Schnellauswahl

"Urbanauts": Die Retter der Gassenlokale

Urbanauts Retter Gassenlokale
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken
  • Kommentieren

Mit ihrem Konzept "Urbanauts" wandeln drei Architekten leer stehende Geschäftslokale in Hotelzimmer um. Nun expandieren sie kräftig – und beleben damit das Grätzel.

Für manche Ideen muss man erst ins Ausland fahren, damit sie schließlich in Wien umgesetzt werden. Im Fall von Theresia Kohlmayr, Jonathan Lutter und Christian Knapp war es eine Kolumbien-Reise zum Thema Städtebau, die die drei Architekturstudenten zusammengebracht hat. „Als wir wieder in Wien waren, sind uns die vielen leeren Gassenlokale aufgefallen“, sagt Christian Knapp. Weil sich diese in Straßen mit geringer Besucherfrequenz befinden, will dort auch niemand mehr hin. Also haben sich die drei zusammengesetzt und ein Konzept entwickelt, wie die leeren Räume genützt werden können. Herausgekommen ist „Urbanauts.“ Ein Hotelbetrieb, für den ehemaligen Gassenlokale in Hotelzimmer umgebaut werden.

„Wir wollten einen Plan, der nachhaltig ist und ohne Subventionen funktioniert“, sagt Knapp. „Und ich komme selbst aus einem Hotelbetrieb“, fügt Theresia Kohlmayr, klein mit frechem Pagenkopf, die die Leitung des Hotels übernommen hat, hinzu. Irgendwann sei klar gewesen, dass das, „was ich sicher kann, Betten verkaufen ist.“

Das erste (und im Moment auch einzige Urbanauts-Zimmer) ist jetzt seit einem Jahr in der Theresianumgasse in unmittelbarer Nähe zum Schloss Belvedere im vierten Bezirk quasi zur Probe in Betrieb. Im Hintergrund wird aber bereits heftig an der Expansion gearbeitet. Neun neue Einzelhotelzimmer sollen bis Herbst im Viertel eröffnet werden. Ein Hotelzimmer besteht dann aus einem 25bis 45 Quadratmeter großen Raum für zwei bis vier Personen mit Doppelbett, Dusche und iMac, der gleichzeitig Fernseher und DVD-Player ist. Das Zimmer in der Theresianumgasse ziert auch ein überlebensgroßes Model, neben dem Bett steht eine Nähmaschine. „Wir wollen bei der Einrichtung immer an die vorherige Verwendung des Gassenlokals erinnern. Früher war das nämlich eine Schneiderei“, sagt Kohlmayr.

Damit die Passanten von außen nicht in das Zimmer hineinblicken können (Gassenlokale haben meist große Fensterfronten), sorgt verspiegeltes Glas für Lichtschutz und trotzdem genügend Licht im Raum. Gleich neben dem ersten Urbanauts-Zimmer liegt außerdem das Architekturbüro, das Kohlmayr, Lutter und Knapp mittlerweile gegründet haben. Für die schicke Architektur des neuen Bobo-Japaners „Mochi“ waren sie damit schon verantwortlich. Vom Büro aus koordiniert Kohlmayr die Ankunft und Abreise der Gäste und hilft ihnen im Alltag.

Die Infrastruktur wird ausgelagert. Denn die wirklich clevere Geschäftsidee von Urbanauts ist das Konzept drumherum. Weil sie abgesehen vom Hotelzimmer keine eigene Infrastruktur bieten können, haben die drei Architekten diese einfach ausgelagert. Gleich nach der Ankunft bekommt jeder Gast einen Stadtplan mit Tipps für die Stadt. Im Café Goldegg empfehlen sie das Frühstück, bei Opocensky das Mittagessen und Entspannung liefert das Hamam von Mon Corps.

„So lernen die Gäste gleich die Stadt kennen“, sagt Kohlmayr. Alle Geschäfte befinden sich in unmittelbarer Nähe und sind zu Fuß erreichbar. Ein eigener Katalog bietet noch weitere Tipps für die In-Locations fernab der touristischen Pfade in der Stadt.

Dass die Urbanauts-Fellows – so werden die unmittelbaren Kooperationspartner genannt – alles Freunde und Bekannte von Kohlmayr, Lutter und Knapp sind, daraus macht niemand ein Geheimnis. „Sie sollen dort ja auch wie Freunde behandelt werden“, sagt Kohlmayr.

Am liebsten erzählt Knapp daher die Geschichte eines Pärchens aus Italien, das im Restaurant Aromat abendessen wollte, aber vor verschlossenen Türen stand: Zehn-Jahres-Feier. „Als sie sich als Urbanauts zu erkennen gegeben haben, hat der Besitzer sie zum Mitfeiern eingeladen“, sagt Knapp.

Solche Erlebnisse können andere Hotels schlecht überbieten. Und passen wohl auch gut zur Klientel, die das Urbanauts-Konzept anzieht. „Reisende, die nicht alles durchorganisiert haben wollen“, sagt Kohlmayr. So etwas wie Zimmerservice gibt es bei Urbanauts in der Regel nämlich nicht. Genau das scheint aber viele anzusprechen. Mittlerweile (und unter der kräftigen Mithilfe von Wien Tourismus) würden Menschen aus der ganzen Welt das Zimmer in Anspruch nehmen. Im Alter zwischen 18 und 75.


Zehn Zimmer in einem Grätzel. Damit ab Herbst auch mehr Gäste bedient werden können, müssen die Urbanauts jedenfalls noch einiges tun. Denn es ist nicht immer einfach, geeignete Lokale zu finden. „Wir haben hier in der Nähe sicherlich 50Gassenlokale angefragt, nur 20 waren verfügbar“, sagt Kohlmayr. Viele werden als Lager benutzt. Gerade das finden die Urbanauts aber schade. „Einerseits leidet das Stadtbild, andererseits ist es für Anrainer nicht schön“, sagt Knapp.

Zwei der neuen Urbanauts-Zimmer sollen jedenfalls in einer ehemaligen Schlosserei und in einer Galerie untergebracht werden. Auch eine externe Rezeption ist geplant. „Zehn Lokale bilden dann ein Segment für ein Grätzel“, sagt Kohlmayr. Das Konzept soll – in Zukunft – auf die ganze Stadt umgelegt werden. Und auch sonst tun die Urbanauts alles, um wieder Leben in „ihr“ Grätzel zu bringen. Eben hat Kohlmayr den Vorsitz des Vereins der Kaufleute für den Bereich „Obere Wieden“ übernommen. In ihrer Funktion will sie den St. Elisabeth-Platz im Grätzel wiederbeleben. Der „Lieblingsflohmarkt“ hat hier schon stattgefunden, weitere Ideen sind in Planung. Dass sich die drei dafür wieder im Ausland inspirieren lassen, ist nicht auszuschließen.

Schlafen im Geschäft

Urbanauts wandelt leer stehende Geschäftslokale in Einzelhotelzimmer um. Jeweils zehn Gassenlokale bilden ein Segment. So soll das Grätzel wiederbelebt werden.

Die Zimmer kosten 120 Euro pro Nacht, sind voll eingerichtet mit Fernseher, Computer, Minibar und Kaffeemaschine. Zimmerservice gibt es allerdings nur gegen Aufpreis.

Derzeit gibt es nur ein Urbanauts-Zimmer im vierten Bezirk. Weitere neun werden im Herbst eröffnet. www.urbanauts.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)