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Im Dienste der Kronen

(c) AP (TSUGUFUMI MATSUMOTO)
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Bankiers, Kohlenhändler, Waffenfabrikanten, Operettenkomponisten, alter und neuer Adel, auch Frauen und ein Kardinal. Die tausend einkom- mensstärksten Österreicher des Jahres 1910 – und wie sie besteuert wurden.

Es hat in den vergangenen 200 Jahren nie einen Zeitpunkt gegeben, da die Einkommen in Österreichso ungleich verteilt waren wie vor 100 Jahren, knapp vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. 1911 ließ sich der damalige Finanzminister Dr. Robert Meyer, natürlich „streng vertraulich“, eine Liste aller Wiener und Niederösterreicher zusammenstellen, die ein Jahreseinkommen von mehr als 100.000 Kronen versteuerten. Das waren genau 929 Personen. Sie vereinigten auf sich zehn Prozent der gesamten Einkommen in Wien und Niederösterreich.

100.000 Kronen Jahreseinkommen wareneine gewaltige Summe. Der Ministerpräsident bezog ein Jahreseinkommen von 24.000 Kronen und eine Funktionszulage von weiteren 28.000 Kronen, ordentliche Universitätsprofessoren hatten ein Jahresgehalt zwischen 6400 und 11.900 Kronen, Gymnasiallehrer zwischen 2800 und 3300 Kronen. Ein Facharbeiter konnte auf 1000 bis 1500 Kronen im Jahr kommen, ein Dienstmädchen oder ein Bauernknecht mussten mit 300 Kronen schon recht zufrieden sein.

Die 929 Personen, die im Jahr 1910 inWien und Niederösterreich mehr als 100.000 Kronen verdienten, spiegeln die High Societyim untrüglichsten Licht, in jenem des Geldes: 1,7 Millionen Kronen Jahreseinkommenversteuerte der Eigentümer und Herausgeberder „Neuen Freien Presse“, Moriz Benedikt. Erlag damit an elfter Stelledes Rankings der Spitzenverdiener. Gustav Da-
vis als Herausgeber der „Österreichischen Kronenzeitung“ lag mit 146.000 Kronen auf Rang 513. Mit riesigem Abstand führte Albert Freiherr von Rothschild mit einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 25,7 Millionen Kronen die Liste an. Das war mehr, als alle 36 Habsburger und Habsburgerinnen, die natürlich steuerfrei waren, zusammen für ihre Hofhaltung und ihre Apanagen aus der von Österreich und Ungarn gemeinsam bestrittenen sogenannten Zivilliste bezogen. Und es war auch mehr als das Einkommen aller 89 Altadeligen zusammen, die 1910 in Wien und Niederösterreich die 100.000er-Grenze überschritten. Rothschild als Einzelperson verdiente etwa ein Prozent aller Einkommen in Wien und immerhin 0,25 Prozent aller Einkommen Cisleithaniens.

Die Liste umfasst die führenden Bankiers,Kohlenhändler, Warenhausbesitzer, Industriellen und Freiberufler des Landes. Die meisten sind vergessen. Wer weiß noch etwas von Albert Mayer, Doro Stein oder Victor und Konrad Tiring? Von ihren Stammhäusern in Wien dirigierten sie die berühmtesten Warenhausketten im Osmanischen Reich, von Kairo und Alexandria bis Istanbul und Thessaloniki. Seinem Großonkel Albert Mayer verdankte es der bekannte wienstämmige Historiker Eric Hobsbawm, dass er in Alexandria geboren wurde. Doro Stein ließ am Ataba-El-Khadra-Platz in Kairo 1904 ei- nes der größten Kaufhäuser Ägyptens errichten und beauftragte Adolf Loos 1910 mit einem – nicht mehr ausgeführten – Warenhausprojekt in Alexandria. Victor Tiring ließ sich seinen „Department Store“ am Ataba-el-Khadra-Platz direkt gegenüber seinem Hauptkonkurrenten Stein von dem Wiener Architekten Oscar Horowitz erbauen. Weit verbreitet war der Spruch „Stein – billig und fein, Mayer – schlecht und teier“. Die Gebäude stehen noch, die Namen sind vergessen. In Wien kennt man noch die Namen der einsti-
gen Warenhausmillionä-re der Stadt, von Herzmansky und Gerngroßbis zu Haas, Neumann,Rothberger und Esders.

