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Wir sterben nie!

Symbolbild
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Gesundheit um der Gesundheit willen. Dümmer und banaler, dürftiger und erbärmlicher war noch keine Religion als unsere neue Gesundheitsreligion. Eine Attacke.

Zahllose Umfragen beweisen es: Esgibt nicht viele, die dem Satz „Die Gesundheit ist das höchste Gut des Menschen“ nicht uneingeschränkt zustimmen würden. Viele glauben, diese Anschauung sei ganz selbstverständlich, ganz „natürlich“, immer schon habe man so gedacht; und das ist falsch.

Über die Jahrhunderte und Jahrtausende hin hat man, wenn man über die rechte Art zu leben nachdachte, natürlich auch gesundheitliche Aspekte bedacht, doch fast immer nur unter dem Gesichtspunkt, Krankheit und damit Leid zu vermeiden. Gesundheit um der Gesundheit willen war nie ein Ziel. Ihre Verabsolutierung ist ein Phänomen unserer Zeit. Für Epikur war Lust (die Freude am Leben) das höchste Gut des Menschen (und Schmerz das größte Übel). Aristoteles vertratdie Meinung, alle Menschen strebten nach Glückseligkeit als dem höchsten Ziel. Senecahat formuliert, das höchste Gut sei die Harmonie der Seele mit sich selbst. Für Thomas von Aquin, um auch einen christlichen Denker zu nennen, konnte das höchste Gut nur die ewige Glückseligkeit sein, die sich drüben, im anderen Leben, durch die unmittelbare Anschauung Gottes einstellen werde.

Nun strebt man – vor allem anderen – nach Gesundheit, und dieses Streben hat religiöse Dimensionen angenommen. „Wenn heute“, schreibt der deutsche Theologe und Mediziner Manfred Lütz in seinem Buch „Lebenslust. Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult“, „wenn heute überhaupt etwas auf demAltar steht, angebetet und mit allerhandschweißtreibenden Sühneopfern bedacht, so ist es die Gesundheit. Unsere Vorfahren bauten Kathedralen, wir bauen Kliniken. Krankenhäuser als die neuen Kathedralen, die ein,Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit‘ erzeugen, das nach Friedrich Schleiermacher Religion charakterisiert. Unsere Vorfahren retteten ihre Seele, wir unsere Figur.“ InDeutschland besuchen übrigens, wie neulich erst in einer Untersuchung herauskam, heute schon mehr Menschen das Fitnessstudio als die Sonntagsmesse. „Diätbewegungen gehen wie wellenförmige Massenbewegungen übers Land“, so Lütz, „in ihrer Strenge die Büßer- und Geißlerbewegungen des Mittelalters übertreffend.“

Mit religiöser Inbrunst werden auch andere Rituale bußfertiger Selbstbestrafungpraktiziert, exzessive Sportausübung etwa. Es gibt, das nur nebenbei, meines Wissens keine Statistik, wie viele Jogger jährlich in ihren Laufschuhen sterben, ihre Zahl ist aber, wie mir Ärzte sagen, beträchtlich. Man wird einwenden, dass Joggen mit asketischenBußübungen nicht zu vergleichen sei, da es doch nach dem Sichquälen geradezu Glücksgefühle auslöse. Ebendiese Glücksgefühle kennen die Flagellanten freilich auch, die sich aus religiösen Gründen selber geißeln.


Man kann darüber streiten, ob es sich bei der Anbetung der Gesundheit um eine richtige Religion oder doch nur um ein Religionssurrogat handelt oder vielleicht um eine der „Verkappten Religionen“, wie sie Carl Christian Bry in den 1920er-Jahren beschrieben hat. Nur von Gesundheitswahn zu reden griffe jedenfalls zu kurz. Ich glaube, dass wir es in der Tat mit einer voll ausgebildeten Religion zu tun haben. Sie ist synkretistisch wie jede andere Religion auch. Manche Ritenund der bevormundende Blick auf den Menschen stammen aus derVerlassenschaft des Katholizismus; die puritanische Lust- und Genussfeindlichkeit kommt vomcalvinistischen Protestantismus her; hinzu gesellen sich ostasiatische Elemente und vor allem ein sehr heutig-westlicher Glaube an die Wissenschaft, die medizinischen Studien (wie glaubwürdig oder auch abstrus sie sein mögen) sind die Dogmen dieser Religion. Sie hat sich übrigens längst, wie das bei Religionen so üblich ist, in verschiedene Glaubensrichtungen gespalten, deren radikalste die militanten Nichtraucher bilden, und sie hat auch schon, wie man das gleichfalls von anderen Religionen kennt, die eine oder andere für sie typische psychische Störung hervorgebracht, die Orthorexie zum Beispiel, das zwanghafte Verlangen, sich möglichst „gesund“ zu ernähren.

