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Ergreifen und sich ergreifen lassen

„Aktiv altern“: Wie oft hat man das schon gehört! Bei einem Symposium im Wiener Parlament wird demnächst ein „österreichischer Weg“ vorgestellt. Und was braucht es wirklich für ein geglücktes spätes Leben?

Trotz vieler Jahrzehnte der Beschäftigung mit dem menschlichen Altern in der sozialen Wirklichkeit unserer westlichen Gegenwart, aber auch in Kunst und Philosophie der Weltkulturen ist mir erst kürzlich eine historische chinesische Schnitzarbeit der Gottheit des langen Lebens, Shoulao, bekannt geworden. Die Gottheit lässt das freundliche Gesicht eines alten Mannes und dessen aufrechten Oberkörper erkennen. Der Rest dieser Darstellung mündet in einen unbearbeiteten Wurzelstock.

Aufs Erste mag es überraschen, dass das lange Leben mit dem Symbol des Ursprungs, der Wurzel, in Beziehung gerät. Es bleibt also Raum für die Deutung, dass das Lächeln der Gottheit der Langlebigkeit mit dem geglückten Rückbezug auf den Ursprung, mit den Wurzeln der eigenen Persönlichkeit, ihrer Herkunft und ihres Wachstums zu tun hat. Aber die Wurzel bedeutet wohl auch, dass durch die Feinheit und Vielfalt ihrer Fasern ein weiteres Wachstum der Persönlichkeit lebenslang möglich ist, wenn Bedingungen der Fruchtbarkeit des Bodens für dieses Wachstum, für die Langlebigkeit gegeben sind respektive dafür vorgesorgt wird. Wachstum im Alter verlangt also auch selbst erworbene Ressourcen.

Der Gott der Langlebigkeit, dargestellt mit seinem vielfältigen Wurzelgeflecht, führt uns symbolisch dazu, unsere eigene Bemühung um ein „aktives Altern“, wie die EU-Formel auch für die österreichische Tagung im Parlament am kommenden 29. Mai lautet, bei unseren eigenen Wurzeln, den eigenen Überzeugungen und Bedürfnissen zu beginnen. Der potenzielle Einfallsreichtum des Menschen, sein Wille und seine Selbstverantwortung können heute, gestützt auf die moderne Medizin und eine gewisse soziale Absicherung, die Bereitschaft wecken, schöpferisch zu leben. Ohne diese Bereitschaft, selbst etwas zu tun, bewegt sich gar nichts, weder im Denken noch im Handeln. Ich muss mehr denken, um mich besser auf mich selbst beziehen zu können, je älter ich werde. Aus beidem zusammen, rationalen Überlegungen und verstärktem Selbstbezug, vermag Schöpferisches im „aktiven Altern“ zu entstehen. Ein aus Reflexion und Emotionfolgendes, auf umfassender Anstrengung beruhendes Verhältnis zu sich selbst wirkt als Schub von Besinnung. Bewegung – in jeder Hinsicht – wird dadurch erst möglich.

Das späte Leben bedarf einer Verstärkung der „Arbeit am Ich“. Zu seiner Selbstklärung muss das Ich sich wohl auch auf meditative Lebensmomente einlassen. Jeder redliche Versuch von Besinnung und Meditation, sofern er sich aus modischen Trends und Prestigesuche herauszuhalten vermag, schafft durch Bewusstseinspausen und Herauslösen aus dem „Alltag“ Vertiefung durch Selbstklärung. Das Verweilen im Unaussprechlichen, der „Aufenthalt außerhalb“, wird in der europäischen Antike und danach zur „Ek-stasis“. Dieses „Draußen-Stehen“ jenseits des Gewohnten kann auch eine Bindung der Ichs in Liebe und so eine neue Selbstbesinnung bedeuten.


Zu sich kommen – hinter der Welt

Manchmal ist „Draußen“ das beste „Drinnen“. Deswegen hat auch Hegel auf der Antithesis als dem Draußen gegenüber der Thesis als dem ersten Schritt zur Erneuerung bestanden. Der Entwurf einer Philosophie des Alterns lässt sich hier auf die Auslegung eines paradigmatischen, im Nachlass gefundenen Gedichts von Paul Celan ein, der als Einziger seiner jüdischen Familie den Gaskammern entging. „Ich lotse dich hinter die Welt, / da bist du bei dir, unbeirrbar, / heiter / vermessen die Stare den Tod, / das Schilf winkt dem Stein ab, du hast / alles / für heut Abend.“ Hinter der Welt – da kannst du zu dir kommen. Beides, die Abgesetztheit einerseits und ein gewisses Einswerden mit sich selbst anderseits, sind Voraussetzungen für ein eigenes Erleben und Leben im Alter. Es gibt keine Kreativität ohne die Freiheit hierzu als Grundform des Gesamtlebens und als Freiheit besonders in der entsprechenden Phase der Kreativität. Ich sage dies auch als Mensch, der in der Unfreiheit des NS-Staates aufwuchs und überleben musste.

