Die eitle Ente vom Ende der Zeitungen

Keine andere Branche zelebriert ihr angeblich nahes Ende so selbstverliebt wie die Zeitungsbranche. Zeitungen sterben, Zeitungen überleben. Das nennt man Markt.

Ein lösungsorientierter Leitartikel gilt in der deutschsprachigen Publizistik zu Recht als Seltenheit und ambitionierte Herausforderung zugleich. Dabei würde es nicht an Problemen mangeln, die einer Beendigung harren: Da wären etwa die novembergraue Performance der Regierung und die Aussicht auf deren Verlängerung. (Möglichkeit: Regierungswechsel dank neuer Mehrheiten und Wahlrechtsreform.) Die nur atmosphärisch verdrängte Euro-Finanzkrise, die wegen Frankreich wieder in die allgemeine Aufmerksamkeit zurückkehrt. (Ansatz: An konsequenter Budgetsanierung führt kein Weg vorbei, egal, wovon gerade geträumt wird.) Oder der aktuelle Streit um die EU-Finanzierung, also der aktuelle Ablasshandel – Medienleute nennen so etwas gern Kickback-Zahlungen – zwischen Mitgliedsländern und Brüssel. (Basis: Rabatte streichen, Subventionen und Zahlungen deutlich senken.)

Aber wirklich beschäftigt Zeitungsredaktionen nur ein Thema: ihr drohendes Aus. Tatsächlich brechen nicht erst seit gestern bei vielen Titeln Auflagen ein, schwinden – auch im Zuge flackernder Finanz- und Wirtschaftskrise – Anzeigenerlöse, die nicht eins zu eins nach Digital wandern. Diese krisenähnliche Situation führt zu Jammern und einer Endzeitstimmung, wie sie nur Journalisten mit der ihnen eigenen Selbstüberschätzung produzieren können.

In der Werbebranche, die der Eitelkeit auch durchaus aufgeschlossen ist, waren die vergangenen Jahre wesentlich schlimmer, Agenturen mussten zusperren – auch in Wien –, und Kündigungen standen an der Tagesordnung. Darüber berichteten Journalisten aller Kanäle nicht so entrückt-verzückt.

Wer die „Krise“ relativiert, gilt zwar als ewiggestriger Holzschnittanhänger und Wolfgang-Lorenz-Bruder – der Ex-ORF-Mann wagte einmal kollektiv das Netz zu beschimpfen, aber im Zeitungsvergleichen liegen viele Äpfel und Birnen. Die „Financial Times Deutschland“ war und ist zwar eine exzellent gemachte Zeitung mit hohem – ethischen – Standard. Leider machte sie in zwölf Jahren nie Gewinn, auch nicht in den Boom-Jahren. Wie der Titel der Zeitung schon andeutet, ist das Aus des Blattes wegen der fehlenden finanziellen Basis aus Sicht des Konzerns wohl durchaus verständlich.

Die „Frankfurter Rundschau“ – die Kollegen mögen verzeihen – ist keine so exzellent gemachte Zeitung. Sie war mehr eine überregionale Ex-Parteizeitung mit lokalem Anker, das war und ist kein Erfolgskonzept. Als in Österreich die „Arbeiter-Zeitung“ dichtmachen musste, trug auch nicht das Internet Schuld daran. Selbst andere Titel werden der Welt nicht schmerzlich fehlen. Manche Englischlehrer haben mit dem „Newsweek“-Aus eine verlässlich-vorhersehbare Unterrichtsunterlage verloren. Und das eben in Deutschland zurückgenommene Stadtmagazin „Prinz“ hat in Wien unbemerkt nur kurz überlebt.

Das soll nicht heißen, dass die Lage für Print-Titel, die ihre Inhalte allesamt gratis im Netz anbieten, nicht ernst sei. In Deutschland müssen auch die großen Qualitätszeitungen wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „Süddeutsche“ deutlich die Kosten senken, auch „Die Presse“ muss solche schmerzlichen Einschnitte vornehmen. Doch ein Ende der Zeitung – auf Papier oder Digital – ist nicht in Sicht. Der gerade stattfindende Ausleseprozess wird dafür sorgen, dass einzelne Marken gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Manche wurden bereits stärker – die deutsche „Zeit“ etwa.

Zugegeben: Auch ich kann hier keine Lösung anbieten. Hätte ich eine, würde ich mich – nun mögen die Leser verzeihen – nach Ausarbeitung und Verkauf derselben verstärkt Familie und dem Schreiben widmen. Aber ein paar Hinweise seien erlaubt: Zeitungen, die nur das schreiben, berichten und meinen, was ohnehin jeder sagt und meint, werden es schwer haben. Zeitungen, die ihre Inhalte verschenken, sind Gratiszeitungen – egal, ob gedruckt oder online. Und diese haben nur auf dem Boulevard Erfolg. Nur Zeitungen, die in Aufmachung, Zugang und Gewichtung einen völlig eigenständigen Weg gehen, werden sich durchsetzen. Der Journalismus muss sich radikal ändern, aber er wird samt Zeitung nicht sterben.

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)