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Geklontes Fischchen

Mit einem drakonischen Plagiatsverdikt gegen den viermaligen Weltmeister Rybka sucht der Computerschachverband verlorene Aufmerksamkeit.

Im Jahr 2005 geschah in der überschaubaren Welt des Computerschachs Unerhörtes. Der Amerikaner Vasik Rajlich, ein Neuling in der Szene, steigerte das Niveau seines Programms Rybka um 800 Elopunkte. Gewöhnlich schaffen Schachprogrammierer – oder auch Nachwuchsspieler – in einem Jahr Verbesserungen um 50 bis 100 Elopunkte. Rybka war mit einem Schlag allen anderen überlegen, die besten Menschen eingeschlossen. Von wegen „Fischchen“, was der aus dem Russischen stammende Name bedeutet, sondern mindestens der Hecht im Karpfenteich.

Von da an schnappte sich Rybka, was auf dem schrumpfenden Markt für spielstarke Schachsoftware noch zu holen war. Für die Konkurrenz blieben nur Brosamen. Wie hatte Rajlich das geschafft? Das wollte auch Chrilly Donninger erfahren. Der Waldviertler ist der Vater von Hydra, einer Spezialanfertigung parallel geschalteter Prozessoren, die für kurze Zeit das Maß der Dinge im Computerschach gewesen ist. Donninger weiß, wie man Codes disassembliert, also aus Maschinensprache in eine für Experten verständliche Programmiersprache übersetzt. Gleich nachdem das Rybka-Fieber ausgebrochen war, analysierte er die ausführbaren Dateien des Wunderprogramms. „Ich habe vergeblich nach Neuigkeiten gesucht“, erinnert sich Donninger. Nur drei vermeintliche Innovationen habe er gefunden. Eine davon stellte sich als Programmierfehler in der Mattbewertung heraus.

Vergleiche zwischen Mensch und Maschine auf dem Schachbrett sind Geschichte. Was für künstliche Intelligenz und Informatik aus der Beschäftigung mit Schach zu holen war, ist ausgelutscht. Als Analysehilfe werden die Programme von Großmeistern und Fernschachspielern zwar geschätzt, bei neuer Schachsoftware ist Spielstärke aber längst nicht mehr das zentrale Feature. Es geht um kindgerechte Animation und Pädagogik wie bei Fritz & Fertig oder um die pralle Inszenierung wie bei Battle Chess.

Die International Computer Games Association (ICGA) organisiert weiterhin Wettbewerbe und Konferenzen für Computerschach, aber wissenschaftliches Renommee verschafft sie kaum noch. Vorige Woche meldete sich der Verband mit einem spektakulären Verdikt aus der Versenkung zurück: Rybka wurden alle vier errungenen Weltmeistertitel aberkannt, Rajlich wurde auf Lebenszeit von den Wettbewerben ausgeschlossen und zur Rückgabe der Trophäen und Preisgelder aufgefordert. In dieser Schärfe ging das Urteil über die Empfehlungen eines Expertenpanels hinaus, das auf einer mehrmonatigen Untersuchung beruhte, die erhebliche Übereinstimmungen zwischen Rybka und zwei älteren Programmen mit offengelegtem Code namens Fruit und Crafty feststellte. Gut zwei Drittel von Rajlichs Code sollen abgekupfert sein.

Den Stein ins Rollen gebracht hat der Amerikaner kurioserweise selbst. In den letzten drei Jahren tauchten Rivalen auf, die an der Sonderstellung seines Programms kratzten. Sie tragen Namen wie Firebird, Ippolit oder Strelka. Die meisten Autoren blieben anonym, an ICGA-Wettbewerben nahmen sie nicht teil, und sie kursierten frei zum Download im Internet. Rajlich sah seine Einnahmen schwinden und beklagte öffentlich Datenklau. Ein Programm wie Strelka sei nur ein leicht abgewandelter Klon von Rybka,schimpfte er. Das derzeit führende, kostenlos erhältliche Programm Houdini ist eine Weiterentwicklung eines Klons.

