Schnellauswahl

...und die Linke hat den Konservativen die Rutsche gelegt

Ein Zwischenruf in die Debatte, die Charles Moore und Frank Schirrmacher losgetreten haben: Wo die „unsichtbare Hand“ heute hingreift...

Was ist ein Sozialdemokrat? Ein Neoliberaler, der es noch nicht weiß. Und was ist ein Bürgerlicher? Ein Neoliberaler, der allein an der ganzen Malaise schuld sein will.

Auf diesen Nenner kann man die von Charles Moore und Frank Schirrmacher losgetretene Debatte bringen. Was sich locker liest („die Linke könnte recht gehabt haben“), ist vermaledeiter, als auf den ersten Blick erkennbar, schon bei den Definitionen: Was ist denn bürgerlich, links, neoliberal?

 

Links, bürgerlich, neoliberal

Links ist der Versuch, die sozialen Folgen der natürlichen Ungleichheit der Menschen zu mildern. Bürgerlich – das ist wie stets die schiere Verzweiflung ob der Umstände, in die man geraten ist, während man gleichzeitig von ihnen profitiert. Neoliberal ist Manchester-Liberalismus mal Computer hoch Globalisierung. Dabei ist nichts am Neoliberalismus neu: „...hat alle... patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört... unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ,bare Zahlung‘ ... hat die heiligen Schauer ... in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt ... die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten ... gesetzt. Die ... ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände ... Alle festen ... Verhältnisse ... und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können ... alles Heilige wird entweiht ... Handelskrisen ... welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft infrage stellen ... Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen.“

Diese die Gegenwart charakterisierenden Zeilen stammen aus dem Jahr 1848, von zwei Männern, die 1861/62 einige Artikel für jene Zeitung schrieben, die Sie gerade in den Händen halten: Die Herren Marx und Engels antizipieren die Gegenwart im Kommunistischen Manifest.

 

Selektive Wahrnehmungen

Wie konnte es geschehen, dass diese frühen Erkenntnisse (den Marx'schen Konsequenzen muss man keineswegs zustimmen!) in Vergessenheit geraten sind, dass wir nun ein staunendes Bürgertum erleben, dem ob der Hervorbringungen der eigenen Geschöpfe der Mund beredt, aber sprachlos offen steht?

Es beginnt damit, dass man die eigenen Klassiker nicht ernst genommen und nur selektiv wahrgenommen hat. Klassisch ist die „unsichtbare Hand“, von der Adam Smith spricht und die für die Rechtfertigung der unbürgerlichen Ideen von Sozialdarwinismus, des Kampfes jeder gegen jeden und den Primat der Ökonomie (wie ihn nicht einmal überzeugte Marxisten sich vorstellen konnten) herhalten muss, weil sich eh alles selbst regelt. Adam Smith, seinem Wesen nach Humanist, von der Vernunftfähigkeit gerade der oberen Klassen überzeugt, postulierte, dass der moderne Kapitalist wesentlich mehr besitzt, als er zur Deckung der eigenen Bedürfnisse benötigt und daher – vernunftgeleitet! – statt sinnlos zu prassen, den Überschuss an die Bedürftigen geben würde.

Was der Reiche „zu viel“ an sich genommen hat, kehre so zurück zu denen, die es brauchen. Wie „durch eine unsichtbare Hand“ kämen die Dinge und ihre Verteilung in Ordnung. Wer je die Jachten-Parade der Plutokraten im Hafen Monacos gesehen hat, kann erahnen, welch weiten Weg Vernunft und Humanismus noch zurücklegen müssen, um bei der Menschheit anzukommen. Smith huldigte (wie Marx) einem übertriebenen Optimismus bezüglich der Reichweite menschlicher Vernunft.

Schirrmacher und Moore haben recht: Die linke Theorie wurde als Analyse glänzend bestätigt – der Glanz ist ab von der Pseudoreligion Neoliberalismus, den es im Gegensatz zu Rauschers These im „Standard“ auch in Österreich gibt: als blinde Unterordnung der Politik unter scheinbare ökonomische Sachzwänge!