Dichtung und Kunst lotsen dich hinter die Welt und zu dir. So vermagst du es zu ertragen, dass der Tod – dein Tod – und damit die Spanne vor ihm, dein Alter, ausgemessen wird. Durch ein solches Vermessen gewinnst du Gelassenheit gegenüber deiner Endlichkeit. Die Gelassenheit ist eine notwendige Bedingung für die Bündelung der tiefsten Kräfte des Alters. Das liegt im Sinne einer „Besonnenheit“, der „Sophrosyne“, wie Sophokles sie benannt hat. Darin ist auch heute die Ausgewogenheit des Verhaltens gemeint, integriert in die Erhaltung des Körpers und seiner Fähigkeit zum Ertragen des oft stark beschädigten Lebens. Selbst die alten Männer suchten im klassischen Athen das „Gymnasion“ auf, keinesfalls nur wegen der schönen nackten Knaben, sondern vor allem wegen eigener körperlicher Übungen. Der Begriff der Askese, im heutigen alltäglichen Sprachgebrauch mit (sexueller) Enthaltsamkeit verknüpft, war in der Antike primär mit der Vorstellung von Üben und Training verbunden. Ergänzend dazu wurde die Tugend der (auch körperbezogenen) Mäßigung und Selbstbeherrschung entwickelt. In unserem Zeitalter der Belagerung durch Konsumangebote bis zur Wohnungstür muss die Mäßigung erst mühsam erlernt werden.

Die menschliche Lebensdauer zeigt, weltweit gesehen, eine immense Streuung. Die Lebenserwartung bei der Geburt liegt zum Beispiel in den subsahariellen afrikanischen Ländern bei 50, in den reichen Ländern Europas bei fast 80 Jahren. In den armen Ländern der Dritten Welt ist das relativ kleine Häuflein der Alten in Rückzugsgebieten entlegener Dörfer noch sippenmäßig integriert. Die Alten werden in den Sippen zwar meist noch kulturell geehrt, medizinisch bleiben sie weiterhin aber so gut wie unversorgt. Sie sind auf Familienhilfe und örtliche Heiler angewiesen. Die moderne Medizin ist zu teuer und zu weit entfernt, wenn überhaupt verfügbar.

Aber auch die neu urbanisierten Regionen samt ihren Slums und den dortigen Krankheiten müssen sich hinsichtlich der Alten selber helfen. Könnten sich aus solchen Befunden nicht anlässlich des „Europäischen Jahres des aktiven Alterns“ über Anregung der österreichischen Konferenz von Politikern und Wissenschaftlern nach Pfingsten 2012 im Parlament Patenschaften für afrikanische Alte ergeben?

Stellen wir diesem Bild die Szenerie der hoch entwickelten Länder gegenüber. Die nach Kapazitäten und Kompetenzen sehr unterschiedlichen 60-Jährigen und Älteren werden in wenigen Jahrzehnten ein Viertel der Bevölkerung der reichen Länder ausmachen. Es wird in zweieinhalb bis drei Jahrzehnten mehr über 80-Jährige geben als Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren. Da steht eine Dynamik der Polarisierung von Aufgaben, aber auch von Zuwendungen bevor. Fast die Hälfte der Altersgruppe 85 plus lebt in West- und Mitteleuropa allein. Die Scheidungen haben ihre Spuren hinterlassen. In verschiedenen Schweregraden wird die Alzheimererkrankung bei der Hälfte der Gruppe 80 plus ihre zerstörerische Wirkung zeigen.

