Die Pietà des „Arabischen Frühlings“

Das Pressefoto 2011 zeigt ein christliches Motiv in einem islamischen Zusammenhang. Ein Symbol unseres westlichen Blicks.

Eine Frau hält einen Mann in ihren Armen. Sie trägt einen Schleier. Er ist nackt, verwundet anscheinend, vielleicht sogar tot. So weit wären wir uns bei dieser Bildbeschreibung seit dem 14.Jahrhundert einig im Abendlande – das ist eine klassische Pietà, ein Bild frommen Mitleids und Erbarmens. Maria hält den vom Kreuz abgenommenen Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß umfangen, eine ungemein populäre Darstellung von Michelangelo bis Bellini, wenn auch durch keine direkte Bibelstelle, sondern rein apokryph belegt.

Die Schmerzensmutter, von der hier die Rede sein soll, ist aber umfassender verhüllt, als sich die Künstler seit dem Mittelalter das so vorgestellt haben, nämlich von Kopf bis Fuß. Und sie ist es nicht in himmlisch blauem Stoff, sondern in irdisch schwarzem. Diese Irdnis ist schließlich nicht Judäa 30 oder 31 nach Christi, sondern der Jemen des Jahres 2011. Es handelt sich auch nicht um eine Plastik oder ein Gemälde, sondern um eine Fotografie von den Protesten in der Hauptstadt Sanaa, die schließlich im November zur Abdankung von Präsident Ali Abdullah Saleh führten.

Was aus dem 18-jährigen Zayed wurde, den der Einsatz von Tränengas bei einer der Demonstrationen derart außer Gefecht gesetzt hatte, wissen wir nicht. Das Bild, das ihn in den Armen seiner ebenfalls im politischen Widerstand engagierten Mutter Fatima al-Qaws zeigt, ging dennoch um die Welt, es wurde zum Pressefoto des Jahres 2011 gekürt und ist ab morgen in der Wiener Fotogalerie „Westlicht“ ausgestellt.

Dass die Jury des in den Niederlanden vergebenen Preises aber gerade dieses Bild nicht nur auszeichnete, sondern sogar als „Symbol des Arabischen Frühlings“ bezeichnet, ist nahezu perfid. Gewinnt es seine Stärke doch aufgrund einer Komposition, die nur im christlichen Westen derart wirken kann, wo jeder das im Christentum tradierte Mutter-Sohn-Motiv sofort entschlüsseln kann. Samuel Aranda, der junge Fotograf, der diese Situation für die New York Times in einer zum Lazarett umfunktionierten Moschee vorfand und ablichtete, kommt eben nicht wohl von ungefähr aus dem katholischen Spanien.

Mehr als ein „Symbol des Arabischen Frühlings“ ist dieses Bild in seiner pyramidalen, reduzierten Komposition vor neutralem Hintergrund also ein Symbol unseres eingeschränkten, unseres westlichen Blicks auf die Vorkommnisse im arabischen Raum. Und dieser Blick sieht in einer (teilweisen) Wende zum extremen Islam eben lieber einen „Frühling“. Und stilisiert eine ihrer Individualität durch Vollverschleierung beraubten Frau zur neuen Schmerzensmutter.

 

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