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Tatort Kinderheim: Heime als „regelrechte Gulags“

(c) Deuticke Verlag
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Sachbuchautor Hans Weiss liefert einen erschütternden Befund über 135 Kinder- und Jugendheimen und kritisiert auch prominente Mediziner. Bei einigen Heimen habe es sich um regelrechte „Kindergulags“ gehandelt.

Wien/Cim] Es ist ein „großflächiges Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ – so beschreibt Hans Weiss das, was sich bis weit ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts hinein in Österreichs Kinder- und Jugendheimen ereignet hat. Er berichtet von gefängnisartiger Organisation, Folter, Vergewaltigungen, Prostitution oder medizinischen Versuchen.

Der Sachbuchautor, der sich mit Titeln wie „Bittere Pillen“, „Schwarzbuch Markenfirmen“ oder „Schönheit. Die Versprechen der Beauty-Industrie“ einen Namen gemacht hat, hat für sein neues Buch die Vorgänge in 135 Heimen und Internaten – 80 weltliche und 55 geistliche – untersucht. Mit 45 früheren Heimkindern hat Weiss selbst gesprochen, auch bereits erschienene Berichte fließen in sein Buch ein.

Kinder als „Versuchsmaterial“

Bei einigen Heimen habe es sich um regelrechte „Kindergulags“ gehandelt. Mehr als 100.000 Kinder, so Weiss, seien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in österreichische Heime und Erziehungsanstalten „gesperrt“ worden, viele von ihnen mussten psychische, körperliche oder sexuelle Misshandlung, Demütigung, Folter ertragen. Oder organisierte Vergewaltigungen durch Bundesheeroffiziere oder eigens erdachte Foltermethoden wie „Beinahe-Ertränken“. Frauen, so Weiss, seien ebenso grausam gewesen wie männliche Erzieher.

Dieser Befund ist erschreckend, weitgehend aber bekannt. Neu an Weiss' Bericht ist, dass er mit bekannten Medizinern hart ins Gericht geht. Er spricht von einer „Wiener Schule der medizinischen Grausamkeit“. Weiss attestiert: „Was tausenden Kindern unter dem Deckmantel ärztlicher Hilfeleistung angetan wurde, war die diskrete Fortsetzung der NS-Psychiatrie“. Statt von Kindern sei von „Versuchsmaterial“ oder „Versuchsgut“ die Rede gewesen.

Weiss schreibt etwa über Berichte, die Psychiaterin Maria Nowak-Vogl selbst habe Kinder körperlich misshandelt, Versuche mit Röntgenstrahlen durchgeführt oder Kindern wegen vorgeblichen Onanierens das Hormon Epiphysan gespritzt. Bettnässende Kinder sollen mit Elektroschocks „behandelt“ worden sein. Auch der prominente Kinderarzt Andreas Rett soll an Kindern zwischen zwei und neun Jahren Hormon- oder Medikamentenversuche (etwa mit Contergan) durchgeführt haben.

Weiss kritisiert auch Erwin Ringel als Verfechter der Elektroschock- und Insulin-Behandlung. Auch wirft er Ringel vor, als beratender Psychiater der Erziehungsanstalt der Justiz für weibliche Jugendliche in Wiener Neudorf, geführt von den Schwestern „zum Guten Hirten“, weggeschaut zu haben. Während Mädchen in verließartigen Räumen eingesperrt worden seien, habe Ringel „liebevolle Schwestern“ gelobt. „Wer Berichte ehemaliger Zöglinge über den Alltag liest, muss zum Schluss kommen, dass Professor Ringel offenbar mit geschlossenen Augen durch die Anstalt tappte“, so Weiss. Der verstorbene Psychiater gilt als Pionier der Suizidprävention und der Einführung der medizinischen Psychologie in Wien.

TIPP

Hans Weiss
Tatort Kinderheim
Ein Untersuchungsbericht.

Deuticke Verlag (Erscheinungsdatum 24. 9. 2012) , 240 S., 19,50 €

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)