Von den 929 Personen sind 77 den Banken zuzuordnen. Nur vier der77 waren nicht jüdischer Herkunft: der in Enns als Sohn eines höherenStaatsbeamten geborene Karl Stögermayer, der 1865 als 17-Jähriger in die Bodencreditanstalt eingetreten war und bis 1924 eine Karriere bis zum Präsidenten des Österreichischen Bankvereins machte; Ignaz Mikosch, Sohn eines schwarzenbergischen Verwaltungsbeamten, als einer der Direktoren der Credit-Anstalt; Franz Haunzwickl, der sich als Bankier bezeichnete, sein Einkommen aber durch einen Lottohaupttreffer gemacht hatte; und Kasimir Freiherr von Pfaffenhofen, der als Adeliger die Repräsentationsfunktion eines Präsidenten der Anglobank innehatte.

Zu den absoluten Spitzenverdienern zählten neben den Bankiers, Warenhausbesitzern und Kohlenhändlern auch zahlreiche Baumeister und Architekten (allerdings nichtOtto Wagner), selbstverständlich die Rüstungs- und Schwerindustriellen, von Karl Wittgenstein über Karl Skoda, die BrüderRoth und die beiden Werndl-Töchter bis zu Sigmund Mandl, Fridolin Keller und Victor Alder. Auch die berühmtesten Hoteliers sind auf der Liste: Pupp, Panhans, Frohner (Imperial), Wolf (Bristol), Sacher und der Südbahnhofwirt Ludwig Schneider, natürlich auch Ludwig Riedl, der Besitzer des Café de l'Europe am Stephansplatz, Lieblingsgegner von Karl Kraus und Mann mit den meisten Orden Wiens. Millionär konnte man praktisch in jeder Branche werden, ob als Sargfabrikant (Otomar Maschner als Inhaber der Nobelmarken A. N. Beschorner und Maschner & Söhne), als Erfinder der öffentlichen Bedürfnisanstalten (Wilhelm Beetz) oder als Insektenpulverfabrikant (Johann Zacherl). Auf der Liste findet man aber auch den Wiener Fürsterzbischof und Kardinal Anton Josef Gruscha mit einem zu versteuernden Privateinkommen von 116.437 Kronen. An 929. und letzter Stelle des Rankings rangiert Berthold Popper Freiherr von Podraghy, dem in Galizien 33.000 Hektar Boden gehörten.

89 Personen oder 9,6 Prozent der 929 auf der Liste stammten von altem Adel. Ihre Einkommensbasis war allerdings schon stark angeknabbert. Die Agrarkrise, die durch die Globalisierung ausgelöst war, und die sinkende Nachfrage nach Holz, die durch die Konkurrenz der Mineralkohle entstandenwar, nagten an den Erträgen des Grundbesitzes, und die traditionelle Position im Militär, in der Diplomatie und bei Hof war ebenfalls brüchig geworden.

157 der 929 größten Einkommensteuerzahler waren von neuem Adel, der erst im Lauf des 19. Jahrhunderts aus ihren wirtschaftlichen Erfolgen heraus in den Adelsrang erhoben worden war. Allerdings konnte dieser neue Adel, egal, ob jüdisch oder nicht jüdisch, keine wirkliche Akzeptanz in der„ersten Gesellschaft“ erreichen, weder diejüdischen Rothschild mit ihrem unermesslichen Reichtum noch die nicht jüdischen Miller-Aichholz. Das musste Karl Miller-Aichholz, der älteste Sohn von August Miller-Aichholz, erfahren, als er bei der als nobel geltenden Kavallerie eine Militärkarriere anstrebte: Auf subtile Weise wurde ihm von den altadeligen Kameraden zu verstehen gegeben, wo sein Platz sei. Man nannte ihn nicht Leutnant Miller, sondern rief ihn mit dem Allerweltsnamen „Müller“.

