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„Wien? Sooo wenig Energie!“

Erdem geht die Straße rückwärts hinauf. „Kennst du die Bewegung der Rückwärtsgeher nicht? Sie gehen mit einem Spiegel, der auf Schulterhöhe befestigt ist.“ Über türkische Ironie, das ottomanische Revival und ein „Wir-schaffen-das“-Lächeln: Nachrichten aus Istanbul.

Sind Sie für das Shopping Festival gekommen?" Die Frage ist nicht verwunderlich, wenn man im Istanbuler Stadtteil Nişantaşı seine Unterkunft hat, wo alle großen Mode- und Designmarken ihre Flagshipstores unterhalten. Bezeichnend aber auch, weil die großen Shoppingmalls, so scheint es, Architekturstolz Istanbuls sind. Der Chef eines nahe meinem charmanten Zwölf-Zimmer-Hotel gelegenen Café-Restaurants sagt viel Freundliches über Wien, bis er dann doch nicht an sich halten kann: „Aber sooo wenig Energie, so langweilig. Ich könnte dort nicht leben." Den Vergleich mit Istanbul in Sachen Energie bestehen allerdings nur wenige europäische Städte.


Seit den 1980er-Jahren hat sich die Stadt auf zwei Kontinenten unter Vervierfachung der Bevölkerungszahl zur heutigen 15-Millionen-Metropole katapultiert. Doch während Istanbul auf den Gebieten Mode, Musik und Interieur eine führende Rolle spielt, sind Architektur und bildende Kunst vergleichsweise wenig präsent. Han Tümertekin, der „Peter Zumthor der türkischen Architektur", hat eben den Auftrag für den Bau eines Shoppingcenters im wichtigsten Geschäfts- und Kulturboulevard Istanbuls zurückgelegt. Der Forderung nach einer osmanisch-historisierenden Fassade wollte der Aga-Khan-Preisträger nicht nachkommen.

Alleine würde man das Lokal in einer Seitengasse der Istiklal nie finden, das die Architekten der Gruppe „Aboutblank" für ein Treffen ausgewählt haben. Durch ein düsteres Stiegenhaus geht es bis ins Dachgeschoß, wo sich ein Blick über das Goldene Horn auftut. Die vier jungen Architekten können auf eine Reihe gewonnener Wettbewerbe und auf preisgekrönte Filme verweisen. Die öffentliche Hand ist als Förderer und Bauherr für junge Architekten so gut wie inexistent. Umso wichtiger sind Kontakte zu europäischen Partnern.
Offizielle Kulturpolitik bedeutet vorrangig ottomanisches „Revival". Zensur des Internets inklusive. Erst seit vergangenem Frühjahr ist nach zweijähriger Sperre „Youtube" wieder zugänglich. Was im Westen aber oft vergessen wird: Die Europäisierung der Türkei im 20. Jahrhundert ist ebenfalls unter großen Restriktionen erfolgt. Alles Arabische sollte getilgt werden bis hin zur Verordnung einer anderen Schrift.

Ich möchte nach Asien. Vom Taxim-Platz nimmt man am besten den Dolmuş - ein Sammeltaxi mit fixen Routen. Als der Minibus voll ist, geht es los, über die Bosporusbrücke auf den anderen Kontinent. In Kadıköy sieht es dann aber weit europäischer aus als im europäischen Teil der Stadt, fast wie in einer holländischen Stadt der Moderne. Anstelle von Moscheen findet man im Zentrum Kirchen. Kemal Atatürk ließ hier in den 1930er-Jahren Wohnquartiere anlegen. Das erläutert Ömer Kanipak, Gründer der ersten türkischen Architekturplattform, „Arkitera". Eine Hauptforderung von Architekten ist die Realisierung neuer Wohnbauformen. Monofunktionale Wohnsilos werden weltweit als Relikte betrachtet, „we are still building them", sagt Kanipak mit türkischer Ironie.

Als Digestif bekommt man nach dem Essen zwei Silberschälchen gereicht - eines mit Kardamon, den man isst, und eines mit Nelken, an denen man nur kaut. Wie eine Kultur mit dem Thema Verdauung umgeht, sagt viel über ihren wahren Stand. Wann werden die hier üblichen WCs mit integrierter Boudoirfunktion auch in Mitteleuropa Eingang finden?

Tomur Atagök ist emeritierte Professorin und ehemaliger Dean am Department für Kunst und Design der Yildiz Technischen Universität. Sie ist auch die türkische Pionierin einer modernen Museologie. Speziell das Vorhaben eines Museums moderner Kunst in Istanbul war ihr Anliegen. „I gave up", sagt die sonst alles andere als resignative Wissenschaftlerin und Künstlerin („I am a feminist").
Die Staat und Stadt regierende Politik hat mit zeitgenössischer Architektur und Kunst nichts am Hut. Die Förderer der diskursiven Kunst und Kultur in Istanbul sind Banken und eine Hand voll reicher Familien. So sind die in ehemaligen Industriestrukturen eingerichteten neuen Kultur- und Architekturattraktoren „Istanbul Modern" und „Santralistanbul" private Unternehmungen. Die derzeitige restaurative Kulturpolitik kommt auch in der Besetzung leitender Positionen von Universitäten zum Tragen. Und in der Intention, Paläste in Traumlagen, die unter Atatürk Bildungsinstitutionen übergeben wurden, als ottomanisches Erbe rückzuwidmen.

