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Zimmer, Küche, Kabinett

Wer erinnert sich nicht gern an kaiserlich-königlich angehauchte Gruppenspiele? Und wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Niemand! Wirklich? Letzter Teil der Kinderspiele-Trilogie.

Wenn man erst einmal in die Erinnerung an vergangene Zeiten eintaucht, tritt so mancher verborgene Schatz zutage, der bei genauererÜberlegung tatsächlich eine Beschreibung verdient hat. Vor einigen Monaten wurden auf dieser Seite Kindergeburtstagsspiele vorgestellt, die auch die eine oder andere Erwachsenengeburtstagsparty auflockern. Nach einer Doppelfolge von alten Tiroler Kinderspielen präsentieren wir daher diesmal Kinderspiele der 1980er-Jahre, die erstaunlich tief sitzende monarchi(sti)sche Wurzeln offenbaren. Wohlgemerkt: Die meisten dieser Spiele sind Gruppenspiele und werden im Freien durchgeführt, was vielleicht wiederum auf die Gepflogenheiten der Vor-Computerzeiten verweist . . .

Ein solches Spiel ist „Der Kaiser schickt Soldaten aus“. Dabei stehen sich jeweils zwei Reihen von Kindern, die sich gegenseitig fest an den Händen halten, in einer Distanz von einigen Metern gegenüber. Jede Reihe hat einen „Kaiser“ (das Gendern wurde damals noch nicht so ernst genommen), und dieser ernennt abwechselnd je einen „Soldaten“, der sodann auf die gegnerische Kette zuläuft und versucht, diese zu durchbrechen. Gelingt ihm dies und die Kette reißt, nimmt er sich einen der gegnerischen Soldaten mit in sein Heer, quasi als Legionär; gelingt es ihm nicht, muss er selbst im anderen Heer bleiben. Gewonnen hat jenes Heer, das am Ende – nach einer zuvor vereinbarten Spieldauer – mehr Soldaten zählt.

Ein weiteres Spiel ebenso mit Bezug auf eine vergangene österreichische Regierungs- und Herrschaftsform wäre „Kaiser, wie weit darf ich reisen?“. Der Kaiser, also ein Kind, steht auf der einen Seite, die anderen stehen auf der anderen Seite mit etwa zwanzig Metern Abstand dazwischen. Das erste Kind fragt laut: „Kaiser, wie weit darf ich reisen?“, und der Kaiser macht verschiedene Strecken- und Längen- beziehungsweise Reiseangaben. Entweder lässt er den Fragenden „eine Badewanne“ weit reisen (einmal der Länge nach hinlegen, dann stellt sich derjenige an die Stelle, wo seine Fingerspitzen waren), ein andermal „zehn Babyschritte“, manchmal muss er sogar zurück an den Start. Wenn die Gruppe dann einige Male „gereist“ ist, entschließt sich der Kaiser irgendwann dazu, einen Ausgewählten zu sich zu holen, das heißt, bis zu sich kommen zu lassen, indem er sagt: „Komm in mein Reich!“ Ab diesem Zeitpunkt ist dann der Geholte der neue Kaiser, und der abgedankte reiht sich zu den anderen, womit eine weitere Runde beginnen kann.

Ein anderer Klassiker ist das Spiel „Zimmer, Küche, Kabinett“, das sich uns vom Titel her damals nie erschlossen hat, denn in der Steiermark ist ein „Kabinett“ nicht gang und gäbe. Zum Glück aber gab es ja die zahlreichen Kinder- und Jugendbücher von Christine Nöstlinger, dank der uns die Bedeutung Kabinett literarisch, bildlich und tatsächlich klar wurde. Wiener Wohnsituationen eben, die bei uns kaum zu finden waren. Da man als Kind aber doch einmal zu fragen aufhört, haben wir uns von den Definitionen ab- und dem Spielverlauf zugewandt, der so vor sich ging: Ein Kind steht mit dem Rücken zum Rest der Gruppe, der sich wiederum in einigen Metern Abstand befindet, und ruft laut und in bewusst gewähltem – langsamem oder schnellem – Tempo: „Zimmer, Küche, Kabinett, hinterm Ofen steht ein Bett!“

