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In Ostasien sind die Wunden des Krieges noch immer frisch

China, Korea und Japan haben jeden nur denkbaren Grund, einen ernsthaften Konflikt wegen ein paar Steinhaufen im Meer zu vermeiden.

Sie sehen nach nichts aus, diese paar unbewohnten Felsen im Ostchinesischen Meer zwischen Okinawa und Taiwan, ebenso wie einige kleine Inseln in der Japanischen See, bewohnt von ein paar Quotenfischern und einigen südkoreanischen Beamten der Küstenwache. Erstere, in Japan Senkaku-Inseln und in China Diaoyu-Inseln genannt, werden von China, Japan und Taiwan beansprucht; die anderen, die auf Japanisch Takeshima und auf Koreanisch Dokdo heißen, von Südkorea und Japan.

Diese winzigen Steinhaufen haben wenig materiellen Wert – und trotzdem hat der Streit über ihre Zugehörigkeit international viel Staub aufgewirbelt: Botschafter wurden abberufen; in China fanden massive antijapanische Demonstrationen statt, im Zuge derer Japaner und ihr Eigentum zu Schaden kamen; zwischen Tokio und Seoul fliegen Drohungen hin und her; sogar von Militärmaßnahmen war die Rede. Die historischen Fakten sind ziemlich simpel. Nach dem Sino-Japanischen Krieg von 1895 und der Besetzung Koreas 1905 hat Japan die Inseln als Teil seines Imperium-Bauprojekts an sich gerissen. Davor waren die Besitzverhältnisse unklar, auf Takeshima/Dokdo lebten Fischer aus Japan, und Senkaku/Diaoyu erfuhr Aufmerksamkeit aus dem kaiserlichen China. Aber kein Staat erhob formelle Ansprüche.

 

Koreas Wut auf Japan

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Dinge komplizierter. Japan musste seine kolonialen Besitztümer zurückgeben, aber die Vereinigten Staaten übernahmen gemeinsam mit Okinawa die Senkaku-Inseln, bevor sie 1972 beide an Japan zurückgaben. Die Koreaner, die nach einem halben Jahrhundert der Kolonialisierung immer noch wütend auf Japan waren, annektierten die Dokdo-Inseln, ohne sich um die Legalität dieser Aktion zu kümmern. Angesichts der Brutalität der japanischen Besatzer in Korea und China neigt man automatisch dazu, mit Japans früheren Opfern zu sympathisieren.

An den heftigen Emotionen dieses Streits – einige Koreaner haben sich aus Protest gegen Japan sogar selbst verstümmelt – kann man erkennen, dass die Wunden des Japankriegs in Asien immer noch frisch sind.

Tatsächlich hat der südkoreanische Staatspräsident Lee Myung-bak die Gelegenheit genutzt, vom japanischen Kaiser eine formelle Entschuldigung für den Krieg zu fordern, ebenso wie finanzielle Kompensation für die koreanischen Frauen, die während des Krieges in Militärbordellen dazu gezwungen wurden, japanischen Soldaten zu Diensten zu sein.

Leider leugnet die japanische Regierung trotz vieler Indizien und Beweisführungen sogar japanischer Historiker die Verantwortung der Kriegsregierung für dieses grausame Projekt bis heute. Es überrascht nicht, dass die koreanischen Emotionen durch diesen Standpunkt nur noch mehr entflammt sind. Trotzdem wäre es zu einfach, für den momentanen Konflikt ausschließlich die offenen Wunden des letzten Weltkriegs verantwortlich zu machen.

Natürlich beziehen sich die nationalen Gefühle, die in China, Korea und Japan absichtlich angefacht werden, auf die jüngste Geschichte, aber die hinter ihnen stehende Politik ist von Land zu Land unterschiedlich. Da die Medien aller drei Länder sich geradezu autistisch weigern, eine andere als die „nationale“ Sichtweise zu vertreten, wird die jeweilige Politik nie richtig dargestellt.