Eine auch in der gesellschaftsprägenden Wirkung voll entwickelte Religion: Auch jene, die sie nicht wirklich praktizieren, können sich ihrer normierenden Kraft nicht entziehen. So wie vor ein paar Jahrzehnten nochin unseren Landen auch ein Atheist nach denvom Christentum her definierten Grundsätzen zu leben hatte, wollte er nicht zum scheelangesehenen Außenseiter werden, so setzt sich dieser Gefahr heute jeder aus, der nicht nur gesund leben will, der gar eines der neuen Dogmen anzweifelt oder die ihm zugewiesene Rolle nicht spielen will.

Es ist dies, wie in den christlichen Religionen, die Rolle des Sünders. So wird der Mensch in der Ordination des Arztes wahrgenommen – genauso wie früher im Beichtstuhl. Der Mensch kann es nicht lassen, gegen die Zehn Gebote immer wieder zu verstoßen, und immer tut er zu wenig, die Normen der Weltgesundheitsorganisation einzuhalten. Der Priester kündigt für den Fall, dass der Gläubige weiterhin seines Nächsten Weib begehrt, sich an fremdem Gut vergreift oder falsches Zeugnis ablegt und unbußfertig bleibt, drastische Höllenstrafen an. Der Arzt droht bei miserablen Leberwerten und mangelndem Willen, den Lebensstil zu ändern, mit der Strafe der Leberzirrhose, bei hohen Cholesterinwerten mit der Todesstrafe Herzinfarkt. Die Ärzte drohen dabei so ungeniert, wie die Priester es heute vermutlich gar nicht mehr wagen, vertreten siedoch eine Glaubensgemeinschaft, der immer mehr Gläubige abhandenkommen.

Und der Christgläubige mag sich einreden, dass es im Jenseits vielleicht eh ganz anders zugeht, als die Kleriker behaupten, er darf sogar auf einen Gott hoffen, der barmherziger ist als die sich auf ihn berufenden Heilsverwalter. Dem Patienten – so unbarmherzig ist die Gesundheitsreligion – wird solche Hoffnung nicht gegönnt, er muss glauben, dass, was sein Arzt ihm sagt, wissenschaftlich unumstößlich bewiesen sei. Natürlich ist das, wovon noch zu reden sein wird, nicht der Fall.

Weder religiöse noch medizinische Regelwerke sind ewig gültig. Religiöse Ge- undVerbote werden allerdings im Verlauf derJahrhunderte oft liberaler, medizinische hingegen rigoroser von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Auch sehr fromme Juden sind längst nicht mehr dazu verhalten, einen Mann, der mit seiner Schwiegertochter verkehrt, zu töten, obwohl eines der fünf Bücher Mose genau das verlangt. Sogar die katholische Kirche hat im Laufe der Zeit manche Vorschriften gelockert, etwa die Fastengebote. Sehr gesundheitsgläubige Patienten hingegen werden bei Blutdruckwerten, die vor 20 Jahren noch als völlig normal galten, heute zur Einnahme blutdrucksenkender Medikamente (mit oft beträchtlichen Nebenwirkungen) veranlasst. Oder bei Cholesterinwerten, an denen man vor zehn Jahren noch seine Ich-bin-gesund-Freude hatte, zum Schlucken von Lipidsenkern.