Fast zwei Drittel der 929 Personen waren jüdischer Herkunft. Das ist nicht nur deswegen auffallend, weil der jüdische Anteil an der Gesamtbevölkerung von Wien und Niederösterreich deutlich unter zehn Prozent lag, sondern auch, weil diese Einkommensposition mit wenigen Ausnahmen praktisch in einem halben Jahrhundert aufgebaut worden war. Man kann mindestens fünf Gründe für den Erfolg der Juden namhaft machen: erstens die Bildungsbeflissenheit; zweitens die Erfahrung in den kapitalistisch zukunftsträchtigen Branchen, insbesondere im Handel und im Geldwesen; drittens die Bedeutung familiärer Netzwerke; viertens wohl auch die immer wieder angeführte Minderheitensituation; und fünftens das kapitalistische Denken, das etwa Stefan Zweig an seinem Vater Moritz Zweig (Jahreseinkommen 174.650 Kronen) so besonders hervorstreicht.

Die Liste der 929 reicht von den bedeutenden Kunstsammlern aus der Familie Figdor und den bis heute berühmten Privatgelehrten aus den Familien Lieben, Gomperz oder Auspitz bis zu dem durch ihr Playboy-Leben hervortretenden Brüderpaar Moriz und Raymund Deforest-Bischoffsheim, die als Kleinkinder von Baron Maurice Hirsch de Gereuth („Türkenhirsch“) und seinerGattin Clara Bischoffsheim adoptiert worden waren und über deren Herkunft die absurdesten Theorien im Umlauf waren: ob uneheliche Kinder des englischen Königs oder Kinder eines amerikanischen Artistenpaars, das in der Türkei an Typhus gestorben war, oder eigene verschwiegene Kinder von Moritz Hirsch.

Der „Student“ Ludwig Wittgenstein, damals 21 Jahre alt, versteuerte 1910 ein Jahreseinkommen von 237.308 Kronen. Als er von 1903 bis 1905 in Linz auf die Realschule geschickt wurde, die zur selben Zeit, zwischen 1900 und 1904, auch der um nur sechs Tage ältere Adolf Hitler besuchte, wohnte er bei einem der Lehrer des Linzer Akademischen Gymnasiums, bei dem Professor für Latein und Griechisch Dr. Josef Strigl, zur Untermiete. Dessen Jahreseinkommen, bestes Linzer Bildungsbürgertum, betrug etwa 3000 Kronen. Insgesamt gehörten elf Angehörige des Familienverbands der Wittgenstein, alles Kinder und Enkelkinder von Hermann Wittgenstein, der mit seinem Holz- und Immobilienhandel den sagenhaften Reichtum der Wittgenstein begründet hatte, zum Feld der 929 Superreichen.