Auf welche moralischen oder gar religiösen Fundamente soll sich die Erhaltung und Pflege des stark hilfsbedürftigen Lebens zwischen 80 und 100 in Zukunft stützen? Wie wird in einer auf „survival of the fittest“ und auf stete Steigerung des Erfolges hin orientierten Gesellschaft zureichend Altruismus und Hilfsbereitschaft produziert werden können? Es wird – mit oder ohne „Ungehorsam“ – auch neue religiöse und moralische Begeisterung für Nächstenhilfe in Spitälern und Privatwohnungen geben müssen. Alles deutet heute auf die Notwendigkeit der Erhöhung eines Potenzials einfallsreicher und damit kreativer Selbstsorge hin. Diese müsste spezifische Stützungen erfahren, besonders in der Bewältigung des Alltags. Ohne dieses gestützte „souci de soi“, die Sorge um sich, samt Änderungsbereitschaft wird es auch keine kreative Produktivität im Alter geben können.

Ergreifen und sich ergreifen lassen gilt natürlich besonders für die erotische Liebe. Dazu bedarf es im späten Leben der Vertiefung von Anteilnahme am anderen Menschen, gesteigerter Zärtlichkeit und wechselseitiger Einfühlung in die jeweiligen Lebensprobleme gesundheitlicher und psychologischer Art des anderen, der anderen. Die Liebe muss sich umdrehen, von „meiner“ auch zur Realisierung bereiten Liebe zur Liebesmöglichkeit und Willigkeit der geliebten Person. Daraus ergibt sich: Lerne zu lieben, wie die andere Person geliebt werden will! Vielleicht stärkt nichts so sehr den Menschen wie dessen Preisgabe in der Liebe. Die Preisgabe des Sich-ergreifen-Lassens im Erotischen und besonders im Erotischen der geliebten Person, sie vermag wichtige Reifungsprozesse des Alters zu fördern.

Hier muss auch der Blick auf die Religionen gelenkt werden. Jesus fordert die Lebensänderung des ganzen Menschen. Von Nikodemus, einem alten Glaubenslehrer, verlangt der junge Prophet Jesus, er solle einer radikalen inneren Änderung in seinem Leben zustimmen. Diese Änderung könne durch eine innere Neugeburt geschehen.


Mentalitätswandel zum Neuen

Durch diesen Mentalitätswandel zum Neuen hin sei es möglich, sich dem „Geist“ anzuvertrauen, allerdings dort, wo dieser weht und wehen will. Jesus verlangt also im späten Leben eine Geistesbeziehung der Selbstveränderung aufzunehmen. Es sei nötig, auf jeweils neue Situationen und Bedingungen im Leben zu reagieren. Darin war der Auftrag Jesu verwurzelt, auch im Alter ein „bewegtes Leben“ zu führen.

Warum haben uns die Kirchen nicht schon lange von diesen „Empfehlungen“ Jesu gepredigt oder wenigstens davon erzählt? Vielleicht werden die „ungehorsamen“ Priester, wird die katholische Kirche mit dem Blick auf ihre Enkelkinder oder sensibilisiert durch die demografischen Anstöße, darüber zu predigen beginnen.

Nachdem ich nach einer Versteigerung in der Wiener Galerie Zacke die in der Einleitung beschriebene holzgeschnitzte Figur erlangt hatte und sie näher betrachtete, da fand ich etwas. In ihrer Rechten – fast unsichtbar – hielt die Figur des Gottes Shoulao einen kleinen goldenen Stab, als würde sie damit Anweisungen geben. Als eine ihrer Empfehlungen, so möchte ich das gerne interpretieren, kann ich mir im „Europäischen Jahr des aktiven Alterns 2012“ die Gründung eines Instituts für multidisziplinäre Alternsforschung in Österreich vorstellen, einhellig beschlossen von der Versammlung hochrangiger Politiker und hoch qualifizierter Wissenschaftler dieser Tage im Parlament. Mit dieser Art Forschung betraut werden könnte die bereits eingerichtete Struktur der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA), die auch an dieser Versammlung teilnimmt.

Die Kreativität des Alters würde, beflügelt durch die Kreativität eines solchen Instituts, den Einsatz des goldenen Stabes des Gottes der Langlebigkeit durchaus rechtfertigen. Das menschliche Alter ist auf dem Weg zu seiner neuen Aktivität und Kreativität mehr als Goldes wert. Man möge dann den Geist wehen lassen, wo er es für nötig findet . . . ■

Geboren 1925. Emeritierter Ordinarius für Soziologie und Sozialphilosophie an der Universität Wien. Bücher: zuletzt „Rettung in schlimmen Zeiten. Erinnerung nach sieben Jahrzehnten“ (Picus), „Im Alter – noch einmal – leben“ (LIT).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2012)