Antisemiten und Antiamerikaner aller Länder – vereinigt euch!

Voller Giftigkeit entfaltet sich die Kritik der Europäer an den Vereinigten Staaten wegen ihrer Überwachungsprogramme der globalen Kommunikation. Die Emotionalität ist zutiefst verdächtig.

 

Zugegeben, Europas führende Politiker blieben in ihrer Kritik an den USA weitgehend sachlich. Das war auch klug so, schließlich bestätigte sich inzwischen, dass die europäischen Nachrichtendienste mit den Geheimdiensten der USA eng kooperierten und auch von den Ergebnissen der Überwachung für die Terrorabwehr nur zu gern profitierten.

Die große Mehrheit der Kommentare in den deutschsprachigen Medien war da schon viel kritischer, angriffiger und verfiel in bereits bekannte anti-amerikanische Reflexe. Ganz zu schweigen von der vox populi in diversen Internetforen. Die Art der Argumente gegen die USA, deren Ton und Emotionalität aber ließen wieder einmal aufhorchen. Was wie Antisemitismus aussieht, riecht und klingt, wird wohl antisemitisch sein, sagt eine bekannte Redensart. Jetzt kommt das also als Antiamerikanismus daher.

Der 1932 in Ungarn geborene Soziologe Paul Hollander definierte diese Haltung vortrefflich so: „Antiamerikanismus ist die Anfälligkeit für Feindseligkeit den USA und der amerikanischen Gesellschaft gegenüber, ein unbarmherzig kritischer Impuls gegenüber sozialen, wirtschaftlichen und politischen Institutionen, Traditionen und Werten der Vereinigten Staaten.

Er geht einher mit einer Aversion gegen amerikanische Kultur und ihren Einfluss im Ausland, verachtet häufig den amerikanischen Nationalcharakter (oder was dafür gehalten wird), mag amerikanische Menschen, Stile, Verhalten, Kleidung usw. nicht, lehnt Washingtons Außenpolitik ab und ist fest davon überzeugt, dass Einfluss und Präsenz der USA wo auch immer auf der Welt schlecht sind.“

Was aber hat eine solche Haltung mit Antisemitismus zu tun, lautet wohl die nächste Frage. Es gibt zentrale Aspekte, die beiden Ressentiments gemein sind: „Die Juden“ und „die Amerikaner“ werden zur Kanalisierung eigener Unzufriedenheit mit gesellschaftlichen Verhältnissen benützt. Der britische Historiker Timothy Garton Ash nennt dies „mit Neid durchsetzter Groll“.

Dazu werden beide für bestimmte Erscheinungen – insbesondere der Moderne – personifiziert und diffamiert. Juden und Amerikaner werden als „das andere“ oder „das Böse“, als konträr der eigenen moralischen Position gegenüber bezeichnet. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der „amerikanische Geist“ als bedrohlich und zersetzend für die deutsche Kultur angesehen; sehr ähnlich der „jüdische Geist“, dessen Bekämpfung in der Nazi-Zeit ihren Höhepunkt fand.

Amerikanern und Juden wird gleichermaßen zugeschrieben, die Macht zu besitzen, das Weltgeschehen bis in Details zu bestimmen. Die Bedrohung durch beide ist deshalb so gefährlich, weil sie sich im Inneren europäischer Gesellschaften „eingenistet“ haben. Die Juden lebten tatsächlich bis zur Nazi-Zeit inmitten europäischer Gesellschaften, die USA drangen mit ihrer Sprache, Kultur, ihrem Lebensgefühl in Herz und Seele der Europäer ein. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit muss die Volksseele versuchen, sich dieser Dominanz zu entledigen.

Entsprechend dem in Deutschland und auch Österreich vorherrschenden „Anti-Antisemitismus“ – es gehört sich nicht, sich offen judenfeindlich zu zeigen – hat sich das Hassobjekt verschoben. Die heute legitimen Ziele sind: die USA und Israel. Die Bilder, Argumente und die Emotionalität sind die gleichen geblieben.


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Zum Autor:

Mag. Martin
Engelberg ist Psychoanalytiker, Geschäftsführer der Wiener Psychoanalytischen
Akademie,
geschäftsführender Gesellschafter der Vienna Consulting Group sowie Mitherausgeber des jüdischen Magazins „NU“.