Im alten China, wird berichtet, bezahlte man den Arzt, wenn und so lange man gesund war (falls das erfunden sein sollte, ist es immerhin ein interessanter Denkansatz), wir treten unseren Ärzten stets als Patienten entgegen (vom lateinischen patiens für erduldend und passio für Leiden). Ein beliebterInternistenwitz bringt das dahinterstehende Denkmodell auf den Punkt: „Wer glaubt, gesund zu sein, der wurde noch nicht gründlich genug untersucht.“ Um für den neuen Gebrauch tauglich zu werden, musste der Begriff „gesund“ an sich neu definiert, nämlich eingeengt werden. Was am Körper des Menschen messbar ist, wurde gemessen, gewogen und ausführlich analysiert, allein aus einer Untersuchung des Blutes lassen sich schier unendlich viele Laborwerte gewinnen, die alle längst genormt sind. Und das EKG, die EEG, die CT und die MRT müssen normgerechte Befunde liefern. All den festgelegten Normen entspricht jedoch kaum noch einer.

Gesundheit sei, hat man uns eingeredet, unser höchstes Gut. Aber wir können es kaum erreichen. Indem man die Grenzwerte für Blutdruck, Übergewicht oder Cholesterin immer weiter senkt, erklärt man immer größere Teile der Bevölkerung zu behandlungsbedürftigen Risikopatienten. Medikamente stehen in großer Zahl zur Verfügung, doch orientiert sich die Pharmaindustrie längst nicht mehr an den Bedürfnissen der wirklich Kranken, vielmehr orientiert sich die Gesund-krank-Grenze an dem, was die jeweils neuesten Medikamente können.

Kein Missverständnis, bitte: Ich verdanke es ärztlicher Kunst, dass ich noch lebe. Ärztlicher Rat ist mit lieb und wert, wenn er eben das ist: Rat, nicht Diktat. Das einzige Kriterium, an dem mein Leben auszurichten wäre, kann er für mich nicht sein. (Übrigens kenne ich viele Ärzte, die unterschreiben würden, was ich hier ausführe.)


Die Hardcore-Vertreter der Gesundheitsreligion – man nennt sie auch „Sanitarier“ –ficht dies nicht an: Was Lebensfreude ist, wissen sie vermutlich gar nicht. Dennoch stellt sich die Frage: Warum unterwerfen sie sich freiwillig so rigorosen Regeln? Um des Lustgewinns willen natürlich. Indem sie die Lust, die Lebenslust verneinen, verschaffen sie sich die Lust, die aus der Askese kommt. Sie fühlen sich stark, stärker als die anderen, gar auserwählt. Sie wissen sich im Besitzder einzigen Wahrheit, und das macht sie – wie alle Fundamentalisten – gefährlich. Man müsste sich nicht weiter um sie kümmern, hätten sienicht längst die öffentliche (die veröffentlichte)Meinung unter ihre Kontrolle gebracht. Auch das macht sie gefährlich: Wie das Christentum, zumal der Katholizismus, den Menschen nicht einfach nach seiner je eigenen Fasson selig werden lassen will, so haben auch die Gesundheitsreligion und der Staat, der sich ihrer gern bedient, nicht nur des Menschen Glück im Auge. Was man als gesundheitliche Fürsorge verkauft, wird rasch zur moralischen Bevormundung, und lange schon liegen Pläne parat, jene, die „ungesund“ leben, mit höheren Krankenkassenbeiträgen zu bestrafen.

Um sich die Absurdität dessen, was die Sanitarier propagieren, bewusst zu machen, stelle man sich vor: Jemand erklärt uns, beim Autofahren käme es ausschließlich auf eine das „Autoleben“ verlängernde Fahrweise an, auf sonst nichts. Dass man in einem Auto recht bequem vom Ort A zum Ort B gelangen könne, sei Nebensache, und dass das Autofahren manchen auch Spaß mache, das sei eher abzulehnen. Oder jemand erklärt uns, beim Sex käme es in erster Linie und eigentlich überhaupt nur darauf an, dass der von der WHO vorgeschriebene Neigungswinkel des männlichen Geschlechtsteils zwar erreicht, aber nicht überschritten werde, dass die Feuchtigkeit des weiblichen Teils den Richtwerten der Welt-Sexualitäts-Organisation entspreche, dass sich die Frequenz der Penetrationsbewegung an den Vorgaben der Internationalen Orthopädie-Gesellschaft orientiere und die Steigerung des Pulsschlages einen Wert von 85 Prozent der maximalen Herzfrequenz nicht übersteige. Wer uns solches erklärte, den würden wir ohne Zögern einen Vollidioten nennen. Aber man mutet uns allen Ernstes zu, dass wir uns anhören, wie gepredigt wird, all unser Tun und Trachten sei daraufhin auszurichten, dass alleOrgane unseres Körpers in einer von irgendeiner Obrigkeit festgelegtenWeise funktionieren, weil eben genau darin der einzige und wahre Sinn unseres Lebens bestehe.

