Deja-Vu

Kirche: Die Versuchung der kleinen Herde

Römische Einblicke. Kardinal Christoph Schönborn ist auffallend bemüht, zu große Erwartungen an die Synodensynode zu dämpfen.

Der Autor

Hans Winkler war langjähriger Leiter der Wiener Redaktion der „Kleinen Zeitung“.

Kürzlich war der Erzbischof von Wien mit zwei Dutzend Journalisten in Rom zu einem Besuch im Vatikan. Kardinal Christoph Schönborn, in Rom sehr angesehen und gewissermaßen zu Hause, konnte seinen mitreisenden Gästen ein überaus anspruchsvolles Programm bieten.

Außer einer Papstaudienz wurde nichts ausgelassen, was bei einem Besuch im Zentrum des Weltkatholizismus wichtig sein konnte. Man traf hochrangige Mitarbeiter der päpstlichen Kurie, Bischöfe, Kardinäle, den Kardinalstaatssekretär und besuchte zum Abschluss auch noch die allwöchentliche Generalaudienz des Papsts. Selbst unsentimentale (unreligiöse waren ohnehin keine dabei) Reiseteilnehmer waren beeindruckt davon, dass für sie zu abendlicher Stunde die Sixtinische Kapelle geöffnet wurde, nachdem die letzten Touristen ausgesperrt waren.

Christoph Schönborn erzählte vom jüngsten Konklave, dem zweiten, an dem er teilgenommen hatte: Wo er selbst und wo der spätere Papst gesessen sei; wie schließlich ein Zettel mit dem Ergebnis von einem Kardinal zum nächsten weitergereicht wurde; wo das berühmte Ofenrohr angebracht wird, aus dem zuerst schwarzer und dann endlich weißer Rauch hinausgelassen wird. Es war die römische Kirchenwelt mit ihren immer wieder faszinierenden Riten und Gebräuchen, in die der Kardinal so perfekt hineinpasst.

Nüchterner und auch ernüchternd war dann ein ausführliches Kollektiv-Interview, das Schönborn seinen Begleitern gab und das er, wie die Teilnehmer berichten, in souveräner Manier absolvierte. Nichts mehr war zu merken von der Schwäche der vergangenen Monate seit seiner Erkrankung im vorigen Jahr, die ihn aber sichtlich hat altern lassen.

»Unser Schrumpfen beunruhigt mich nicht, denn die Kirche hat ein schönes Paket an Sinn-Orientierung. Man nennt das das Evangelium.«

Kardinal Christoph Schönborn

Erzbischof von Wien

Könnte man sich den leitenden Manager einer Regionalabteilung eines Weltkonzerns vorstellen, der in der Öffentlichkeit sagt: Unserer Firma geht es schlecht, der Absatz unsere Produkte verringert sich rasant, in ein paar Jahren werden wir nur noch einen Marktanteil von zwanzig Prozent haben. Aber das mache ihm nichts aus, denn „wir haben ein gutes Produkt”. Wahrscheinlich nicht.

Genau das tat aber Christoph Schönborn. Die Kirche werde weiter schrumpfen, sagte er, in Wien auf 20 Prozent Mitglieder, österreichweit auf 40 Prozent oder weniger. „Unser Schrumpfen beunruhigt mich nicht, denn die Kirche hat ein schönes Paket an Sinn-Orientierung. Man nennt das das Evangelium.”

Das mag man evangelischen Freimut nennen, oder es war einfach unpolitisch, die ohnehin bekannten Tatsachen so plakativ auszusprechen. Man weiß auch so, dass der „Katholikenschwund nicht aufhaltbar“ ist. Dass den Kardinal das alles „nicht beunruhigt“, klingt doch zu nonchalant. Es waren dann auch diese wenig aufbauenden Sätze, die die Berichterstattung über die Reise nach Rom beherrschten.

Christentum der Zukunft

Bei Schönborn kommt dabei eine Neigung zum Vorschein, die Kirche als die „kleine Herde“ zu verstehen, die mitten in die große Welt gesandt ist. Als er vor über zehn Jahren das Konzept einer großen Pfarrreform für die Erzdiözese vorstellte, schwärmte er von den „small christian communities“, also von kleinen christlichen Gemeinschaften, die das Christentum der Zukunft prägen würden. Das Vorbild sind die neuen kirchlichen Gemeinschaften abseits der traditionellen Strukturen, wie er sie aus Frankreich und Lateinamerika kennt.

