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Wie ein Weltkriegsfilm zum gepriesenen Event wird

Das ZDF zeigt einen braven Dreiteiler über den Zweiten Weltkrieg, und das deutsche Feuilleton verfällt in Euphorie. Was ist da los?

Das Weltkriegsevent, als das „Unsere Mütter, unsere Väter“ inszeniert war, hat 14 Millionen Euro gekostet. Ein Hohn, sagen die wenigen Kritiker, dass bei so viel Gebührengeld nur ein so durchschnittlicher Fernsehfilm herausgekommen ist. Doch für den größeren Teil der anderen sind allein die hohen Produktionskosten Qualitätsbeweis für das Endprodukt, das von Sonntag bis Mittwoch in ZDF und ORF zu sehen war.

Aber wer bestimmt eigentlich, wann ein Film gut ist? Die 7,63 Millionen Zuseher (622.000 in Österreich), die am Mittwoch Teil drei gesehen haben? Oder das deutsche Feuilleton, das seit Tagen fast ausnahmslos Superlative gewählt hat, um die Geschichte der fünf Mittzwanziger Fried-, Wilhelm, Gerda, Charlie und Viktor zu beschreiben? „So noch nicht gesehen“ (Spiegel online), „Ein wahrhaftigeres Denkmal kann man unseren Müttern und Vätern nicht setzen“ („Welt am Sonntag“), „Der bislang beste Beitrag des ZDF zur Gebührendebatte“ („Berliner Morgenpost“). Oder der eigene Maßstab?

Aus der österreichischen Ferne erschien es, als hätte jemand eine Geschichte erzählt, über die alle lachen, und man versteht nicht, warum. Woher die kollektive Euphorie über eine Fernsehproduktion, die sich so wenig von anderen unterschied? Die Emotion durch einen aufdringlichen Klangteppich zu erzeugen versuchte. Die (wieder) fast ausschließlich Klischeefiguren – den bösen oder dummen SS-Offizier, die hilfsbereite Jüdin, die blutrünstigen Partisanen – zeigte. Und in der zum Schluss die Glaubwürdigkeit der Geschichte einer flotten Dramaturgie geopfert wurde. Offenbar hatte die Kritiker die persönlichen Geschichten der fünf Hauptfiguren so gerührt, dass sie die kommerzielle Machart des Films nachsichtig beurteilten. Diesmal standen nicht die Hitlers, Görings oder Rommels im Mittelpunkt, sondern die alltäglichen Menschen. Das ist gemeinsame Geschichte, ein verbindender Mythos - und den brauchen die Deutschen offenbar mehr denn je.

Noch ein Grund für den Erfolg des Dreiteilers war sicher die geschickte PR von Nico Hofmann. Der Filmproduzent hat sein Herzensprojekt generalstabsmäßig geplant und wichtige Meinungsträger für sich gewonnen. Erst spät kam Kritik, etwa in der „Welt“ an „dem fragwürdigen Kult“, Stalingrad „zum Schicksalsort des deutschen Volkes“ zu machen.

Ein Blogger hat noch eine Erklärung für das überschwängliche Lob der sonst eher zurückhaltenden „FAZ“ gefunden: Feuilleton-Chef Nils Minkmar ist mit der Hauptabteilungsleiterin für Fernsehfilme im ZDF verheiratet, wie er via Twitter kundgetan hat. Das allein kann zwar noch nicht Grund für die Berichte sein, die seit einer Woche fast täglich in der „FAZ“ stehen. Interessant ist es allemal.

 

anna-maria.wallner@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2013)