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ich sitze nur GRAUSAM da

„ich sasz mit Ely und starrte auf das Geschehen in meinem Körper was da alles versagte versiegt war was wehtat und krüppelte usw.“ Beginn eines Prosatextes.

ich rühre mich nicht von der Stelle ich sitze nur grausam da, sage ich zu Ely, der Anfang scheint nicht traurig genug, Petrarca, der Titel des nächsten Buches vielleicht „études“, unfaszbar die Plumage, es gibt diese Nachtfalter welche die Tränen der Menschen trinken, sage ich zu Ely, Beweinung / Bewaldung der Seele, sage ich, die Zacken der Berge die Zacken der Tulpen – der Arzt telefoniert er habe sich denschmerzenden Finger selber aufgeschnitten (wie borderline Patienten sich selber aufschneiden).

Es war 1 Sturmläuten in der Nacht dasz ich Angst bekam, sage ich zu Ely, ich wurde von Angst geschüttelt, sage ich, mein Herz zitterte, ich schlich zur Wohnungstür und lugte durch den Spion oder Judas, ob ich jemanden sehen könne der auf dem Korridor sich meiner Tür näherte, ehe der Judas erloschen war, usw., am Morgen entlasse ich den Speichel auf den Fuszboden, sage ich, wo die Gladiolen sprieszen, die Spucke läszt sie sprieszen 1 ganzer Wald von Gladiolen, orangefarbene lilafarbene blaue, viele Wochen standen die verwelkten Blumen auf dem Abtritt, Gladiolen Fliederstämmchen Palmblätter, verblutende Pfingstrosen, Plagiate, was mich manisch machte, „von der Gnade gestreift“, so Jean Genet, die Akelei wird auch Handschuh Unserer Lieben Frau genannt, nämlich Mignon ich bin jetzt verwirrt, was die Vorgangsweise des Schreibens angeht, sage ich zu Ely, ich bin 1 wenig somnambul, mir schwebt etwas vor, wenngleich der Intellekt ich meine nicht unbeteiligt, erdachte Briefe an Rumi oder E.S., beim Briefeschreiben im Bett habe ich über den Blattrand hinausgeschrieben auf der Daunendecke weitergeschrieben so dasz mein Bett mit schwarzen Filzstiftspuren ...... unser Bett ist unser Büro, sage ich, hier wird geschlafen geschrieben, manchmal besuchen wir den BotanischenGarten (mit Adonisröschen), wir saszen aufdem Podium zum Lesesaal und ich zeichnetedir einen Vogel mit weit ausgespannten Schwingen was bedeuten sollte wir könnten eine Reise mit dem Flugzeug, sage ich, die einzelnen Sätze, sage ich, an einander zu Suiten gereiht, zusammengefaszt, wie Couperin seine Cembalokonzerte, ich wache auf mit den Worten „neureiche Dörfer“ –

nach Wochen großer Hitze gab es eines Morgens ¼5 eine Ahnung von Sturm was mich jählings wach werden liesz, es war als löste sich 1 riesiger Felsbrocken und rollte zu Tal. Die Blätter auf meinem Arbeitstisch flogen in die Luft und wirbelten im Zimmer umher gleichzeitig fühlte ich dasz mein Gedärm wie 1 Knäuel wütender Schlangen, dasz ich mich übergeben muszte, dies alles nach wohlmeinenden Träumen, dann schlief der Sturm ein und die Morgenluft hockte in einem Winkel des Zimmers, die Josefstadt ins volle Henkelglas getunkt, die 1.Vogelstimmen die Sommergewänder der Duft von Blumensträuszen am Fenster, die nichtlachenden Tiere in ihrer Kontemplation etwas tobte in mir, Brigitte St. sagte am Telefon das miszglückte Leben aber die schönen Künste, der Mond schob sich in die Kulissen an Schlaf war nicht mehr zu denken, das Lamm im blauen Himmel man findet es in römischen Kirchen, ich lese in JDs Glas, 1 éclat ist 1 glitzernder Splitter, das Bettuch fühlt sich feucht an, ich sage, da war doch jemand in meiner Kindheit der Joschigeheiszen hat in einer gestreiften Badehose, dessen Namen ich ungern aussprach, tatsächlich schämte ich mich, diesen Namen auszusprechen, (vermutlich trug er eine Resedenhose, nach Jean Genet).

