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Der Massenmörder und die Vereinfachung der Realität

Ist Anders Breivik wirklich kein Islam-Hasser, wie Stephan Grigat in einem „Presse“-Gastbeitrag behauptet hat? Eine Replik:

Henryk Broder, David Spencer und andere Speerspitzen der Islamfeindlichkeit ergriffen schnell das Wort, als bekannt wurde, aus welchem „Wissens“-Reservoir der norwegische Massenmörder Anders Breivik für sein Manifest schöpfte. Sie distanzierten sich, um sich gleichzeitig für nicht schuldig der Beeinflussung zu erklären. Broder drehte gar den Spieß um und erklärte, dass Breivik nicht bei ihm oder Sarrazin gelernt habe, sondern bei Osama bin Laden.

Ähnlich versuchte jetzt Stephan Grigat in einem Gastkommentar in der „Presse“ (23.8.) festzuhalten, Breivik sei kein Islam-Hasser gewesen. Nein, er könne dem Islam sogar vieles abgewinnen [sic!]. Und das nach all den offensichtlichen Analysen über Breiviks Terror!

Grigat erwähnt die Unterstützung des Kalifats unter bestimmten Umständen. Sieht man sich die 60 Stellen an, an denen der Begriff des Kalifats Verwendung findet, erhält man insgesamt ein anderes Bild: Das Kalifat ist in den Augen Breiviks eine Diktatur, ein dschihadistisches Staatsgebilde etc.

Es ist wichtig festzuhalten, dass Breivik alles andere als eine widerspruchslose Ideologie vertritt. Seine Anschauungen speisen sich aus Versatzstücken unterschiedlichster Autoren. Es wäre falsch, ihn nicht als Antisemiten zu bezeichnen, nur weil er fallweise pro-israelische Haltungen in seinem Manifest einnimmt. Genauso abwegig ist es aber auch, ihn als im Kern pro-islamisch zu bezeichnen.

 

Strategie des Ethnopluralismus

Grigat hat recht, wenn er meint, Breivik differenziere zwischen europäischen Muslimen und Muslimen im Nahen Osten. Jedoch ist das ebenso wenig hilfreich wie die Differenzierung der Freiheitlichen Partei hierzulande.

Man erinnere sich an das freiheitliche Manifest „Wir und der Islam“ nach den heftigen Aussagen von Frau Susanne Winter im Jänner 2008. Darin heißt es bereits, dass man den Islam durchaus als eine der Weltreligionen respektiere. Nur will man die muslimische Religion hierzulande eben nicht ganz so anerkennen wie alle anderen, weshalb der Anerkennungsstatus der islamischen Religion auch zu hinterfragen sei.

Dass dieser scheinbare Widerspruch kein Widerspruch ist, offenbart die Strategie des sogenannten Ethnopluralismus. Mit diesem Begriff versucht Europas Neue Rechte ihren Respekt gegenüber dem anderen zum Ausdruck zu bringen. Aber nur solange die anderen nicht unter „uns“ sind und sich ja nicht mit „unseren Leut'“ vermischen. Deswegen brauchen wir nicht mehr von Rassenmischung sprechen.

 

Hass, Neid und Bewunderung

Besser klingt dann wohl doch, die kulturelle Eigenheit des anderen zu respektieren. Aber es ist sowohl aus dem Mund eines Breivik wie auch aus den Mündern der europäischen Rechtsextremen irrelevant. Die Mischung aus Hass, Neid und Bewunderung gegenüber dem Islam, die Grigat richtigerweise anspricht, baut aber schlussendlich auf einer Imagination des anderen, die selbst hinterfragt werden muss. Auch die Antisemiten hassten nicht nur die Juden, sondern beneideten sie des imaginierten Reichtums und der sexuellen Potenz wegen. Die „Gemeinschaft stiftende Kraft des Islams“ anzuführen, entspringt letztendlich auch einer Imagination.

Dass gerade der (in theologischer Hinsicht) sehr pluralistisch verfassten Religion des Islam, die weder Papst noch Kirche kennt, eine solche Kraft unterstellt wird, scheint mir mehr als fraglich. Mit diesem Stereotyp bewegt man sich auf der gleichen Ebene der Vereinfachung der Realität. Unter anderem diese Vereinfachung ermöglicht vielleicht erst eine Sicht auf die Welt, wie Breivik sie hatte.

Farid Hafez, promovierter Politikwissenschaftler, lehrt an der Uni Wien und ist Herausgeber des Jahrbuchs für Islamophobieforschung. 2009 erhielt er den Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis für das politische Buch des Jahres.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2011)