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Neue Hypothese um kindliche Zellen in der Mutter

Neue Hypothese kindliche Zellen
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Wiener Humangenetiker verknüpfen mehrere bisher getrennt erforschte Bereiche.

Die „nicht invasive pränatale Gendiagnostik“ zählt derzeit zu den boomendsten Bereichen der Medizin: Durch diese Methode wird es möglich, allein aus der Untersuchung des Blutes der Mutter auf genetische Eigenschaften des Kindes zu schließen. Diese Methode entschärft auf der einen Seite die Gefahren der vielerorts praktizierten pränatalen Diagnostik – etwa eine Nabelschnurpunktion. So wird zurzeit ein ungefährlicher Bluttest auf Trisomie 21 (Down-Syndrom) im klinischen Alltag eingeführt. Zum anderen eröffnet die Methode aber eine Büchse der Pandora: Plötzlich wird – potenziell – das Testen vieler Eigenschaften des ungeborenen Kindes möglich, was erhebliche ethische Bedenken auslöst. Stichwort: Selektion von Babys.

Möglich ist das deshalb, weil sich im Blut der Mutter auch ein gewisser Anteil von Erbmaterial des ungeborenen Kindes („zellfreie fötale DNA“) befindet. Wie dieses in den Blutkreislauf der Mutter kommt, ist derzeit nicht hundertprozentig erforscht. Ebenso unklar ist, wie ganze Zellen des Fötus in den Körper der Mutter gelangen und sogar in das Gewebe der Frau eindringen, sich dort weiterentwickeln und integrieren. Das ist z.B. seit Längerem bei Lungen-, Leber- oder Hautgewebe bekannt, kürzlich wurde auch gezeigt, dass sich im Hirngewebe vieler Mütter Zellen mit den Erbinformationen ihrer Kinder befinden. Die fötalen Zellen wandern u.a. zu Verletzungen im Körper der Mutter und helfen dort bei der Reparatur. Manche Forscher sehen aber auch einen Zusammenhang z.B. mit Brustkrebs oder Alzheimer.


Stammzellen und DNA. Dieses als „Mikrochimerismus“ bezeichnete Phänomen wirft eine Reihe schwieriger Fragen auf: Wie können Zellen durch die Plazenta durchkommen? Warum werden die Zellen des Kindes, die sich ja von denen der Mutter unterscheiden, nicht vom mütterlichen Immunsystem erkannt und abgestoßen? Und woher kommen die Zellen überhaupt?

Für letztere Frage schlagen der Humangenetiker Markus Hengstschläger (Med-Uni Wien) und seine Mitarbeiterin Margit Rosner nun eine mögliche Antwort vor (Trends in Molecular Medicine, 22.1.2013): Diese Zellen könnten eigentlich „fötale Fruchtwasserstammzellen“ sein – also Stammzellen, die das ungeborene Kind in das Fruchtwasser absondert. Hengstschläger hat diese Zellen im Jahr 2003 entdeckt (siehe Lexikon).

Mit dieser Hypothese wären die drei verschiedenen oben beschriebenen Bereiche – zellfreie fötale DNA, Mikrochimerismus und Fruchtwasserstammzellen – miteinander verknüpft: Die fötalen Stammzellen gelangen demnach in das Blut der Mutter, helfen in ihrem Körper bei der Regeneration von geschädigtem Gewebe, und falls sie nicht benötigt werden, dann werden sie durch programmierten Zelltod „entsorgt“, wobei DNA frei wird, die schließlich mit den neuartigen Bluttests nachgewiesen werden kann.

Ob die Hypothese, die auch neue Ansätze zur Behandlung vieler Krankheiten eröffnen würde, wirklich richtig ist, weiß derzeit niemand. Die Prüfung wird wohl noch einige Jahre dauern.

LEXIKON

Fötale Fruchtwasserstammzellen: Ihre Existenz wurde im Jahr 2003 von Wiener Humangenetikern um Markus Hengstschläger entdeckt. Sie können sich in alle möglichen Gewebstypen entwickeln,
ihre Gewinnung ist
– im Gegensatz zu embryonalen Stammzellen – aber ethisch nicht bedenklich.

Mögliche Therapien:
Zudem zeigen diese Zellen – zumindest bisher – keine Neigung zu ungebremstem Wachstum, also zur Entstehung von Krebs. Daher könnten sie ideale Hilfsmittel für künftige Stammzellentherapien sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2013)