Was Herr Lugner für sein Grundrecht hält, ist in Wahrheit ein Rückschritt

Die engagierte und warmherzige Streitschrift des „Spiegel“-Autors Matthias Matussek für seine katholische Kirche lehrt sogar den Zweifler, welche Fortschritte wir ihr zu verdanken haben.

Vom „Spiegel“ ist man gewohnt, glasklare, nüchterne, mit trockenem Humor gewürzte Artikel zu lesen. Dasselbe darf man erwarten, wenn ein „Spiegel“-Autor ein Buch verfasst. Doch bei dem Werk „Das katholische Abenteuer – eine Provokation“ von Matthias Matussek findet man nicht nur all diese Vorzüge im Übermaß.

Man wird zudem überrascht, wie gut dem einstigen Leiter des Kulturressorts eines nicht gerade als kirchenfreundlich bekannten Blattes eine engagierte Streitschrift für die katholische Kirche gelungen ist. Und zwar just für die als verzopft und antiquiert verschriene Kirche, die Appelle „fortschrittlicher“ Katholiken à la Drewermann, Küng (und hierzulande: Kohlmaier) souverän missachtet, die sich nicht um Trends und Mahnrufe schert und die keiner der politisch so korrekt klingenden Moden nachläuft, welche die evangelischen Kirchen Deutschlands bereits wie eine Krankheit zum Tode befallen haben.

Selbst wenn man einige der fundamentalen Positionen der katholischen Kirche nicht versteht oder gar ablehnt, empfindet man die Schrift Matusseks als warmherzige Verteidigung einer Institution, der die moderne Welt mit ihren Errungenschaften außerordentlich viel verdankt – all den bösen Worten von der „Kriminalgeschichte des Christentums“ zum Trotz; Kirchenhistoriker wissen davon ein Lied zu singen und nichts davon soll unter den Teppich gekehrt werden.

Aber ohne Patristik und Scholastik wäre Aufklärung undenkbar. Ohne die Botschaft, dass jedem Menschenkind eine unsterbliche Seele zu eigen ist, wäre es nie zur Idee der Menschenrechte gekommen, ursprünglich vom Dominikanermönch Las Casas zur Verteidigung der peruanischen Ureinwohner erhoben, wonach jedem Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht im gleichen Maße Würde, Grundrechte und die Erlangung des Glücks offenstünden.

Ein winziges Detail davon betrifft die Zeiteinteilung, die von der einst mächtigen Kirche durchgesetzt wurde: Kaiser Konstantin hatte verordnet, den Sonntag in Erinnerung an den Tag der Auferstehung Jesu als besonderen Tag zu feiern, an dem die Arbeit möglichst ruhen soll. Übernommen wurde diese Tradition vom Judentum, aber Christen sollten nicht mehr den Samstag, sondern den Sonntag heiligen.

Unabhängig davon, welcher religiöse Gehalt die Ausnahmestellung eines der sieben Wochentage begründet, war es ein gewaltiger Fortschritt, den Zeitenlauf mit Zäsuren zu versehen, welche allen Menschen ein Innehalten erlauben. Auch Zweifler, die zur Messe gingen, vermochten wenigstens im wundersamen Ritus zu sich selbst zu finden.

Herr Richard Lugner mag es für sein Grundrecht auf freie Erwerbstätigkeit halten, dass er an „besonders nachfrageintensiven“ Sonntagen seinen Laden aufsperren und die Angestellten zur Sonntagsarbeit zwingen möchte – an die vorgeschützte Freiwilligkeit glaubt bestenfalls eine naive Frohnatur. Und Josef Urschitz mag dem famosen Krämer mit dem auf Gewerkschaft und Wirtschaftskammer gemünzten Wort von „Rollladen-Fetischisten“ tapfer zur Seite stehen.

Dass sie mit ihrem nur ans Verdienen gerichteten Denken den Menschen Wertvolles nehmen, was ihnen einst die Kirche gab – selbst wenn viele von uns diesen Wert kaum mehr fassen –, kommt ihnen nicht in den Sinn.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2011)