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Kleine Kulturgeschichte des Urlaubs

Urlaub war einst ein Privileg der Angestellten, die Arbeiter kamen erst sehr spät in seinen Genuss. Für Kinder gab es schon immer Ferien, allerdings wurden sie oft zur Feldarbeit genutzt.

Natürlich, die Arbeit war früher da, viel früher. Dennoch lässt sich sagen: Ohne Arbeit gäbe es weder Ferien noch Urlaub. Das macht ein Blick in die Geschichte deutlich. Denn freie Tage gab es zwar schon immer – nämlich in Form von kirchlichen Feiertagen. Die dienten aber weniger der Erholung als der Praktizierung des Glaubens. Erst durch die Industrialisierung hat sich langsam das entwickelt, was wir heute als Sommerferien oder eben Urlaub kennen. „Mit den Fabriken wurden teure Maschinen gebaut, die so oft wie möglich laufen mussten. Also gab es für die Fabriksarbeiter vorerst mehr Arbeit und weniger freie Zeit“, sagt der Schweizer Historiker Bernard Degen. Urlaub blieb also zunächst ein Privileg der Angestellten.

Für die Arbeiter gab es keinen Urlaub. Allerdings hatten die Handwerker, die bis zum Ersten Weltkrieg auf Wanderschaft waren, viel mit heutigen Urlaubern gemein. „Man musste häufig den Ort wechseln, wer Geld hatte mit der Eisenbahn, sonst zu Fuß. Und sich dann am neuen Ort Arbeit suchen. Dadurch gab es immer wieder Tage, an denen die Handwerker nicht gearbeitet haben“, so Degen. Auch wenn es kein Urlaub war, so waren sie doch auf Reisen und lernte fremde Regionen kennen. Degen sieht darin eine wichtige Funktion für die Gesellschaft: „Dadurch gab es vor dem Ersten Weltkrieg mehr Leute mit Erfahrungen aus anderen Gegenden, das macht eine Gesellschaft toleranter.“


Dienstfrei dank Krise. Und noch eine eher unfreiwillige Form von freier Zeit gab es: nämlich die durch Konjunkturkrisen bedingte arbeitsfreie Zeit. War die Wirtschaftslage schlecht, mussten speziell in der Zwischenkriegszeit Fabriken schließen und ihre Arbeiter heimschicken. Das kam die Arbeitgeber wesentlich billiger, immerhin wurde kein Monats- sondern ein Stundenlohn ausbezahlt. Mit dem heutigen Urlaub, der der Erholung dient, ist das natürlich nicht vergleichbar. Sich dem Müßiggang zu widmen, konnte man sich in solchen Situationen erst recht nicht leisten. Also wurde die Zeit genutzt, um entweder im eigenen Garten zu arbeiten, der der Selbstversorgung diente, oder bei Verwandten oder Bekannten am Bauernhof zu arbeiten. Als Lohn gab es dann Lebensmittel. Auch die Schulkinder verbrachten ihre schulfreie Zeit auf dem Bauernhof – wenn auch wesentlich anders als heute. „Schulferien gibt es ja nur deshalb, weil die Kinder im Sommer für die Feldarbeit gebraucht wurden“, sagt Historiker Degen.

Die Arbeiter kamen erst in den Genuss von Urlaub, nachdem die 48-Stunden-Woche erkämpft war. So richtig entwickelt hat sich der Urlaub aber in der Nachkriegszeit. Gewerkschaften oder Vereine stellten den Arbeitern Häuser – mit großen Schlaflagern – in den Bergen oder am See zur Verfügung, damit sich diese von der Arbeit erholen konnten. Die Stadtkinder wurden auf Sommerfrische geschickt, um frische Luft zu schnappen und die Natur kennenzulernen. Irgendwann kam dann der Wohlstand, das Flugzeug, der Pauschaltourismus – und mit ihm die Schulferien und der Urlaub, wie wir sie heute kennen. Österreich liegt mit seinen 25 Urlaubstagen im internationalen Vergleich übrigens in der Mitte. Die Schweden haben mit 33 Tagen die meisten, Japan (18) und die USA (zwölf) recht wenige Urlaubstage. Historiker Degen meint dazu: „Die Amerikaner leben auch im Schnitt vier, fünf Jahre kürzer als wir.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2013)