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"Fibel für Erwachsene": Grenzwertige Geschichten

Fibel fuer Erwachsene Grenzwertige
(c) Suhrkamp

In Zsófia Báns "Fibel für Erwachsene" spricht die unfreiwillige Kosmonautenhündin aus dem Jenseits: Bekanntes neu – und nicht immer jugendfrei – erzählt.

Überdreht und skurril sind sie, Zsófia Báns Geschichten in dem Band „Abendschule. Fibel für Erwachsene“, aufgeschrieben in einem ironischen und bisweilen hämischen Tonfall.

Erziehen will Bán nicht, wiewohl der Band, den sie 2007 in Ungarn veröffentlicht hat und der jetzt erst bei Suhrkamp in deutscher Sprache erschienen ist, als Schulbuch angelegt ist. Jeder Unterrichtsgegenstand (betitelt etwa mit Hauswirtschaftslehre, Werken, Vaterlandsverteidigung, Ungarische Literatur, Leibesertüchtigung) enthält eine Geschichte, die sich (sehr) lose am Inhalt des Fachs orientiert.

In der dem Fach „Russisch“ zugeordneten Geschichte erzählt etwa die sowjetische Hündin Lajka von ihren letzten Stunden, wie ihr das Fell geschoren und sie in die enge Raumkapsel gepresst wurde, in deren Hitze sie verendete. „An meinen brennenden Thron gegurtet, werde ich die internationale Hymne der Hunde bellen. Während die Schergen Berlioz hören.“ Lajka entlässt ihre Leser nicht, ohne einen Appell an sie zu richten, niemals, aber auch niemals auf eine angeblich höhere Macht zu vertrauen. Das ist Báns Spezialität: die Neufassung bekannter Geschichten aus überraschender Perspektive, mit garantiert unerwarteten Wendungen.

Dass Bán, die in Brasilien geboren wurde und in Ungarn aufgewachsen ist, Literaturwissenschaftlerin und Kunstkritikerin ist, merkt man ihrem Buch auf jeder Seite an – und macht es zu einem sehr intelligenten Lesevergnügen. som

Zsófia Bán: „Abendschule. Fibel für Erwachsene“, übersetzt von Terézia Mora, Suhrkamp Verlag, 239 Seiten, 23,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)