Die Winden die am verwitterten Holzzaun der geschwärzt durch die Witterungender Jahrzehnte sich hochrankten wie Klematis damals in jenen Sommern in D. Je mehr Hüllen über einander desto keuscher der Leib. Ely und ich im Obstgarten dieses Lokals am gestrigen Abend und er sagte, du wirst ja wieder im Dichterbuch schreiben, also, sage ich, 1 waghalsiges Unternehmen, ein neues Buch zu schreiben beginnen –

dieser Wald war 1 mit Schmetterlingen knorriger Wald mit Schmetterlingen Libellen Doubles von Jasmin in welche ich mich stürzte, es gab uralte Bäume welche um ihre Taille ein Band aus Eisen und dicke Wurzeln, Füszchen von Wurzeln mancherlei Tische von Wurzeln, ich trippelte schwermütig darüber hin, suchte nach Seilschaft, ging auf und ab (mit Häubchen), von Ely träumte ich heute nacht der küszte mich auf meinen Scheitel auf meine Stirn, als ich sagte ichhabe mich gesorgt um dich, ich habe Sorge getragen, wurde er unwillig, ich ging verloren es machte mir Mühe auszuschreiten ich suchte immer wieder nach einem Waldplätzchen, es gab eines da sprudelte Wasser, es gab ein leckendes Hündchen, ich sasz mit Ely und starrte auf das Geschehen in meinem Körper was da alles versagte versiegt war was wehtat und krüppelte usw., wie ich schlitterte als ob ich auf vereistem Boden mich fortbewegte, das Licht tropfte von dichten Laubgewölben ich glaube es brachen die kl.Rehe durchs Dickicht, wir strebten zu Vlados Behausung er stand schon auf dem Balkon und winkte uns willkommen!, Wertheimsteinpark. Durch den Schlummer hindurch die eigenen Atemgeräusche wahrgenommen was mich wunderte, wofür ich mich schalt oder schämte.

Nasse Kopfkränze Rutenwerk, die gebüschelten Wimpern, 1.März nachts : Knospenstunde, bestehe aus primitiven Reflexen, sage ich, die Sprache die mir vorschwebt, sage ich, ist zart und zerbrechlich : Kirschblütenzweig : mein Geist mein Gemüt (Ely widerstrebte das Wort Gemüt) –

das Wort Überwurf (bei Ponges „Kiefernwald“ angetroffen) führte mich in eine Szene zurück, sage ich, da Muzette oder Mama den Diwan die Couch das Kanapee mit einem schäbigen Überwurf ehemals Autodecke zudeckte, d.h. sie schwang die schäbige Decke über die Bettstatt wobei sich mehrere Falten bildeten, nämlich 1 Faltenwurf. Ich bin krank, ich habe Ausdünstung, Wadenkrampf, mir schwebt etwas vor, also ins Leere ohne Ahnung was es sein könnte, oder es war der Albatros in dessen Gefieder ich mich festgekrallt hatte, sage ich, die Tränen wie Schweisztropfen auf meinem Gesicht, wir tauchten in diesen Gastgarten welcher fächelte mit seinen fliegenden Büschen und Bäumen, sprieszenden Wölkchen und wasserspeienden Gefilden, wir saszen einander gegenüber und ichsah wie sein Augenpaar die Leidenschaft dieser Landschaft erkundete,sein Augenpaar wanderte nach allen Seiten dasz mir die Tränen. Er schien berührt von der Tiefe der Schönheit eines Gartens mit sichschlängelnden Wegen Stufen und Nischen,zauberischen Gewölben aus Feigenbäumen und Weinlaub und vollkommener Stille, die Vögel waren verstummt, auf den Ästen über unseren Köpfen – er hatte wieder begonnen meine blassen Finger die flach auf dem Gartentisch lagen, zu flechten, wir hatten Vergnügen an diesem Spiel, die Rispe des Fotografen, die Fingerhüte Lilien Vergiszmeinnicht, das welke Rosenblatt klebte am Rand eines Trinkglases – die Sturmböen waren erschreckend, das briefmarkengrosze Tigerauge blickte mich an beim Erwachen, es warb für den Besuch des Tiergartens Schönbrunn usw. Briefwechsel Blickwechsel, der fremde jg.Mann im Konsumgrüszte mich indem er mir zulächelte und die Hand an sein Herz legte, „so lückenlos und flatternd“ (Nina Jäckle)

