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"Raylan": Der Cowboy, der niemals zuerst zieht

Cowboy niemals zuerst zieht
(c) Suhrkamp
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Die Figur des schweigsamen US-Marshals Raylan Givens genießt dank der TV-Serie "Justified" Kultstatus. Sein Erfinder Elmore Leonard lässt ihn nun erneut von der Leine.

US-Regisseur Quentin Tarantino zählt zu den größten Verehrern des 87-jährigen US-Autors Elmore Leonard. Dazu gibt es auch eine passende Anekdote. „Als Teenager stahl Quentin eines meiner Bücher. Er wurde geschnappt und bestraft. Daraufhin stahl er es umgehend noch einmal“, erzählt Leonard gerne. Die „New York Times“ bezeichnet ihn überhaupt als „den besten Krimiautor der Gegenwart, vielleicht den besten aller Zeiten“. Und obwohl viele seiner Bücher von Hollywood („Schnappt Shorty“, „Jackie Brown“ – von Tarantino, „Out of Sight“) verfilmt wurden, sollte man diese Etikettierung gleich wieder vergessen. Angesichts dieser Erwartungshaltung kann Leonard nur scheitern.

Darum sollte man sich Leonards neuestes Werk entspannt zu Händen nehmen und einfach nur genießen. Denn zu bieten hat es einiges. Da schneiden Kriminelle einem anderen Kriminellen einfach mal die Nieren aus dem Körper, um sie postwendend wieder an ihn zurückzuverkaufen. Da wären die über Leichen gehende Managerin oder die 23-jährige Studentin und Pokerspielerin Jackie Nevada, die fast jeden Bluffprofi über den Tisch zieht. Und da wäre natürlich Raylan Givens, der aufrechte Kämpfer für Gerechtigkeit. Was er tut, das beschreibt er nach wenigen Seiten selbst: „Ich bin vom Marshals Service. Wir spazieren durch die Gegend und schnuppern an Blumen, bis man uns irgendwann mal auf Verbrecherjagd schickt.“

Dass er dabei kompromiss- und gnadenlos das Gesetz vollstreckt, weiß jeder, der die TV-Serie „Justified“ kennt. Vor allem einen Fehler sollte man als Verbrecher nicht machen: Sich mit Raylan ein Pistolenduell liefern – auch wenn er nie als Erster zur Waffe greift. Dann sieht man die Blumen, an denen der Marshal soeben noch geschnuppert hat, schnell von unten.

Ein Meister des Dialogs

Die Entstehungsgeschichte von „Raylan“ ist durchaus ungewöhnlich. Erstmals trat dieser 1993 im Leonard-Roman „Pronto“ in Erscheinung. Im Nachfolgebuch „Riding the Rap“ (1995) tauchte er erneut auf, bis er zur Kurzgeschichte „Fire in the Hole“ (2001) wieder in der Versenkung verschwand. Die 2010 vom US-Sender FX ins Programm genommene TV-Serie „Justified“ (mittlerweile läuft in den USA die vierte Staffel, Kabel eins hat die ersten beiden ausgestrahlt) mit Timothy Olyphant als Raylan Givens basiert auf dieser Kurzgeschichte. Und aufgrund des Serienerfolgs darf der charismatische US-Marshal nun erneut die Kriminellen das Fürchten lehren.

Leonard bricht mit üblichen Regeln. Am Ende von „Fire in the Hole“ wird sein Gegenspieler Boyd angeschossen – und stirbt. In der Serie überlebt er, mit ausdrücklichem Einverständnis von Leonard. Und im nun vorliegenden Roman feiert Boyd einfach die Auferstehung von den Toten. Wenn ihm ein Charakter wichtig erscheint, taucht er in seinen Büchern eben einfach wieder auf. Dabei kennt Leonard, ein Meister des Dialogs, durchaus Regeln. Eine lautet: Verwende nie ein anderes Verb als „sagte“, um Dialoge voranzutreiben. Benutze nie ein Adverb, um das Verb „sagte“ zu modifizieren, besagt eine andere Regel.

Seine Vorliebe für das Duell der Worte begründet Leonard immer wieder selbst, indem er sich als Fan seines Bostoner Autorenkollegen George Higgins outet, dessen bereits 1974 erschienener Krimi „Cogan's Trade“ soeben mit Brad Pitt in der Hauptrolle unter dem Titel „Killing them softly“ verfilmt wurde. Higgins Werke sind wahre Dialog-Orgien, die fast nahezu ohne zusätzliche Beschreibungen auskommen.

Stetson als Markenzeichen

Bleibt nur noch die Sache mit dem Cowboyhut. Viele Kritiker sehen in Raylan weniger einen modernen Gesetzeshüter als vielmehr einen klassischen Cowboy – sein lockerer Umgang mit der Waffe passt dazu. Leonard hat seinen Raylan so nie gesehen, Problem hat er damit aber keines. Im Gegenteil: Auf dem „Raylan“-Buchcover ist Olyphant mit seinem typischen Stetson zu sehen.

Es ist fast so, als würde der Autor seinen Hut vor dem Filmteam ziehen: Nie zuvor wurde eine Leonard-Figur so authentisch umgesetzt wie in „Justified“.

Elmore Leonard: „Raylan“. übersetzt von Kirsten Riesselmann, suhrkamp nova, 308 Seiten, 20,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)