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Lesen Sie gerade einen Krimi?

Mein Tipp: Lesen Sie den Schluss doch ausnahmsweise einmal zuerst! Sie werden sehen, die Spannung wird nicht weniger.

Neuerdings habe ich mich nach längerer Abstinenz wieder dem Genre Krimi zugewandt. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass ich meinen Vorsatz wahr gemacht und mir einen E-Reader besorgt habe, der natürlich erst zu bestücken war. Zuerst habe ich die Gratisportale besucht und mir die Klassiker von Goethe bis Wilhelm Busch heruntergeladen (ich schreibe nur: www.gutenberg.org). Dann habe ich zur Homepage der Wiener Büchereien gewechselt, um mir dort Zeitgenössisches auszuborgen, was ich derzeit allerdings nur bedingt empfehlen kann: Die „virtuelle Bücherei“ ist im Moment noch ein digitaler Ramschladen voll mit billiger Gebrauchsware, die ich noch nie in einer realen Bücherei gesehen habe und dort auch nie zu sehen wünsche. Wer immer diese Lizenzen erworben hat – er muss die Literatur hassen.

Der Kommissar verzweifelt an der Welt. Ein paar Bücher habe ich dann doch gefunden. Henning Mankells „Die Brandmauer“ zum Beispiel. Ein Krimi über einen Fanatiker, der übers Internet die Finanzwelt in die Luft jagen will, und über zwei Freundinnen, die aus purer Geldgier einen Taxifahrer überfallen und damit den Kommissar an der Welt schlechthin und an Schweden im Besonderen verzweifeln lassen. Ich habe also gewartet, bis die Ermittlungen so richtig in Schwung gekommen sind und der erste Folgemord geschehen ist – und dann habe ich vorgeblättert (oder sagt man zurück?). Jedenfalls: Ich habe den Schluss gelesen. Ich lese nämlich prinzipiell immer den Schluss vor dem letzten Drittel.

Was man nicht darf. Sagt man. Weil es den Lesegenuss trübt. Ich aber weiß es besser: Wenn ich den Schluss kenne, kann ich ein Buch erst so richtig würdigen. Davor bin ich getrieben. Da will ich schleunigst weiter. Da überspringe ich Zeilen, fresse ich Seiten, überfliege ich ganze Kapitel. Und bringe mich ganz um die Freude am Text.

„Spoilern“ hilft, sagt eine Studie. Aber ich brauche mich gar nicht auf meine persönlichen Erfahrungen berufen: In einer Studie der University of California in San Diego wurden Probanden Kurzgeschichten von John Updike, Anton Tschechow und Raymond Carver zum Lesen gegeben. Der einen Hälfte der Probanden wurden wichtige Handlungsstränge oder Auflösungen vorweg verraten – „gespoilert“ heißt der Fachausdruck. Die andere tappte im Dunkeln. Das Ergebnis? Die „Gespoilerten“ waren durchwegs zufriedener und gaben dem Text bessere Noten! Wobei ich ehrlich sagen muss: Bei meinem Mankell hat das nicht geklappt. Nachdem ich den Schluss gelesen hatte, habe ich das Buch beiseite gelegt. Das Spoiler-Prinzip gilt nur für richtig gute Texte.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2011)