 

Herold des eigenen Untergangs

Bloß: Das ist kein Grund für jene, die sich als „Linke“ sehen, die Huldigungen in Form sich überschlagender Selbstbezichtigungen zufrieden entgegenzunehmen. Nach den totalitären Katastrophen des 20.Jahrhunderts hat die Linke nicht nur die falschen Folgerungen, sondern auch die richtigen Analysen über Bord geworfen.

Mit dem Zusammenbruch des (sur-)„realen Sozialismus“ hatte das wie die Linke geistig verwahrloste Bürgertum keine Veranlassung mehr, die Überlegenheit des eigenen Systems zu beweisen. Ein Bürgertum, das triumphalistisch das Ende der Geschichte ausruft, ist bloß noch Herold des eigenen Untergangs. Und die Linke hat dem Bürgertum geholfen, da es aus eigener Kraft nicht einmal mehr die Selbstzerstörung hinbekommen hätte.

 

Diktatur des Sachzwangwahns

Wir haben bürgerliche Werte wie Rechtschaffenheit, Sparsamkeit oder Bescheidenheit lächerlich und das Einbringen „moralischer“ Argumente in den Diskurs verächtlich gemacht, den Zynismus zum alleinigen Herrn aller Dinge erklärt, die Diktatur des ökonomischen Sachzwangwahns akzeptiert.

Es war eine riesige Mehrheit linker Regierungen (genauer: sozialdemokratischer als letzter Rest europäischer Linker), von der die Festschreibung der neoliberalen Grundsätze (Maastricht, Amsterdam) in der EU durchgesetzt wurde. Das längst im Orkus verschwundene Schröder-Blair-Papier (1999) war die Kapitulationserklärung der Sozialdemokratie.

Statt „Arzt am Krankenbett des Kapitalismus“ zu sein, hatte man sich freudig fiebernd zum Patienten ins Bett gelegt und beteuert, man müsse bloß die Dosis etwas geringer bemessen.

„Der dritte Weg nach vorne“ erwies sich als Weg ins Nichts, als Laborversuch einer Sozialdemokratie ohne menschliches Antlitz. Jeder mittelbemittelte rote Finanzstadtrat versuchte, sein Budget auf den Finanzmärkten aufzufetten, selbst der dümmste linke Dorfkämmerer noch versuchte sich in jenem Cross-Border-Leasing, an das seine Nachfolger jetzt, nach dem Platzen der Blasen, geschlagen werden. Vom „Roten Börsenkrach“ zum Investmentbanking – auch das eine linke Karriere!

 

Schunkelnde Restbestände

Die Linke hat sich und den Konservativen die Rutsche gelegt, weil sie – wie Kinder, die das Ende des Regenbogens suchen – am Ende dieser Rutsche das Goldtöpfchen wähnte. Die Linke ist gemeinsam mit den Konservativen auf dieses Märchen hereingefallen.

Die Rutsche aber hat die Linke in ihrem Zustand als Sozialdemokratie gelegt. Dafür spüren wir jetzt die unsichtbare Hand – wie sie das Geld aus unser aller Taschen in die Bunker der wenigen Megareichen schaufelt. Bürgerliche und linke Restbestände schunkeln derweil leicht illuminiert zu den Tönen von „Save the last dance for me“. Die Jachten schaukeln im Wind. Die Politik mit ihnen.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Michael Amon (*25.2.1954) ist Schriftsteller, Dramatiker, Essayist und lebt in Wien und Gmunden. Mitte September erscheint sein neuer, autobiografischer Roman „Fromme Begierden“, in dem er nicht nur über Missbrauch und Gewalt im Internat der Neulandschule, sondern parallel auch die Geschichte der katholischen Erneuerungsbewegung „Bund Neuland“ erzählt. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2011)