durch das Guckloch / Türspion / Judas sehe ich Muzette oder Mama sitzen, zusammengekauert sitzen, man hatte ihr alle Schneidezähne gezogen, ich trug Trichterärmel aus bunter Seide, die meine dünnen Arme verborgen hielten, ich roch meinen schweisztriefenden Körper, Traumentzug,dunkle schleimige Absonderungen ausdem linken (kranken) Auge, vollkommeneMorgenstille aprikosenfarbener Himmel im Fensterausschnitt, atme tief aprikosenfarbeneFrische des Morgens aber kein Vogellaut, meine Hortensienseele, schleppe mich zum hochgekippten groszen Fenster („landscape“), das Tranchieren der Träume. Ich erinnere mich, damals hatte ich mir immer den Nachtisch versagt wollte dünne Figur, etwa mit 17 .. („das trifft auf den kl.Genet zu“), wir saszen tatsächlich über dem Gully in der Mittagshitze und Ely sagte „dieser Gestank“, es war im Spitalsviertel, die Ärztein ihren weiszen Kitteln liefen über dieStrasze, 1 Durcheinanderlaufen also in ihren weiszen Roben, etc. 1 Zähnchen das Geräusch war 1 Zähnchen 1 sehr feines zartes Geräusch während ich frühstückte an dem Klapptischchen in der Küche was war es 1 sehr feines fern klingendes Glockengeräusch wie 1 Zähnchen was war es, ich lief zickzack im Revier, war 1 Zähnchen 1 kl.Haken an der Wand hatte sich 1 Zähnchen 1 kl.Haken an der Wand losgelöst, nämlich die Butterblumen nämlich diese Wiesen übersät mit tausenden Butterblumen, provozierend den Geschmack von frischer Butter auf der Zunge, nicht wahr, „mit Tonnen von Fressalien ins Grab hinabgestiegen ..“ (Genet), diese Butterblumen im Wald im Garten diese Felder von Butterblumen, brillierend das in der Brotlade dampfende Brot, dieser kl.in die obere Ecke des Bettes gerückte = gedrückte Brief, dieses zu kl.Briefchen gefaltete Papier auf dem Abtritt, Ponge spricht vom „Momentanisieren“, vielleicht habe ich ein „religiöses Gemüt“, wie Ponge schreibt : was mich alles niederschmetterte –

hier an meinem Fenster an diesem Morgen riecht es nach Adria (Jesolo, Cattolica), tatsächlich bin durchsägt von Universum,die Schärpen des Lichts, die Nacht hält den Atem an, der Engelstrompetenbaum, sagt der Arzt, reiszt dir die Pupillen auf, die Glyzinien in meiner zitternden Hand, meine Pupillen aufgerissen, bin zerrüttet habe Augengefühle. Stosze auf jene weiszen Wollhandschuhe, welche, in einander gestülpt, auf der Ablage im Flur, sage ich, mir entgegenglühen : 1 angestaubtes verwischtes Weisz, sage ich, neben dem Regenschirm Futteral, was diese erschütternden Glacé Handschuhe angeht, sage ich zu Ely, hatte ich ein Paar davon, später nur noch einen einzelnen, vorzüglich Schwert Lanze Gladiole, „ich gehe in meine Küche zurück, dort finde ich meine Handschuhe wieder und den Geruch meiner Zähne“, so Jean Genet, Akelei = Handschuhe Unserer Lieben Frau, usw.

