Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Die Ukraine am Pranger, aber es gibt auch Positives

Vor 20 Jahren nahm Österreich mit der gerade wieder unabhängig gewordenen Ukraine diplomatische Beziehungen auf.

Diese Woche ist es 20 Jahre her, dass die aus den Trümmern der Sowjetunion wiedererstandene Ukraine und Österreich diplomatische Beziehungen aufnahmen. An 24. Jänner 1992 wurde das entsprechende Protokoll unterzeichnet. Bei einer heute stattfindenden Konferenz in der Diplomatischen Akademie in Wien werden ein Rück- und ein Ausblick auf die bilateralen Beziehungen gemacht werden.

Die Ukraine ist zuletzt vor allem aus zwei Gründen in die Schlagzeilen geraten. Einerseits widerspricht das Verhalten führender ukrainischer Politiker offensichtlich rechtsstaatlichen Standards; andererseits wirft die in diesem Jahr in der Ukraine und in Polen stattfindende Fußball-EM nicht nur auf den Sportseiten ihre Schatten voraus. Man ist organisatorisch deutlich im Verzug.

 

Differenziertere Sichtweise

Bei aller berechtigten Kritik sollte man aber nicht vergessen, dass es sich auch bei den Politikern in anderen Teilen Europas nicht immer um demokratisch einwandfreie Lichtgestalten handelt. Und auch anderswo wurden Sportstätten erst im letzten Moment fertig.

Auf anderen Ebenen gibt es sehr wohl Positives zu berichten. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 waren historische Publikationen zur Ukraine noch stark national gefärbt. Nunmehr setzt sich auf akademischer Ebene allmählich eine differenzierte Sicht durch.

Nachweisen lässt sich das etwa in dem von Andreas Kappeler herausgegebenen Sammelband „Die Ukraine“. Darin wird der komplexe Prozess der Nationsbildung dargestellt, wobei auch den anderen dort lebenden Bevölkerungsgruppen, wie Polen und Juden, die entsprechende Rolle eingeräumt wird.

Diese differenziertere Sichtweise war auch beim 350-Jahr-Jubiläum der Universität Lemberg (heute Lwiw) erkennbar. Dass dieser Jahrestag unter Teilnahme höchster politischer Repräsentanten gefeiert wurde, kann man wohl als ein Bekenntnis zur vielfältigen Geschichte dieser weitaus ältesten ukrainischen Universität sehen, wurde sie doch 1661 als jesuitische Akademie unter einem polnischen König gegründet.

 

Eine Uni als Symbol der Freiheit

Im 19. Jahrhundert erlebte diese Institution in österreichischer Zeit eine Blüte, doch gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen polnischen und ukrainischen Professoren und Studenten. 1990 wurde gerade diese Universität zu einem Symbol einer neuen Freiheit, als bereits ein Jahr vor der ukrainischen Unabhängigkeit erstmals ein Rektor demokratisch gewählt wurde. Dieser ist heute noch im Amt und damit für den internationalen Austausch, etwa mit den Universitäten Wien und Graz, verantwortlich.

Auch auf sprachlicher Ebene ist ein Fortschritt erkennbar, wie der Wiener Slawist Alois Woldan auf seinen Reisen feststellen konnte.

Wurden in der ersten Zeit nach der Unabhängigkeit selbst in der Schriftsprache verschiedene Varianten des Ukrainischen gebraucht, so lässt sich in den letzten Jahren eine Vereinheitlichung feststellen, was die Kommunikation natürlich erleichtert. Diese Beobachtung soll jedoch nicht die Problematik der Auseinandersetzung mit dem Russischen negieren.

 

Aussöhnung mit Polen

In seiner historischen Bedeutung unbestritten bleibt die Aussöhnung mit Polen, womit wir doch wieder beim Fußball sind. Die von beiden Ländern gemeinsam veranstaltete Euro 2012 wäre vor nicht allzu langer Zeit undenkbar gewesen. Sie wird in weiten Bevölkerungskreisen zum Symbol der neuen Toleranz werden. Außerdem eröffnet diese Großveranstaltung eine ungeheure Chance zur Berichterstattung über Missstände und damit auch ein Stück mehr Freiheit.

Paul Mychalewicz ist AHS-Lehrer in Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2012)