Christentum als „schönes Sinnpaket“ zu bezeichnen ist für einen Theologen vom Rang Schönborns doch einigermaßen erstaunlich unterkomplex. „Sinnhuberei“ hat es jemand spöttisch genannt, wenn sich die Kirche auf den Markt der Sinnanbieter begibt und mit Esoterikern und Lebensberatern in Konkurrenz tritt. Da verliert das Christliche seine Kontur und ob gläubig oder nicht gläubig, wird unbedeutend. Nicht jede individuelle Sinnsuche ist auch schon christlich.

Exemplarisch für die Verdunstung des Religiösen zu einer ökoromantischen Stimmung ist eine Empfehlung der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ), der unter der Leitung der Bischöfe stehenden offiziellen kirchlichen Laienorganisation, „die Urlaubszeit als Chance zu bewusster Achtsamkeit gegenüber Natur, Kultur und Mitmenschen zu nutzen. Wir empfehlen einen sozial-ökologisch-spirituellen Zugang in diese Zeit hinein“, erklären deren Präsidenten. Gerade aus einem „bewussten Weltanschauen und Mitwelterleben“ erwachse ein Lebensgefühl entlang einer „glücklichen Genügsamkeit“.

Gedankliche Flachheit

Aus dieser gedanklichen Flachheit bei gleichzeitiger sprachlicher Verstiegenheit zurück zum Hauptthema der Gespräche mit den Vertretern der Kurie. Das Hauptthema war nämlich nicht die Lage der Kirche in Österreich, sondern die Bischofssynode im Herbst zur „Synodalität“. Was man sich darunter vorzustellen hat, das weiß niemand so recht, aber es geht um eine irgendwie kollegiale Weise, Kirche zu sein.

Schönborn gehört dem Leitungsgremium der Synode an. Der Papst hält ihn wegen seiner außergewöhnlichen internationalen Vernetzung, seiner Sprachgewandtheit und seiner gemäßigten Verbindlichkeit für unverzichtbar bei einer solchen Veranstaltung. Gleichwohl hat er keine wirkliche Machtposition im System.

Wie bei den bisherigen Synoden wird abgestimmt. Vorschläge, die eine Zweidrittelmehrheit erreichen, werden dem Papst vorgelegt, der sie annehmen und umsetzen kann oder auch nicht. Für Letzeres gibt es Beispiele. Als bahnbrechende Neuerung wird ausgegeben, dass auch Laien, darunter Frauen, mit Stimmrecht wie die 220 Bischöfe an der Synode teilnehmen. Das ändert aber nichts daran, dass Mehrheiten gefunden werden müssen.

Der Kardinal ist jedenfalls auffallend bemüht, die Erwartungen an mögliche Ergebnisse der Synodensynode zu dämpfen. Er ist ein gebranntes Kind. Nach der Familiensynode vor ein paar Jahren sprach er öffentlich von seiner Enttäuschung über Ablauf und Ergebnisse der Versammlung. Diesmal ist die Gefahr der Themenverfehlung noch größer. In Europa, vor allem in Deutschland, herrscht eine Obsession mit den ewig selben Kirchenreformwünschen, während die Menschen und Christen in Asien, Lateinamerika, in Afrika elementare Überlebensfragen haben.

Kontra deutsche Weltsicht?

Er habe beim „Synodalen Weg” in Deutschland „keine wirtschaftliche Frage gesehen, auch keine wirklich soziale Frage und nichts zum Flüchtlingsthema”, klagt Kardinal Schönborn. Und auch die Frauenfrage, die in den Vorbereitungsdokumenten aus allen Kontinenten vorkommt, habe in Lateinamerika etwa eine ganz andere Dimension.

Es ist die Vermutung nicht widerlegt, dass der Papst die Synodensynode deshalb veranstalten lässt, damit die deutsche Weltsicht (die es freilich auch anderswo gibt) nicht zur Weltsicht der ganzen Kirche wird.

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