Die beiden Platanen, vom Balkon aus, waren verwachsen mit den zu Boden hängenden Ranken eines Lindenbaums, das Wehen der Blüten, vom Scheitel des Baumes stürzten die Zweige abwärts berührten den Boden, es hatte die ganze Nacht durchgeregnet gestürmt und getobt während die Blitze auch bei geschlossenen Lidern wie Christbaum funkelten, Ely und ich speisten von verklebten Tellern, den kl.Abhang nur mit Hilfe des zusammengebüschelten Herrenschirms zu bewältigen, sage ich.

So wie E.S. mir das Jäckchen strammzieht, sage ich zu Ely, an mir zurechtzieht tatsächlich langzieht, sage ich zu Ely, ziehe ich diese Schrift zurecht, ich meine ein Stramm-, ein Zurechtziehen dieser Schrift, sage ich („oh Ewigkeit, du Donnerwort“), Ende Februar der 2.Knospenspaziergang steht bevor, sage ich

Hitze so grosz, sage ich, dasz das Hemd das man anzog binnen weniger Minuten nasz war, dasz das nasse Hemd das man auszog binnen weniger Minuten trocken war, während es mich die Gasse hinunterschleuderte weil die Kniegelenke, als ob die Kniegelenke des linken Beines zerbrochen – indes ich das eigene Spiegelbild kaum mehr ertrug, indes die Engelstrompeten mit ihren hl.Blättern heftig schwankten, ich meine die Fensterstöcke durch mächtige Böen herausgerissen wurden aus ihren Verankerungen und splitternd zu Boden krachten, also die gr.Vernichtungen uns erbeben lieszen, etc. Wir kaufen rosa Heftumschläge nämlich die Kralle des Notenhefts, so Ely, Sonnenflecken auf Kleiderschürze Silberfischchen auf Fliesenboden, vor 40 Jahren ich erinnere mich, sagte Ely, besuchen Sie mich bald, das Morgenlicht wird Sie umkränzen, ich laufe Ihnen im Treppenhaus entgegen wenn Sie am Haustor schellen –

ich bin manisch, so Ely, wenn du sagst, ich bin dein Epheu, es sei zum Niederknien, wenn du sagst, ich bin dein Epheu, so Ely, „meine angenehme transalpine Einsamkeit, der Anfang scheint noch nicht traurig genug“, Petrarca, die gr.Schere im Brillenetui, am Sonntag nachmittag sich auf den Montag freuen, sage ich, frischer Wochenbeginn usw.

Es war 1 Scham 1 Untergang 1 Notre-Dame, sage ich, die Blütenblätter der Akelei, die dancings ...... Max Ernst pflanzte die Akelei als Blume der Melancholie, nach dem Schlafen am Tag nicht wissen ob Morgen ob Nacht tatsächlich verwirrt, 1 Sporn 1 Zwinkern, ehe man sich wiederfindet wiederentdeckt, nicht wahr, wo bist du gewesen, frage ich Ely, ich bin im Halbschlaf gewesen, oder ich bin nur Fiktion gewesen, in meiner Erinnerung dasz jemand mit Heckenschere und Messer durch den Garten in D., den üppigen Garten in D. durchdrang, um alle Blumen zu schneiden zu sammeln, vermutlich Muzette oder Mama, sage ich zu Ely, in ihrem Frauenkleid und pelziger Schürze, durch den Garten streifte, hier und da etwas abschnitt schnipselte, Lilien Astern Glyzinien Iris, ich sehe sie, Muzette oder Mama durch den Garten in D. streifen mit einer Heckenschere / gr.Messer als Tischschmuck für den gr.grünen Holztisch in der Einfahrt des Innenhofs, und doch alles so unsicher ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2012)