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Csanad Szegedi - Ungarns geläuterter Antisemit

(c) AP (Bela Szandelszky)
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Jobbik-Funktionär Csanad Szegedi hetzte jahrelang gegen Juden. Doch dann schockierte er seine Kameraden mit der Enthüllung, dass seine Großmutter Jüdin ist. Unter dem Druck mussete er nun die Partei verlassen.

Belgrad/Budapest. Lange galt der Mann mit dem sorgfältig getrimmten Bart als Kronprinz und Zukunftshoffnung von Ungarns rechtsextremer Jobbik-Partei. Doch seit der Enthüllung seiner jüdischen Herkunft ist Csanad Szegedi in seiner Partei zum Paria degradiert worden. Unter dem Druck seiner erbosten Kameraden hat der 29-Jährige alle Parteiämter niedergelegt. Nun will die Jobbik-Führung den Enkel einer Auschwitz-Überlebenden zur Aufgabe seines Mandats als Europaabgeordneter zwingen. Die Herkunft von Szegedi spiele dabei keine Rolle, beteuert Parteichef Gabor Vona: Der frühere Mitstreiter müsse sein Abgeordnetenamt abgeben, weil er mit Bestechung seine Herkunft zu vertuschen versucht habe.

Dabei schien der im ostungarischen Miskolc geborene Sohn eines bekannten Holzbildhauers für eine Karriere in der 2003 gegründeten Jobbik wie gemacht: Schon 2002 veröffentlichte er nationalistische Schriften. 2005 trat er Jobbik bei. Antisemitische Hetztiraden gegen die jüdische Minderheit, die er des Aufkaufs des Landes und der „Entweihung“ von Nationalsymbolen bezichtigte, gingen dem früheren Parteivizechef damals sehr leicht von den Lippen. 2007 war der stramme Nationalist Mitbegründer der mittlerweile verbotenen „Ungarischen Garde“. In der schwarzen Uniform der paramilitärischen Garde nahm er nach seiner Wahl zum Europaabgeordneten 2009 im EU-Parlament Platz.

Doch plötzlich schreckte Szegedi seine Kameraden mit einem Bekenntnis in der parteinahen Tageszeitung „Barikad“ auf: Er habe „vor Kurzem“ erfahren, dass seine Familie jüdischer Abstammung sei, so Szegedi. Es zähle nicht, ob man „reinrassiger“ Ungarn sei: „Das Wichtigste ist, wie man sich als Ungar verhält.“

Aussprache mit Budapester Rabbi

Während empörte Kommentare auf nationalistischen Websites seinen sofortigen Rücktritt forderten, schien die Jobbik-Führung zunächst zu ihm zu halten. Jobbik sei „keine rassistische Partei“, beteuerte Parteichef Vona. Eher höhnisch reagierte Ungarns Öffentlichkeit auf die Enthüllung. Die Geschichte von Szegedi zeige, dass „Dummheit nichts mit genetischem Erbe“ zu tun habe, ätzte das Portal „index.hu“. Vertreter jüdischer Organisationen forderten Szegedi spottend auf, sich ohne Betäubung beschneiden zu lassen.

Israel habe mehr Abgeordnete in Ungarns Parlament als in der Knesset, hatte Szegedi noch 2010 behauptet. Nun hat er sich in mehreren Interviews aber klar zu seiner Herkunft bekannt. Er habe mit seiner Großmutter, die ihn als „ungarischen Patrioten“ aufgezogen habe, lange Gespräche über deren Zeit in den KZ-Todeslagern Auschwitz und Dachau geführt: „Ich akzeptiere meine jüdische Herkunft und bin stolz auf meine Großmutter.“ Der Ex-Antisemit suchte einen Budapester Rabbi auf, um sich für seine früheren Äußerungen zu entschuldigen – und einen Besuch in Auschwitz zu geloben. Szegedi stecke in einem „Prozess der Selbsterkenntnis und Wiedergutmachung“, sagte der Rabbi danach und sprach von einer „schwierigen und seelisch belastenden Unterredung“.

Exhäftling erpresste Szegedi

Doch das späte Bekenntnis erfolgte keineswegs freiwillig. Schon vor zwei Jahren soll Szegedi von seiner Herkunft erfahren haben. Er soll versucht haben, seinen Erpresser – einen Exhäftling – mit dem Versprechen lukrativer EU-Beraterjobs zum Schweigen zu bewegen.

Auch wenn Szegedi seine Partei verlassen musste: An seinem Mandat im Europaparlament will er dennoch festhalten. „Es wäre ein Leichtes aufzugeben“, schreibt er auf seiner Facebook-Seite. „Aber das ist genau das, was meine Gegner erwarten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2012)