Von den Künstlern findet man das Dreigestirn der Silbernen Operette: Franz Lehár versteuerte 193.187 Kronen, Oscar Straus 186.365 Kronen und Leo Fall 121.810 Kronen. Auch Sänger konnten exorbitant verdienen, so der aufstrebende Leo Slezak und die Operndiva Selma Kurz-Halban. Beider Einkommen stammte zu einem wesentlichen Teil bereits aus Plattenaufnahmen. Woher die pensionierte Burgschauspielerin und Freundin des Kaisers Katharina Schratt ihr hohes Einkommen bezog, darf man raten. Ihre Burgtheaterpension betrug etwa 10.000 Kronen. Ihre Schulden waren stadtbekannt. Generell findet man kaum Kunstschaffende unter den Topeinkommen. Gustav Klimt, der für ein großformatiges Porträt 5000 bis 10.000 Kronen zu verlangen pflegte, erreichte damit dennoch nicht die 100.000er-Schwelle. Der als Operettenlibrettist so erfolgreiche Viktor Léon ist der einzige Spitzenverdiener unter den Schriftstellern. Die Brüder Siegfried und Arthur Trebitsch verdankten ihr Einkommen ja nicht ihren literarischen Erfolgen, sondern den Dividenden aus den Fabriken der Familie. Siegfried Trebitsch ist als Übersetzer Bernard Shaws in Erinnerung geblieben; sein Halbbruder Arthur ist, weniger rühmlich, als einer der ganz frühen Geldgeber Hitlers im Jahr 1921 bekannt geworden. Arthur Schnitzler erreichte seinen minutiös geführten Tagebuchaufzeichnungen zufolge nie die 100.000er-Grenze. Auch Sigmund Freud kam bei Weitem nicht an ein solches Einkommen heran. – Sehrwohl aber hatte eine Rei-he berühmter Schriftsteller reiche Väter: Stefan Zweig, HermannBroch, Heimito von Doderer. Wenn Universitätsprofessoren so gutverdienten, verdanktensie es entweder einem reichen Erbe oder einer guten Heirat. Mehr als ein Dutzend Universitätsprofessoren und Privatgelehrte konnte mit diversen Zusatzeinkünften in die oberste Liga aufsteigen. Bei den Medizinern wird es sich wohl um Spitals- und Ordinationseinkünfte handeln: die Chirurgen Anton Eiselsberg und JuliusHochenegg, der Augenarzt Ernst Fuchs, die Internisten Karl von Noorden und Adolf von Strümpell. Die meisten der Spitzenverdiener unter den Gelehrten bezogen ihr Einkommen aber aus ihrem Kapitalbesitz: der Altphilologe Theodor Gomperz, der Chemiker Adolf Lieben, der Ökonom Richard Lieben, der Erfinder der Lieben-Röhre Robert von Lieben. Nicht unter den Spitzenverdienern findet sich der Schöpfer des Einkommensteuergesetzes von 1896, der berühmte Ökonom, Finanzminister und Präsident der Akademie der Wissenschaften Eugen von Böhm-Bawerk.

Zehn Prozent der Spitzenverdiener waren Frauen. So monoton die Liste der Frauen sich vordergründig ausnimmt, so bunt ist sie: Salondamen wie die Fürstinnen Pauline Metternich und Rosa Croy-Dülmen oder die Gräfin Mier, Mäzeninnen wie Henriette Lieser, genannt Lilly, die geschiedene Gattin des Pöchlarner Textilunternehmers Justus Lieser, emanzipiert, lesbisch, Freundin von Alma Mahler und Mäzenin von Arnold Schönberg. 1942 wurde sie von den Nationalsozialisten nach Riga deportiert, wo sie 1943 umkam. Es gab reiche Witwen wie Elsa Erös von Bethlenfalva, geborene von Gutmann, 1910 verwitwete Baronin Erös von Bethlenfalva, die im Jahre 1929 den regierenden Fürsten von Liechtenstein heiratete, oder auch Rebecca Mauthner, geborene Brodski, eine der reichsten Frauen Russlands und Witwe von Professor Ludwig Mauthner, der als Professor für Augenheilkunde an der Universität Wien dadurch bekannt geworden war, dass er noch am Tag seiner Ernennung zum Ordinarius verstarb. Es gab aber auch Millionärinnen, deren Geschäftserfolg legendär war, natürlich die berühmte Anna Sacher, auch die etwas weniger bekannte Amalie Seutter von Loetzen, Tochter einesGmundner Advokaten, die von 1908 bis 1918 die Geschäfte der Fa. Seutter & Co. führte. Praktisch alle berühmten großen Frauenbilder Klimts wurden von Millionären finanziert: ob Bloch-Bauer, Wittgenstein, Gallia, Bachofen-Echt, Lederer, Primavesi, Knips oder Friedmann.

61,4 Prozent der Spitzenverdiener ganz Cisleithaniens im Jahr 1910, 929 von 1513,lebten in Wien und Niederösterreich. Oberösterreich zum Vergleich zählte nur 19 Namen, Salzburg vier. Im Jahr 1910 bezog das oberste eine Prozent der Haushalte der damaligen österreichischen Reichshälfte 16,6 Prozent aller Einkommen, in Wien sogar 26,9 Prozent, also mehr als ein Viertel aller Einkommen.