„In Istanbul gibt es keine strikte Trennung von Arbeiten, Wohnen und Freizeit." Für diese integrative Lebensart ist die Straße - weit mehr als Plätze und Grünflächen - zentraler Schauplatz. Dem Erhalt dieses Lebensraums, der durch parkende Autos bedrängt wird, widmet das Architekturbüro „Superpool" eines seiner Projekte. „Superpool", das sind Selva Gürdoğan und Gregers Tang Thomsen. Der Däne und die Istanbulerin haben sich im New Yorker Büro von Rem Koolhaas kennengelernt. Sie führen heute eines der international agierenden, anspruchsvollen jungen Architekturbüros. Selva - sie trägt Kopftuch - ist eine imponierend toughe Frau. Die türkische Lebensart, die Arbeiten und Privatleben zu integrieren vermag, praktizieren sie und ihr Mann selbst: Im coolen Loftbüro in einem 1960er-Jahre-Bau im Hafenviertel Karaköy, mit mehreren Mitarbeitern, spielen, essen und schlafen - betreut von einem Kindermädchen - auch ihre beiden Kinder.

Erdem geht die Straße in Cihangir, einem Stadtteil von Beyoğlu, rückwärts hinauf. „Kennst du die Bewegung der Rückwärtsgeher nicht? Sie gehen mit einem Spiegel, der auf Schulterhöhe befestigt ist." Beim späteren Nachschlagen im Internet finde ich zwar die Bewegung der „Rückwärtsgeher" nicht, aber ich lerne, dass Rückwärtsgehen heute eine anerkannte Methode der Chiropraktik bei vielfältigen Problemen des Bewegungsapparats ist und dass, laut einer Studie über den - besorgniserregenden - Gesundheitszustand Wiener Teenager, 60 Prozent der Wiener Schüler nicht mehr auf einem Bein hüpfen und 30 Prozent nicht mehr rückwärts gehen können. Zum Rückwärtsgehen gehört „Vertrauen in sich selbst und in die Welt". Umso mehr in Cihangir, mit seinen steilen und manchmal löchrigen Straßen.
Wir gehen rückwärts/vorwärts am Cihangir Joga Studio vorbei. „Joga mag ich nicht", sagt Erdem, der an der Mimar Sinan Universität Tanz und Choreografie studiert. Er verbessert sich: „Ich mag die Leute nicht, die Joga machen." Das Çati Dance Studio, in dem Erdem unterrichtet, hat tatsächlich nichts mit den schicken Joga-Studios in Istanbuls wohlhabenden Bezirken zu tun. Ein unbewohnt wirkendes Haus, das spärliche Ganglicht geht aus, als ich die Mitte der Treppe erreicht habe. Die Kontaktimprovisationsstunde bei Erdem in dem spärlich beleuchteten Saal war trotzdem einen Besuch wert.

Istanbul: Das ist immer Staatsangelegenheit. Im Vorfeld der Parlamentswahlen im vergangenen Juni lancierte Regierungschef Erdoğan - er war früher selbst Bürgermeister von Istanbul - den allseits so genannten „verrückten Plan": Ein künstlicher „zweiter Bosporus", ein 50 Kilometer langer Durchstich vom Marmara- zum Schwarzen Meer, soll der Ort für eine neue, die Metropole entlastende Nachbarstadt werden. Obgleich kaum jemand ernsthaft an die Realisierung dieser Wahlkampfankündigung glaubt, ist jedenfalls ein berühmter türkischer Architekt inoffiziell mit Planungen betraut.
Eine vermutlich fataler Ansatz zur Lösung des Verkehrsproblems wäre der geplante Bau einer dritten Bosporusbrücke. Die Brücke und ihre Folgen würde den Wald im Norden bis zum Schwarzen Meer massiv dezimieren. Dieser ist freilich Istanbuls Wasser- und Sauerstoffreservoir. Unter schwierigen Umständen und nur dank deutscher Kofinanzierung hat der Filmemacher Imre Balanli eine Dokumentation dazu gedreht. „Ecümenopolis - Das Ende Istanbuls" lief beim heurigen Istanbuler Filmfestival mit geändertem, unverfänglichem Untertitel: „Stadt ohne Grenzen".

Bei meiner Abfahrt zum Flughafen kalkuliere ich nicht ein, dass es der türkischen Mentalität widerstrebt, dem Gegenüber Unfreundlichkeiten ins Gesicht zu sagen - und dazu zählen auch realistische Fahrtzeitauskünfte zur Stoßzeit. Hotelportier und Taxifahrer besprechen zwecks Stauvermeidung eine großräumige Umfahrung der Stadt anstatt des direkten Weges entlang des Marmara-Meeres zum Atatürk-Flughafen. In Schnellstraßen-Schleifen durch die Täler der mit immer gleichen Wohnsilos bewachsenen Hügel, über enorme Brücken, die diese überspannen, ergeben sich vor dem Abendhimmel fantastische Bilder. Und es entsteht das Gefühl, sich in einer apokalyptischen Endlosschleife zu drehen.
Der Fahrer schickt mir ein beruhigendes „Wir-schaffen-das"-Lächeln.
Am Flughafen ist Schluss mit der türkischen Mentalität. Hier beginnt die kalte Parallelwelt des globalen Flugverkehrs. 45 Minuten vor Abflug bei den Check-in-Schaltern nur ein unverhandelbares: „Das System ist bereits geschlossen." Aber worüber beklage ich mich? Ein versäumter Flug. Dem Großteil der jungen türkischen Generation - ebenso gut ausgebildet und ebenso lern- und arbeitsbereit wie die vielen in diesem Land urlaubenden europäischen Alterskollegen - bleibt der Zutritt in die Welt des Reisens Richtung Westen verwehrt. ■

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2011)