Dümmer und erbärmlicher als die Gesundheitsreligion war noch keine. Ganz undgar diesseitig, wie sie ist, besteht das einzige Ziel für die Gläubigen darin, so lange wie nur möglich hier auf Erden zu verweilen. Anhänger älterer Religionen hofften immerhin noch auf ein ewiges Leben. Nun setzt man – was für eine Banalisierung! – alle Hoffnung nur darauf, möglichst alt zu werden. Auch hier kein Missverständnis, bitte: Ich plädiere – Atheist, der ich bin – durchaus nicht für die „Jenseiterei“, nicht einmal für Transzendenz. Nur dafür, das Leben zu genießen, es auszukosten, solange es währt. Mir gefällt der Wunsch der alten Juden (von denen viele, gerade die sehr orthodoxen, nicht an ein Weiterleben nach dem Tod glaubten), dereinst „lebenssatt“ zu sterben. Kann aber lebenssatt – nämlich satt von des Lebens ganzer Fülle – werden, wer sein ganzes Leben nur daraufhin ausrichtet, dass die Körperorgane möglichst normgerecht funktionieren? Wer alles, was er isst, trinkt, tut, sogar was er denkt, dem Kriterium „Gesund oder nicht gesund“ unterwirft?

Erbärmlich an dieser Gesundheitsreligion erscheint mir auch dies: Während Judentum, Christentum und Islam auch soziale Wertmaßstäbe propagieren, sind die Sanitarier ganz und gar aufs eigene Wohlergehen, aufs Gewinnen von ein paar Lebensjahren aus.

„Die Gesundheit ist das Wichtigste“, das hat vor unseren Zeiten nie jemand ernsthaft gemeint. Und die Gesundheitsreligion hätte in anderen Zeiten als den unseren nicht entstehen können, auch nicht in anderen Weltgegenden als den unseren. Denn natürlich ist sie ein Wohlstandsphänomen. Die Gesundheitsreligion hat nur in jenem Vakuum entstehen können, das die allmählich absterbenden, jedenfalls bei uns schon lange nicht mehr gesellschaftsprägenden alten Religionen hinterlassen haben. Sie waren – auch als Atheist muss man es anerkennen – nicht nur Glaubens-, sondern auch hochkomplizierte, geistig durchaus anspruchsvolle und in sich sogar stimmige Denksysteme,deren Kraft sich nichtzuletzt darin manifestierte, dass sie Ketzerei produzierten. Dagegen erweist sich der Sanitarimus in seiner intellektuellen Dürftigkeit auch als ein Symptom geistiger Wohlstandsverwahrlosung. Der Gesundheitsgläubige will einfach glauben und folgen (was ich für eine Charakterstruktur halte) – glauben zum Beispiel an die unumstößlichen Wahrheiten, die aus den medizinischen Studien kommen (selbst dann, wenn die neuesten Studien oft und oft das Gegenteil von dem aussagen, was noch im vergangenen Jahr als unumstößliche Wahrheit galt), er will sich Essens- und allerlei sonstige Vorschriften auferlegen lassen und seinen Körper stählen. Denken will er, so scheint es, nicht viel. Vielleicht kann er es auch nicht mehr.

