Schützen an der Halfpipe

Wie man ein Denkmal von Missverständnissen befreit: der neu gestaltete Landhausplatz im Zentrum von Innsbruck.

Der Hauptplatz von Innsbruck? Auf diese Frage wussten selbst Einheimische bisher keine befriedigende Antwort. Es gibt zwar Plätze in der Stadt, den Bahnhofsplatz oder den Bozner Platz, aber das sind Transiträume mit wenig Aufenthaltsqualität. Andere, wie der Sparkassenplatz, sind erweiterte Straßenräume, und selbst das Rathaus ist ohne Vorplatz an die Maria-Theresien-Straße postiert.

Der einzige Platz, der von der Dimension und der Bedeutung der dort angesiedelten Institutionen die Bezeichnung Hauptplatz verdient, wäre niemandem in den Sinn gekommen: der Landhausplatz, heute nach dem Altlandeshauptmann Eduard Wallnöfer benannt. Der Platz war ein Unort, Aufmarschplatz, verwahrloster Grünraum, Zuflucht für Obdachlose und Drogenhändler.

Der Platz ist vergleichsweise jung. Er wurde nach dem „Anschluss“ Österreichs als Vorplatz des neu errichteten Gauhauses angelegt. Das Gebäude, heute Sitz der Landesregierung, ist ein typisches Produkt der NS-Architektur, errichtet im Stil eines gedrungenen Klassizismus, in dem sich Biederkeit und latente Brutalität verbinden. Auffällig ist der Mittelrisalit mit Pfeilern aus Naturstein und drei Balkonen, deren mittlerer als Führerbalkon hervorsticht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf Initiative der französischen Besatzer auf dem Platz ein Befreiungsdenkmal errichtet, das formal eine frappante Ähnlichkeit mit dem Mittelrisalit des Gauhauses hat. Die Planung stammt von einem französischen Militärarchitekten, dem der Klassizismus so sehr ins Blut übergegangen war, dass ihm diese Spiegelung nicht weiter auffiel. Die Partner auf Tiroler Seite hatten nichts gegen diese ästhetische Entscheidung einzuwenden, auch nicht gegen die mehrdeutige Inschrift in lateinischer Sprache, die das Denkmal den Opfern für die Freiheit Österreichs widmete, ohne den Faschismus und seine ortsansässigen Parteigänger explizit als Täter zu erwähnen.

Auf dem Gesims des Denkmals durfte ein meterhoher, aus Kupferblech getriebener Tiroler Adler Platz nehmen. Die fünf Durchgänge wurden mit Eisengittern versehen, in die die Wappen der österreichischen Bundesländer so eingearbeitet waren, dass sich die Form eines großen Kreuzes ergab.

Angesichts dieser symbolischen Gemengelage darf man es den Innsbruckern nicht verübeln, dass sie das Denkmal mit dem 1928 auf persönliche Initiative Mussolinis errichteten Bozener Siegesdenkmal in Verbindung brachten und die Gittertore des vermeintlichen Innsbrucker Pendants und deren religiöse Symbolik für eine spätere Zutat hielten. Daran konnten auch die weiteren, auf dem Platz abgestellten Denkmäler – etwa für die jüdischen Opfer der Novemberpogrome von 1938 – nicht viel ändern.

Es ist vielleicht nur Zufall, dass der Wettbewerb für die Neugestaltung des Platzes 2008 stattfand, als es in Südtirol zu massiven Protesten gegen die nach wie vor stattfindende Nutzung des Bozener Siegesdenkmals durch italienische Rechtsparteien kam. Die Sensibilität für die besondere geschichtliche Bedeutung des Innsbrucker Landhausplatzes war jedenfalls geweckt. Und so war im Wettbewerb nicht nur die Funktionssanierung eines heruntergekommenen Stadtraums gefordert, sondern auch die Klärung seiner kulturhistorischen Bedeutung.

Das Team, das den Wettbewerb für sich entscheiden konnte – die Innsbrucker Architekten Kathrin Aste und Frank Lugin, die unter dem Kürzel LAAC firmieren, Johannes Stiefel vom Wiener Büro Stiefel/Kramer und der Künstler Christopher Grüner –, hat beide Aufgaben vorbildlich gelöst. Anstelle der Zweiteilung des Platzes in einen „harten“ und einen begrünten Teil ist eine durchgängige Gestaltung getreten, die auf die symmetrischen Monumentalfassaden aus der NS-Zeit mit einer plastisch gestalteten Landschaft reagiert, in die an geeigneten Punkten Bepflanzungen eingelassen sind. Als fliegender Teppich aus hellem Beton folgt sie den Bewegungsströmen der Passanten, deren meist genutzter diagonal über den Platz zur Maria-Theresien-Straße führt.

Die Abgänge und Zufahrten für die Tiefgarage unter dem Platz sind nahtlos in diese Landschaft integriert, wobei sich an der Ostseite des Platzes über der Hauptzufahrt ein kleiner Hügel ergibt, von dem aus man den Platz überblicken kann. Die drei kleineren Denkmäler wurden neu positioniert und mit zusätzlichen Elementen ergänzt, unter anderem mit einer kleinen Brunnenkaskade am Südende des Platzes. Den Aufmarschplatz vor dem Landhaus gibt es nach wie vor, aber wenn die Tiroler Schützen gerade nicht aktiv sind, verwandelt er sich in ein Wasserspiel, das aus zahlreichen Düsen kleine Wasserbögen in die Luft schießt, durch die im Sommer die Kinder laufen.

Und das Befreiungsdenkmal? Es hat nicht viel mehr gebraucht als die Gittertore zu öffnen und die Betonwellen sanft an seine Stufen gleiten zu lassen, um es vom Fremdkörper zu einem integralen Teil des öffentlichen Raums werden zu lassen. Bei Nacht bleibt es, wie die Aufmarschfläche vor dem Landhaus, nur schwach beleuchtet. Da gehört der Platz den Stadtbewohnern, vor allem den jüngeren, die hier ein Skaterparadies entdeckt haben. Konflikte unter den Nutzern gibt es kaum, weil alle spüren, dass ihnen hier etwas geschenkt wurde, das man teilen muss: einen präzise gestalteten Stadtraum außerhalb kommerzieller Interessen, ohne Zweifel den schönsten Platz der Stadt.

Dass es jüngeren Tiroler Architekten gelungen ist, ein solches Niveau im Entwurf zu erreichen und in der Ausführung durchzusetzen, ist ein gutes Zeichen für die Baukultur des Landes. Wien kann sich an diesem Platz ein Beispiel nehmen, gerade in der nun anbrechenden Diskussion um die Gestaltung von Morzin- und Schwedenplatz. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2011)