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Islamischer Friedhof vor Fertigstellung

(c) Clemens Fabry
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Für Juni heurigen Jahres ist die Eröffnung geplant. Bisher wurde die Mehrzahl der Verstorbenen in ihr Herkunftsland rücküberführt.

Wien. Die erste Generation jener Menschen, die als Gastarbeiter nach Österreich gekommen sind, nähert sich dem Pensionsalter oder hat dieses bereits erreicht. Mit dieser Entwicklung wird auch die Frage der letzten Ruhestätte immer relevanter.

Bisher wurde die Mehrzahl der Verstorbenen in ihr Herkunftsland rücküberführt. Diese Praxis entsprach der lange geltenden Annahme, dass diese Menschen nach getaner Arbeit dahin zurückkehren wollen, wo sie hergekommen waren. Längst ist die gelebte Realität aber eine andere. Die Menschen haben sich niedergelassen, Familien gegründet und sind jetzt hier heimisch. Dies hat zur Folge, dass auch die Großelterngeneration ihren Ruhestand nicht wie zunächst geplant im Herkunftsland, sondern bei ihren Kindern und Enkelkindern verbringen will. Somit muss wohl über kurz oder lang auch die Frage neu überdacht werden, ob Rücküberführungen nach wie vor sinnvoll sind.

Laut Eva Grabherr, Geschäftsführerin von „okay. zusammen leben – Projektstelle für Zuwanderung und Integration“ gibt es keine einheitliche Zählstelle für Rücküberführungen, weil darin mehrere Konsulate und auch Bestattungsunternehmen involviert sind. „Wir richten uns nach den Zahlen des türkischen Generalkonsulates, weil die Mehrzahl der Muslime in Vorarlberg aus der Türkei stammen.“ Grabherr geht von etwas mehr als 100 Rücküberführungen pro Jahr in Vorarlberg aus.

 

Neun von zehn Toten sind Türken

2006 lebten in Vorarlberg neun Prozent Muslime, das sind ca. 30.000 Menschen. Über 50 Prozent von ihnen haben die österreichische Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2001 lag die Sterberate in dieser Gruppe bei 1,4 Toten pro Tausend im Jahr. 2020 soll sie auf 4,8 Tote pro Tausend ansteigen. In den Jahren 2006 bis 2020 wird von ca. 1800 muslimischen Toten ausgegangen, wobei neun von zehn aus der Türkei stammen. Grabherr rechnet damit, dass mit der Fertigstellung des islamischen Friedhofes auch die Rückführungen unter Angehörigen der ersten Generation zurückgehen werden.

Der Friedhof ist zwar bereits fast fertiggestellt, die offizielle Eröffnung wurde aber auf den Frühsommer gelegt. Durch das Islamgesetz von 1912 steht den Muslimen in Österreich als Angehörige einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft das Recht auf eine konfessionelle Beerdigung zu. Diesem Umstand wird jetzt in Altach Rechnung getragen. Der neue Friedhof soll Muslimen aus allen Vorarlberger Gemeinden zur Verfügung stehen. In 93 der 96 Vorarlberger Gemeinden leben Muslime, wobei von diesen ungefähr die Hälfte in Moscheevereinen organisiert ist. Für die Errichtung einer Begräbnisstätte haben sich 2003 die Vereine aller religiösen Richtungen mit der Religionsgemeinde Bregenz der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) zur „Initiativgruppe islamischer Friedhof“ zusammengeschlossen.

Das Besondere am Vorarlberger Projekt ist laut Grabherr, dass es ein gemeindenübergreifendes Projekt ist und in guter Zusammenarbeit mit den vielen und heterogenen islamischen Gemeinschaften errichtet wurde: „Es können sich Muslime aus allen Kommunen Vorarlbergs und aus allen islamischen Gemeinschaften dort begraben lassen. Wir haben in Vorarlberg also nicht einen Friedhof für die Muslime einer Stadt, sondern für die Kommunen des ganzen Landes. Für Bundesländer abseits von Wien wird diese Zusammenarbeit von Kommunen auch aus Effizienzgründen von Bedeutung sein.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2012)