Die Hauptursache der Ungleichheit lag in der Steuergesetzgebung. Die progressive Einkommensteuer, mit ihrer kaum eine wirkliche Progression erkennen lassenden Staffelung von 0,5 bis fünf Prozent Steuersatz, hattean den gesamten Staatseinnahmen nur einen Anteil von knapp sieben Prozent. Drei Viertel des Steueraufkommens stammten aus indirekten Steuern und Abgaben: Den höchsten Ertrag brachte die Tabaksteuer, gefolgt von Zucker, Branntwein, Bier, Salz, Fleisch, Lotto und Petroleum. Vergleichsweise wenig brachte die Weinsteuer. Schaumwein war 1910 noch steuerfrei. Das führte zu der absurden Situation, dass Rothschild von seinen 25,5 Millionen alles in allem kaum zehn Prozent Steuern zahlte, ein Industriearbeiter von seinen 1000 Kronen im Wege der Steuern aufGrundbedürfnisse aber mindestens 20 Prozent abführte.

Die Erosion der großen Einkommen setzte schon im Ersten Weltkrieg ein. Da spielte einerseits die Steuer eine Rolle. Der Spitzensteuersatz wurde in Österreich von 1913 bis 1920 von fünf auf 60 Prozent angehoben und erst 1988 auf 50 Prozent gesenkt; in den USA, wo die Einkommensverteilung vor 1914 ähnlich war, von sieben Prozent auf 94 Prozent im Jahr 1944 (Präsident Roosevelt wollte sogar 100 Prozent) und seither wieder auf 33 Prozent reduziert. In Österreich vernichteten der Zerfall der Monarchie, die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise die Rentierseinkommen und die Aktienportefeuilles. Ein paar der berühmten Namen, Miller-Aichholz oder Lieben, sind in den 1920er-und 1930er-Jahren mit spektakulären Konkursen verbunden. Mehrere der Millionäre endeten durch Selbstmord. Philipp Haas erschoss sich 1926 mit einem Mannlicher Stutzen. Das Ehepaar Hofherr, Hauptaktionär derbekannten Landmaschinenfabrik, beging 1929 Selbstmord. Den gewaltsamsten Einschnitt brachte die NS-Zeit. Einige der Millionäre des Jahres 1910 wurden in den Konzentrationslagern ermordet: Ernst Egger,Adele Grünbaum, Lilly Lieser, Ida Mankiewicz, Richard Neumann, Robert Gerngroß, Konrad Tiring, Salo Zerkowitz. Viele wurden vertrieben, alle wurden sie beraubt.

Die zurückkehrten, konnten nur schwer wieder Fuß fassen. Wenige unter den reichsten Familien des Jahres 1910 finden sich noch heute an der Spitze der österreichischen Vermögens- und Einkommenshierarchie: Meinl, Manner, Mayr-Melnhof, Riedl, Drasche-Wartinberg, auch einige Großgrundbesitzer: Liechtenstein, Schwarzenberg, Esterházy. Die meisten Namen, die man heute mit großem Reichtum in Österreich in Zusammenhang bringt, haben ihr Vermögen jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht.

Für die Entwicklung der Spitzeneinkommen in Österreich insgesamt gilt als begründete Vermutung, dass sie wie in den USA und in vielen anderen Ländern einem U-förmigen Verlauf folgte. Das oberste Prozent der USA bezog 1913 ähnlich wie in Österreich etwa 20 Prozent der Gesamteinkommen. Bis in die 1960er- und 1970er-Jahre sank dieser Anteil in den USA auf etwa neun Prozent, in Österreich sogar unter fünf Prozent. Seither ist dieser Anteil in den USA wieder auf über 20 Prozent gestiegen. In Österreich hingegen werden die Spitzeneinkommen nicht mehr korrekt ausgewiesen, weil Einkommen aus Kapitalbesitz durch Stiftungen und Quellensteuern sich kaum mehr personell zuordnen lassen und weitgehend verschleiert sind. Wie weit sich die neueste Entwicklung in Österreich von den USA unterscheidet, kann daher, solange entsprechende Forschungen fehlen, nur Gegenstand der Spekulation sein. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2011)