Während des Aufsagens dieser Phrase müssen sich alle, so schnell sie können, auf den Sprechenden zubewegen, in der Absicht, ihn zu erreichen und abzuklatschen. Sobald er aber seinen Spruch zu Ende gesagt hat, dreht er sich geschwind um: Das ist der Moment, in dem alle erstarren und sich nicht mehr regen dürfen. Bewegt sich nämlich ein Kind, muss es zurück an den Start. Die anderen dürfen auf ihrer Position bleiben. Gewinner ist, wer als Erstes den Sprecher erreicht. Dass dabei einige Diskussionen vom Zaun gebrochen werden, steht außer Frage, und so kommt es leicht zu hitzigen Wortgefechten: „Du hast dich bewegt!“ „Nein, hab ich nicht!“Nachtrag: Schön, wenn man mit anderen in diesen Erinnerungen schwelgen kann, denn so habe ich erfahren, dass dieses Spiel auch unter dem Namen „Donnerwetter, Hagel, Blitz“ bekannt ist.

Und wer erinnert sich nicht an „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“? Wieder gibt es eine Gruppe von Spielern, die einem Einzelkämpfer – dem schwarzen Mann – gegenübersteht. Dieser fragt, natürlich in angemessener Lautstärke schreiend: „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“, und die Gruppe antwortet genauso lautstark: „Niemand!!!“ Der schwarze Mann vergewissert sich: „Und wenn er kommt?“, worauf die Antwort bereits weniger kriegerisch lautet: „Dann laufen wir davon!“ Und schon rennt der schwarze Mann auf die Gruppe zu und versucht, eins der Kinder zu erwischen. Sobald er eines gefangen hat, ist es der neue schwarze Mann.


Reisen von Sessel zu Sessel

Für drinnen, etwa für Geburtstagskinder in der kalten Jahreszeit, gab es eine andere Form von Reise, nämlich die berühmt-berüchtigte „Reise nach Jerusalem“: juhu, Action! Es werden entsprechend der Anzahl der Spielenden Sessel Rücken an Rücken aufgestellt – dabei fehlt aber ein Sessel. Dann wird Musik (eine Lieblingsmusik, eine besonders antreibende oder so ähnlich) gewählt und von einem Helfer, der auch ein scharfes Auge auf die Spielenden wirft, damit ja nicht geschummelt oder um einen Sessel gerauft wird – was aber ständig versucht wird –, eingeschaltet. Die Spielenden gehen zuerst langsam, dann immer schneller im Gänsemarsch an den Sesseln vorbei – und zwar solange die Musik spielt. Wird sie vom Helfer abgedreht, muss jeder versuchen, sofort auf einem Sessel Platz zu nehmen. Da nun also ein Sessel zu wenig ist, wird naturgemäß ein Spielender leer ausgehen – und muss ausscheiden. Zugleich wird natürlich auch ein Sessel weggenommen. Das geht nun so, bis die letzten zwei „Reisenden“ übrig sind – und um den ebenso letzten verbliebenen Sessel kämpfen. Sehr wild, sehr amüsant – und sehr schweißtreibend.

Dies war also der letzte Teil einer Trilogie von beliebten alten und älteren Kinderspielen. Da es derzeit wettermäßig noch nicht so anheimelnd erscheint, draußen zu spielen, können inzwischen ja andere Indoor-Spiele wie die wieder in Erinnerung gerufene „Reise nach Jerusalem“ gespielt werden, bis die Zeit gekommen ist, sich als Kaiser, Soldat oder auch Guzimann aktiv an einem der in dieser Serie vorgestellten Spiele zu beteiligen. Der nächste (Kinder-)Geburtstag kommt bestimmt! ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2013)