizenzen für die neuen Selbstständigen ausgestellt. Während Kuba sich dem Kapitalismus öffnet, wird hierzulande von der profitbefreiten Gemeinwohlökonomie geträumt.

Margot Honecker hätte vergangene Woche wohl am liebsten durchgeschlafen. So aber musste die Hinterbliebene des langjährigen DDR-Diktators und glühende Verehrerin Fidel Castros aus dem chilenischen Exil erleben, wie die vorletzte „reine“ Planwirtschaft der Welt den Kapitalismus zu Hilfe ruft, um ihren Sozialismus irgendwie über die Runden zu bringen. Am sechsten und gleichzeitig letzten Parteitag unter Fidel Castro segneten die Kommunisten eine ganze Reihe von marktwirtschaftlichen Reformen ab, um dem verarmten Volk die Chance zu geben, künftig für sich selbst zu sorgen. Der Staat kann das nämlich schon lange nicht mehr.

Erst unlängst hat das Regime über 170.000 Lizenzen für die neuen Selbstständigen Kubas ausgestellt. Privatpersonen ist es mittlerweile erlaubt, ihre Kundschaft aus dem In- und Ausland zu bekochen, zu frisieren, zu maniküren und durch das Land zu führen. Sie tun das zwar auf eigene Rechnung, 90Prozent der Einnahmen gehen aber umgehend an die Staatsführung. Demnächst soll auch der Handel mit Autos und die Vermittlung von Immobilien teilweise freigegeben werden, in Summe werden über 200 Berufe für private Anbieter geöffnet.

Von der neuen Freiheit sollen nicht zuletzt jene 500.000 Staatsdiener profitieren, die das kommunistische Regime gefeuert hat, weil es die Löhne nicht mehr bezahlen kann. Das ist erst der Anfang, mehr als eine Million Beamte werden in den nächsten fünf Jahren auf die Straße gesetzt. Dort erwartet sie kein schöner Anblick. Der einzige Geschäftszweig, der nach 52 Jahren sozialistischer Befreiung noch wirklich boomt, ist die Prostitution. Das wiederum wissen vor allem ältere Herren und auch Damen aus Europa zu schätzen, die sich mit jungen Inselbewohnern günstig die Zeit vertreiben. Mit den „Trinkgeldern“ der zahlungskräftigen Klientel sichern die am Hungertuch nagenden Kubaner nicht nur das eigene Überleben, sondern auch jenes ihrer Familien.


„Solange der alte Castro noch lebt“. In der Heimat angekommen, schwärmen nicht nur erschöpfte Kuba-Touristen von der wildromantischen Karibikinsel. Auch jene, die noch nie dort gewesen sind, wissen allerhand über die „coole“ Insel zu berichten. Die staunenden Freunde werden nicht ohne den gut gemeinten Rat entlassen, doch möglichst bald nach Kuba zu jetten, solange der alte Fidel noch lebt. Danach, so die mitschwingende Befürchtung, werden die Amerikaner kommen, das Land mit McDonald's-Filialen zupflastern und der einzigartigen Atmosphäre ein jähes Ende setzen.

Glorifiziert wird Kuba nicht nur wegen seiner tollen Strände und freundlichen Bewohner, sondern auch wegen seines funktionierenden Bildungs- und Gesundheitswesens. Nicht zuletzt damit versuchten sich Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre oder Leinwandlegenden wie Robert Redford den sozialistischen Völkerkerker schönzureden. Selbst gebildete Zeitgenossen wissen heute noch großzügig darüber hinwegzusehen, dass Fidel Castro und Che Guevara zu den professionelleren Massenmördern der Geschichte zu zählen sind. Was in den Wohlstandshochburgen des Westens freilich niemanden davon abhält, die Konterfeis der lässigen Revolutionäre stolz auf den Billig-T-Shirts zu tragen. Nicht zuletzt deshalb sollten vor allem Eltern mit ihren Kindern tatsächlich nach Kuba fliegen, solange Castro noch lebt. Um ihrem Nachwuchs einmal die Realität jener „profitlosen Gemeinwohlökonomie“ vor Augen zu führen, die von Globalisierungsgegnern und Teilen der Lehrerschaft als zukunftsweisende Alternative zum „zerstörerischen Kapitalismus“ verkauft wird.


Fruchtbares Land. Die Jungen könnten dann vor Ort bestaunen, wie selbst Ärzte im hochgelobten kubanischen Gesundheitswesen mit weniger als 30Euro im Monat durchkommen müssen. Und ganz normale Kubaner wissen bestimmt auch eine Menge darüber zu berichten, wie die streng rationierten Lebensmittel gerade einmal bis Mitte des Monats reichen.

Man kann auch stundenlang an verrottenden Industriekomplexen und brachliegenden Feldern vorbeifahren, um Antworten auf die Frage zu suchen, warum eines der fruchtbarsten Länder der Welt trotz idealer klimatischer Verhältnisse 80Prozent seiner Grundnahrungsmittel importieren muss (großteils aus den USA). Und warum die eine Hälfte besten Ackerlandes gar nicht, die andere nur spärlich bewirtschaftet wird. Spätestens dann dürfte man ins Grübeln kommen, ob das Land tatsächlich an den (ohnehin leicht zu umgehenden) Handelssanktionen des Westens zerschellt ist. Oder ob es nicht doch die systematische Unterdrückung der individuellen Freiheit und unternehmerischen Initiative war.

Vielleicht ist auch etwas über die geplante Einführung von Studienbeschränkungen zu hören, mit deren Hilfe das Regime weniger Akademiker für die Straße ausbilden will. Möglicherweise ergibt sich ja auch ein Gespräch mit einer Familie, in dem diese erzählt, ob auch ihre Verwandten auf der Flucht in die USA von Haien zerfetzt wurden oder „nur“ ertrunken sind.

Von all dem ist in Österreichs Schulen leider viel weniger zu erfahren als von den lässigen Helden der Revolution, die ihr Land vom Kapitalismus befreiten, um es in eine bessere Zukunft zu führen. Margot Honecker hätte daran freilich wenig auszusetzen.



franz.schellhorn@diepresse.com