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Dem syrischen Gemetzel entkommen

(c) REUTERS UMIT BEKTAS
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Immer mehr Flüchtlinge aus Syrien strömen in den Südlibanon. Dort müssen sie oft unter erbärmlichen Bedingungen hausen, die man kaum menschenwürdig nennen kann. Es fehlt ihnen am Nötigsten.

Keine Namen, keine Fotos. Nur unter dieser Bedingung ist der Mann bereit zu sprechen. Groß ist der karge Raum, ausgelegt mit sechs dünnen Matratzen rundum an den Wänden und einer Bastmatte statt eines Teppichs in der Mitte, ja gerade nicht, aber der Mann, der da im grauen Trainingsanzug neben dem kleinen Behelfsofen steht, wirkt darin trotzdem wie verloren.

Vor 16 Tagen trafen der Syrer und seine sechsköpfige Familie in Sowana im Südlibanon ein, aber angekommen ist er hier noch nicht. Aus Deraa sind sie geflohen, jener syrischen Provinz, in der vor bald zwei Jahren der Aufstand gegen Diktator Bashar al-Assad seinen Ausgang nahm. Und sie haben trotz der andauernden Kämpfe lange dort ausgeharrt. „Vor Kurzem wurde in der Nachbarschaft eine ganze Familie bei einem Angriff getötet“, berichtet Ahmed mit kraftloser Stimme. Da war es dann auch für ihn, seine Frau und die vier Kinder Zeit zu gehen. Der Brotverkäufer verscherbelte sein Auto, um das nötige Geld für die Flucht zu haben – und um im Nachbarland eine notdürftige Bleibe mieten zu können.

Denn obwohl das Land mit bald 300.000 Menschen die Hauptlast der syrischen Flüchtlingsströme trägt, gibt es hier keine Flüchtlingslager. Das hat mehrere Gründe. Zum einen will man keine neuen Strukturen schaffen, die sich dann vielleicht wieder als überraschend dauerhaft erweisen, wie im Fall der 1948 aufgenommenen palästinensischen Flüchtlinge. Sie sind noch immer da, samt Nachkommen 425.000 an der Zahl.

 

Hisbollah gegen Flüchtlingslager

Zum anderen waren es lange vor allem Assad-Gegner, die aus Syrien flohen. Doch die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah, die in der Regierung eine Sperrminorität hat, unterstützt das Assad-Regime sogar mit Kämpfern. Auf libanesischem Boden Lager zu dulden, die sich zu Sammelpunkten der (bewaffneten) syrischen Opposition entwickeln könnten, kam für die Hisbollah nicht infrage.

Längst gibt es freilich „De-facto-Flüchtlingslager“, wie sie die Zeitung „Daily Star“ nennt – Ansammlungen von Flüchtlingen jenseits der Kontrolle der Regierung. Und oft jenseits der Reichweite von Hilfsorganisationen.

Da sind etwa die 86 Familien aus Homs, jener syrischen Oppositionshochburg, die das Regime dem Erdboden gleichgemacht hat. Sie haben sich nach Baissarieh im Bezirk Sidon durchgeschlagen, wo sie unter Verhältnissen vegetieren, die man kaum menschenwürdig nennen kann. Wozu die halb unter der Erde liegenden Räumlichkeiten einmal gedient haben, ist unklar. Möglicherweise waren sie als Warenlager gedacht, erwiesen sich jedoch als unbrauchbar, weil von oben und unten Wasser eindringt.

Für die Familien aus Homs musste es reichen. Die Stimmung ist zuerst feindselig. „NGOs, ihr redet immer, aber ihr tut nichts für uns!“, schreit einer. Der lokale Mitarbeiter des Hilfswerks Austria kann die Situation aber rasch beruhigen. Dann erzählen sie: Der Busfahrer Khalifa, der trotz allem noch immer so herzhaft lachen kann, wie er mit seinen zwei Frauen und zwölf Kindern herkam, oder sein Cousin, der mit seiner Hand an den Oberschenkel deutet, um zu markieren, wie hoch in den Schlafräumen beim letzten Unwetter das Wasser stand. Aufgebracht zieht er in einem der fensterlosen Räume den Teppich weg, um die Nässe darunter zu zeigen. Wie als Kommentar dazu fängt eines der Kleinkinder zu husten an. Sie husten fast alle.

Ein Mensch pro Quadratmeter, auf diese Formel kann man die Wohnverhältnisse herunterbrechen. 100 Dollar pro Monat knöpft der Besitzer des baufälligen Gemäuers jeder Familie für ihr modrig-schimmliges Loch ab.

 

Langwierige Registrierung

Bisher haben sie kaum Hilfe erhalten. Sie leben von dem, was die Männer durch Gelegenheitsjobs nach Hause bringen. Einmal hat sich jemand aus der Nachbarschaft erbarmt und mit einer Palette Babynahrung ausgeholfen.

Das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der UNO, bemüht sich nach Kräften, doch diese reichen nicht aus. Nur wer offiziell als Flüchtling gemeldet ist, kann vom UNHCR Hilfe erhalten. Doch dazu muss man erst einmal in eines der Registrierungszentren kommen. Um dann einen Termin zu erhalten, der oft Monate in der Zukunft liegt. Bis dahin müssen Hilfsorganisationen in die Bresche springen, aber im Südlibanon, der von der Hisbollah kontrolliert wird, sind sie weit weniger aktiv als im Norden und in der Bekaa-Ebene.

Genau hier will das Hilfswerk Austria einhaken, das sich derzeit besonders auf den Süden konzentriert, wie Generalsekretärin Heidi Burkhart nach einem Besuch in Baissarieh erklärt: „Wir kümmern uns um nicht registrierte Flüchtlinge, die oft schon seit Monaten keine Hilfe bekommen.“ Nun sollen sie zunächst Babynahrung, Hygieneartikel und eine medizinische Grundversorgung erhalten.

Denn gerade um die Gesundheit der Familien stehe es schlecht, klagt Khalifa, Busfahrer aus Homs. Ob er glaubt, dass nach allem, was passierte, ein friedliches Zusammenleben in Syrien wieder möglich sein kann? Da wird der gesprächige Mann plötzlich einsilbig: „Inschallah“ – so Gott will.

Auf einen Blick

Die Aktion „Wir bauen Leben“ des Hilfswerks Austria hilft syrischen Flüchtlingen im Libanon. Sie wird unterstützt von der Wirtschaftskammer Österreich, der Industriellenvereinigung und der Österreichisch-Arabischen Handelskammer. „Die Presse“ steht der Aktion als Medienpartner zur Seite. Das Hilfswerk Austria ist im Rahmen der Aktion seit April im Libanon aktiv und hat unter anderem mit Matratzen und Winterkleidung geholfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2013)