Bald schwirrte die Frage, wer hier eigentlich wen plagiierte, durch die Foren. Sie erreichte auch Fabien Letouzey in Form der Bitte, einmal Strelka nach Übereinstimmungen mit seinem eigenen Programm Fruit durchzusehen. Letouzey, der sich schon vor Jahren aus dem Computerschach zurückgezogen hatte, fand ein umformuliertes, aber im Wesentlichen auf seinem Programm gebautes Programm. In einem offenen Brief warf Letouzey diesen Jänner die Frage nach Übereinstimmungen mit Rybka auf. Einige Wochen darauf startete die ICGA ihre Untersuchung. Doch warum erst jetzt, bald sechs Jahre nach Rybkas großem Sprung und nach Donningers tiefen Einblicken in Rajlichs Werk? „An und für sich war bekannt, dass ich das disassembliert habe. Man hätte mich ja schon damals fragen können. Mir war es aber auch schon damals wurscht“, so Donninger rückblickend. Besonders mit der ICGA will er nichts mehr zu schaffen haben. „Da rumort es in den Eingeweiden, wenn ich nur an die denke.“

Der Waldviertler ist nicht der Einzige, der sich vom Verband distanziert. „Es ist widerlich und selbstgerecht, wie die ICGA die Affäre in die Medien zerrt“, findet der Niederländer Ed Schroeder, der in den für Schachprogrammierer goldenen Neunzigerjahren selbst Profi war. Vielleicht hat die ICGA ihre bisher lasche Haltung zum Abkupfern auch überdacht, um treuen Mitgliedern einen allzu erfolgreichen Rivalen aus dem Weg zu räumen. Dass Rybkaschon Ende 2005 um zwei Klassen stärker war als FruitundCrafty und seitdem kontinuierlich verbessert wurde, beweist für Schroeder, dass Rajlich eigene Ideen entwickelt hat, um die Früchte der Arbeit anderer zu ernten.


„Zeile für Zeile durchgekämmt“

Rajlich machte damals kein Hehl daraus, dass er Fruit „Zeile für Zeile durchkämmt“ hat, und lobte Letouzeys Ideen als großen Fortschritt, bedauerte aber, dass er als Profi seinen eigenen Code nicht offenlegen könne. Heute schweigt er zu den Vorwürfen. Abgesehen von einer Erklärung, dass Rybka keinen Code von anderen verwende, hatte er der ICGA nichts mitzuteilen. Auch auf E-Mails der „Presse“ hat der mit seiner polnischen Frau in Warschau lebende Amerikaner nicht geantwortet. Seine Vertriebspartner Convekta und Chessbase halten sich ebenfalls bedeckt.

In den Foren wird spekuliert, wer nun wen klagen wird: Rajlich oder seine Vertriebspartner die ICGA auf entgangene Umsätze durch Rufschädigung? Die ICGA ihn auf Rückzahlung der Preisgelder? Oder Fabien Letouzey und Bob Hyatt, die Autoren von Fruit und Crafty, auf Beteiligung an denRybka-Umsätzen? Während die Computerschachszene in Aufruhr ist, hat die Schachwelt Sorgen anderer Art. Die Fälle, in denen Spieler während laufender Partien Rat durch Software holen, häufen sich. Der französische Verband erwischte seinen Nationaltrainer, einen Nationalspieler und einen Komplizen bei der Übermittlung der laut Computer besten Züge. Eine ausgesprochene Sperre über fünf Jahre wurde wegen Formfehlern allerdings von einem Zivilgericht aufgehoben.

Chrilly Donninger ist froh, all das hinter sich gelassen zu haben. Scheich Tahnoon Bin Zayid aus Abu Dhabi, der schon sein Hydra-Projekt gesponsert hat, hat ihm einen neuen Job gegeben: Von Altmelon aus entwickelt er nun Börsenprognosen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2011)