Allein aus sich heraus, nur auf die feste Überzeugung ihrer Anhänger gestützt, hätte eine im Grund so alberne Bewegung wie die Gesundheitsreligion vielleicht entstehen, aber – davon bin ich überzeugt – sich nicht so weit ausbreiten können. Dafür brauchte sie mächtige Helfer: einerseits Gruppen, die über Geld genug verfügen, solche Ideen weltweit zu propagieren, andererseits Menschen, die bereit sind, die „Richtigkeit“ der propagierten Glaubenswahrheiten auch gewissermaßen amtlich zu bestätigen. Beides hat sich gefunden: die Pharmaindustrie (und längst auch viele andere Industriezweige) und die medizinische Forschung, die (häufig von der Pharmaindustrie finanziert) jene Studien liefert, aus denen die WHO, der Vatikan der Gesundheitsreligion, dann Dogmen macht.Wie die Richtwerte für Blutdruck oder Blutfette immer nach unten revidiert werden, wenn jeweils eine neue Generation von Medikamenten, mit denen man sie senken kann, auf den Markt kommt, davon war bereits die Rede. Aber lange schon begnügt man sich nicht mehr mit den uns allen geläufigen Krankheiten. Gesundheitsgefahr um Gesundheitsgefahr wird – wer suchet, der findet – entdeckt: Wenn zum Beispiel ganz normale Prozesse einfach umgedeutet werden. Wenn man das leichte Bauchweh, das jeder kennt, zum „Reizdarmsyndrom“ erklärt und dazu noch behauptet, dass das nur sehr schwer zu behandeln sei, dann ist schon recht viel erreicht. Und siehe da, da kommt grade zur rechten Zeit ein Medikament auf den Markt, mit dem man das neue Syndrom doch behandeln kann. Auf ähnliche – nämlich nur umdefinierende – Weise wurden aus ganz normal alternden Menschen auf einmal Hormonmangelwesen. Doch kann ihnen – so schafft man neue Märkte! – ja durchaus geholfen werden, denngrade kommen ja Östrogenpräparate auf den Markt und Testosteronmittelchen für die Männer.


Ist wieder einmal die Pharmaindustrie an allem schuld? Aber nein. Viele schneiden sich große Stücke vom Gesundheitsgeschäftskuchen ab. Die Fitnessstudios. Und die Sportartikelhersteller und -verkäufer mitihren Hightech-Produkten. Vor allem auch die Nahrungsmittel- und die Nahrungsergänzungsmittelerzeuger profitieren. Wenn nur auf der Verpackung draufsteht, dass das Zeug da drin gesund ist, dann fressen die Leute, was man ihnen in die Verkaufsregale stellt. Was war das für eine Freude für die Food industries, als – und das ist noch nicht gar so lange her – wissenschaftliche Studien eindeutig und unwiderlegbar festgestellt haben, dass das Fett in unseren Nahrungsmitteln die Ursache fast jeden gesundheitlichen Übels ist. Und was kamen da nicht für fettreduzierte Light-Produkte auf den Markt, die schmeckten zwar scheußlich, fanden aber – das muss einem die Gesundheit wert sein! – reißenden Absatz.

Doch ach, dann stellte sich – wiederum in wissenschaftlich unanfechtbaren Studien – heraus, dass fettarme Kost nicht viel gegen das so verrufene Übergewicht ausrichten kann. Und noch schlimmer: Die Braven, die sich des Fetts enthalten und stattdessen Kohlehydrate zu sich nehmen, leiden – das wusste man plötzlich – häufiger unter Herzbeschwerden als die Unbelehrbaren, die sich einen Teufel um das Low-fat-Dogma scheren. Doch lassen sich jene, die an gesunder Ernährung verdienen wollen, von so was nicht entmutigen, sie brachten – Kampf den Kohlehydraten! – sofort Low-carb-Produkte auf den aufnahmebereiten Markt.

Das alles wäre nicht möglich, hätten sich nicht unsere Medien so willfährig in den Dienst der Gesundheitsreligion gestellt. Kaum eine Zeitung ohne Gesundheitsbeilagen oder Gesundheitsstrecken. Dass das jeweils nicht viel mehr ist als ein „redaktionelles Umfeld“ für die Anzeigen der Hersteller von „gesunden“ Nahrungsergänzungsmitteln oder anderen Produkten der Gesundheitsindustrie, das bemerken anscheinend nicht viele.

Das ist erst recht einzigartig und beispiellos in der Geschichte: Da ist eine Religion in engster Abhängigkeit von handfesten wirtschaftlichen Interessen entstanden. Auchdies ein Beweis, dass der Sanitarismus nurin unserer Zeit hat entstehen können. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2011)