Die kommunistische Regierung in China kann keinerlei Legitimität mehr aus der marxistischen Ideologie ziehen, und schon gar nicht aus dem Maoismus. China ist ein autoritäres kapitalistisches Land, das sich Geschäften mit anderen kapitalistischen Ländern geöffnet hat (darunter tiefgehenden wirtschaftlichen Beziehungen zu Japan). Seit den 1990er-Jahren wurde der Kommunismus in seiner Rolle als Rechtfertigung des Einparteienstaates durch den Nationalismus abgelöst, was das Aufwühlen antiwestlicher – und in erster Linie antijapanischer – Gefühle notwendig macht.

 

Ablenkungsmanöver der Diktatur

Angesichts der schmerzvollen Vergangenheit Chinas ist dies nicht schwierig – und es hilft, die öffentliche Aufmerksamkeit vom Mangel und von den Frustrationen abzuwenden, die das Leben in einer Diktatur mit sich bringt.

In Südkorea besteht eines der schmerzhaftesten Vermächtnisse der japanischen Kolonialzeit in der damals weitverbreiteten Kollaboration der koreanischen Elite. Die Nachkommen dieser Elite spielen in der konservativen Politik des Landes immer noch eine wichtige Rolle, deshalb fordern koreanische Linke immer wieder Säuberungsmaßnahmen und Vergeltung.

Präsident Lee ist konservativ und Japan gegenüber relativ positiv eingestellt. Deshalb betrachten die Japaner seine jüngsten Forderungen nach Entschuldigungen, Geld und der Anerkennung koreanischer Souveränität über die Inseln in der Japanischen See als eine Art Verrat.

 

Japanische Frustrationen

Aber gerade weil Lee als japanfreundlicher Konservativer gilt, muss er seine nationalistischen Neigungen eindämmen. Er kann es sich nicht erlauben, als Kollaborateur zu erscheinen. Seine politischen Gegner sind nicht die Japaner, sondern die koreanischen Linken. Dass China und Korea den Krieg dazu verwenden, in ihren Ländern antijapanische Gefühle zu wecken, ärgert die Japaner und ruft Abwehrreaktionen hervor. Aber der japanische Nationalismus wird auch durch Ängste und Frustrationen angefacht – insbesondere durch die Angst vor Chinas zunehmender Macht und der völligen Abhängigkeit der nationalen Sicherheit Japans von den USA.

Die japanischen Konservativen sehen die 1946 von Amerikanern verfasste pazifistische Nachkriegsverfassung ihres Landes als demütigenden Angriff auf ihre Souveränität. Jetzt, da China nicht nur im Ostchinesischen, sondern auch im Südchinesischen Meer seine wachsende Macht durch die Beanspruchung von Territorien testet, bestehen japanische Nationalisten darauf, dass Japan als Großmacht auftritt und als ernsthafter Akteur wahrgenommen wird, der zur vollen Verteidigung seiner Souveränität bereit ist, auch wenn es nur um ein paar unbedeutende Felsen geht.

 

Wirtschaftlich eng verknüpft

China, Korea und Japan, deren wirtschaftliche Interessen eng miteinander verknüpft sind, haben jeden nur denkbaren Grund, einen ernsthaften Konflikt zu vermeiden. Und trotzdem tun alle drei ihr Bestes, einen solchen anzufachen.

Jedes dieser Länder manipuliert aus rein innenpolitischen Gründen die Geschichte eines verheerenden Krieges und schürt Leidenschaften, die nur noch mehr Schaden anrichten. Politiker, Kommentatoren, Aktivisten und Journalisten jedes dieser Länder reden endlos über die Vergangenheit. Aber sie manipulieren Erinnerungen für politische Zwecke.

Das Letzte, an dem sie interessiert sind, ist die Wahrheit.

Copyright: Project Syndicate, 2012.
Aus dem Englischen von Harald Eckhoff


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Ian Buruma (*28.12.1951 in Den Haag) studierte chinesische Literatur in Leiden und japanischen Film in Tokio. 2003 wurde er Professor für Demokratie und Menschenrechte am Bard College in New York. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt ist als Buch von ihm erschienen: „Taming the Gods: Religion and Democracy on Three Continents.“ [Project Syndicate]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2012)