Chinas verborgener Schuldenberg

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Chinesische Provinzen pumpten über Zweckgesellschaften Geld in die Wirtschaft. Die drittgrößte Ratingagentur Fitch hat dem Land am Donnerstag – so wie auch Japan – eine Herabstufung der Bonitätsnote angedroht.

Wien. Nachdem die westlichen Ratingagenturen Griechenland und Co. abgestraft haben, nehmen sie nun China ins Visier. Die drittgrößte Ratingagentur Fitch hat dem Land am Donnerstag – so wie auch Japan – eine Herabstufung angedroht.

Schon im Juli hatten alle drei Agenturen gewarnt, dass China ein Schuldenproblem droht. Das mag auf den ersten Blick verwundern. Schließlich braucht sich China mit einer Schuldenquote von nur 19 Prozent des BIPs nicht gerade verstecken. Doch der ausgewiesene Wert dürfte die Realität unterschätzen, laut manchen Ökonomen seien die Schulden tatsächlich bis zu vier Mal so hoch. Die Quote läge damit bei 80 Prozent.

Das ist insofern nachvollziehbar, als die Provinzregierungen und Kommunen in den letzten Jahren Unsummen in ihre Wirtschaftsregionen investiert haben. Größtenteils, um die Wachstumsraten von an die zehn Prozent auch während der globalen Krise halten zu können.

Weil die Einnahmensituation der Verwaltungseinheiten aber eher mager ist (die Provinzen holen sich ihr Geld zu einem großen Teil aus Landverkäufen), mussten alternative Finanzierungsmöglichkeiten her. Hier prallten die unterschiedlichen Interessen der Provinzen und der zentralen Planer in Peking aufeinander.

 

Wirtschaftswachstum auf Pump

Anfangs hatte auch die Zentralregierung noch Riesenprojekte unterstützt, bis hin zum Bau von ganzen Städten als Konjunkturspritze. In den letzten Jahren erkannte sie aber zusehends, dass der Boom aus den Fugen geraten war. Also sollten Investitionen und Kreditvergabe gebremst werden. Die gewaltigen chinesischen Wachstumsraten basierten zum Teil auf einem Kreditboom, Vermögensblasen sind entstanden. Den lokalen Politikern scheinen diese Bedenken herzlich egal zu sein. Die Provinzen buhlen um Investoren. Sie stehen in einer Art Wettbewerb zueinander und versuchen sich gegenseitig bei den Wachstumsraten zu übertrumpfen.

Da Peking den Provinzen untersagte, Kredite aufzunehmen, wurde man kreativ – und bildete Zweckgesellschaften, die sich enorm verschuldeten. Die so verschleierten Schulden fanden nicht den Weg in die offizielle Statistik. Dabei waren die Gelder auf Anweisung der lokalen Politik aufgenommen worden.

Bezieht man aber die ausgelagerten Schulden der Provinzen und Kommunen in die Statistik ein, dann liegt China durchaus auf einem ähnlichen Schuldenniveau wie die Eurozone. Selbst wenn die Bonitätsnote darunter leidet, ist das für das Land kein größeres Problem. Denn China finanziert sich nur zu einem kleinen Teil über Anleihen, die sich bei einer Abstufung verteuern würden. Größtenteils erfolgt die Finanzierung über Leistungsbilanzüberschüsse.

 

60 Prozent des BIPs in Devisen

Indem über viele Jahre mehr exportiert als importiert wurde, flossen enorme Geldströme in das Land. China sitzt heute auf einem Devisenberg von 2,85 Billionen Dollar (zwei Billionen Euro). Das entspricht fast 60 Prozent der Wirtschaftsleistung von 2009 (von fünf Billionen Dollar).

Dennoch kann die Verschuldung der Provinzen der Wirtschaft Schaden zufügen. Die Banken geben ihre Kredite oft auf politischen Druck, die Bonität der Zweckgesellschaften ist mehr als fragwürdig. Die Ratingagentur Moody's warnte schon im Juli vor den wachsenden Risken.

Der Anteil notleidender Kredite könne in den nächsten Jahren von einem Prozent auf fünf bis acht Prozent steigen. Im schlimmsten Falle sogar auf bis zu 18 Prozent – ein Wert, der zu einem Bankenkollaps führen könnte. Die dritte große Ratingagentur Standard & Poor's warnte im April davor, dass bis zu 30 Prozent der Schulden der Regionalregierungen ausfallgefährdet sind.

Die Folgen einer Bankenkrise würden die ganze Welt betreffen. Es zeichnet sich ab, dass auf China als globale Konjunkturlokomotive bald kein Verlass mehr ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2011)