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Männer: Das Recht auf "Nein" zum Kind

Maenner Kinderfrei statt kinderlos
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Früher mussten sich die Frauen rechtfertigen, wenn sie keinen Nachwuchs wollten. Jetzt spüren Männer den Druck - und müssen erklären, warum sie keine (neuen) Väter werden wollen.

Angeblich sind es die Frauen – und nur die Frauen –, die bis 50 mit der Frage des Kinderkriegens kämpfen: Sollen sie oder sollen sie nicht, mit oder ohne Partner, bringt ein Kind Erfüllung oder nimmt es das letzte Stück Freiheit?

Das kann aber wohl so nicht ganz stimmen. Ein vor Kurzem auf derstandard.at erschienenes Interview mit Wolfgang Mazal, Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung, über den sinkenden Kinderwunsch von Österreichs Männern trat nämlich eine richtige Lawine von Postings los. Endlich, so lautete der Subtext vieler Beiträge, endlich werden auch wir Männer zu diesem Thema gefragt. Endlich können sie sagen, wie es ihnen damit geht. Endlich!

Diese Reaktion zeigt, dass bei dem Thema „Mann – Kind: ja oder nein“ offenbar noch mehr gesellschaftliche Baustellen offen sind als bei „Frau – Kind: ja oder nein“. Was kein Wunder ist, denn „frau“ scheint in diesem Zusammenhang weitgehend gegessen zu sein. Vor einiger Zeit stellten viele westliche Staaten fest, dass vor allem gut ausgebildete Frauen in eine Art „Gebärstreik“ getreten waren. Die Kinderlosigkeit unter Akademikerinnen stieg sprunghaft an, Modelle zur Verbesserung dieser Situation wurden gesucht, in vergleichbaren, kinderreicheren Staaten gefunden und ausprobiert: Kindergeld erwies sich zum Beispiel als nicht so wichtig wie eine effiziente Kinderbetreuung, mehr Flexibilität am Arbeitsplatz und in der Partnerschaft.

„Kinderfrei“ statt kinderlos. Im Verlauf dieser Diskussion lernten Frauen damit umzugehen, dass sie beim Thema „Familie“ in der öffentlichen Wahrnehmung nur verlieren können: Arbeiten sie zu viel, sind sie Rabenmütter; verzichten sie zugunsten der Kinder, sind sie Glucken oder „Prenzlauer-Berg-Mütter“ (gut ausgebildete Frauen, die sich einige Jahre ihren Kindern statt dem Job widmen und den Mann verdienen lassen – derzeit liebstes Feindbild der Berliner Linken). Haben sie zu viele Kinder, sind sie „Kampfmütter“ (einer der blödesten Ausdrücke überhaupt); haben sie keine, sind sie selbstsüchtig, karrieregeil und so weiter und so fort. Immerhin haben Frauen gelernt, die Entscheidung, die sie allein oder gemeinsam mit dem Partner getroffen haben, gelassener zu vertreten. Dieses mühsam erkämpfte Selbstbewusstsein spiegelt sich auch in der Diktion wider: Man kann heute auch „kinderfrei“ sagen und ist nicht mehr nur auf „kinderlos“ angewiesen.

Die ewigen Zweiten. Die Männer sind da noch nicht so weit. Vielleicht liegt es daran, dass sie bei Kinder- und Familienthemen ewige Zweite sind. Probleme, mit denen sich Frauen vor 20 Jahren herumschlugen, holen jetzt die Männer ein. Drei Beispiele zeigen das: Erstens Trennungen, da waren früher vor allem Frauen die Leidtragenden. Meistens nicht berufstätig, bedeutete eine Scheidung für sie oft das finanzielle Prekariat. Heute ist das anders. Die „Scheidungsväter“ sind in den letzten Jahren zu einer richtigen Bewegung geworden. Sie beklagen, dass sie bei einer Trennung nur noch zahlen müssten, gleichzeitig aber vom guten Willen der Exfrau abhingen, ob und wie oft sie ihre Kinder zu Gesicht bekämen.

Zweites Beispiel: Die Emanzipation von der eher distanzierten, klar demarkierten Rolle des Familienoberhaupts zum „neuen Vater“ ist noch vergleichsweise jung, dafür aber – in der Theorie zumindest – überaus erfolgreich. Kaum eine Gruppe wird derzeit so wohlwollend beäugt wie Väter, die sich aufopfernd mit ihren Kindern beschäftigen. Dieses Ideal bedeutet aber gleichzeitig auch eine gewisse Herausforderung, legt es doch nahe, dass nur ein „neuer Vater“ auch ein „guter Vater“ ist.

Diese Verklärung des „neuen Vaters“ war aber möglicherweise ein Schuss ins Knie. Denn immer mehr potenzielle Dads scheuen vor dieser doch ziemlich hoch liegenden Latte zurück. Einerseits sehen sie sich im hartnäckig wertkonservativen Österreich weiterhin als Familienerhalter, andererseits spüren sie – halb Pflicht, halb Neigung – den Druck, sich angemessen um ihre Kinder zu kümmern.

Angst vor der Doppelbelastung. Viele Männer fühlen sich dieser Doppelbelastung nicht gewachsen und reagieren wie schon hunderttausende Frauen vor ihnen: Sie entziehen sich den einander widersprechenden Anforderungen, indem sie das Kind sozusagen mit dem Bade ausschütten. Damit kommen zu den „kinderfeindlichen“ Männern, die wir ja alle zu kennen glauben – denen Kinder zu teuer, zu lästig und zu einschränkend sind –, jene Zeugungsverweigerer, die sich die gesellschaftlich auffrisierte Version der Vaterschaft einfach nicht zutrauen.

Panik ist aber noch nicht angesagt. Man sollte eher etwas Geduld mit den Männern haben und fleißig forschen, wie man es ihnen leichter machen kann. Denn obwohl die internationalen Statistiken schwarzmalen und zeigen, dass der Österreicher in puncto Kind offenbar wunschlos am glücklichsten ist, findet man auch nicht sehr oft Männer, die Nachwuchs wirklich dezidiert ausschließen. „Jetzt sicher nicht. Aber später? Wer weiß“, lautet ein Stehsatz. Vielleicht ist die Kinderskepsis nur ein Ausdruck dafür, wie sehr die Männer gesellschaftspolitisch die Orientierung verloren haben. Die andere Möglichkeit ist natürlich, dass sie wirklich alle lieber Sportwagen fahren.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2011)