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Ja, die Nächstenliebe ist eine Zumutung – nicht nur für H.-C.Strache

„Liebe deine Nächsten“, steht auf den neuen Wahlplakaten der FPÖ. Und: „Für mich sind das unsere Österreicher.“ Passt das zur jüdisch-christlichen Aura des Wortes?

Das Gebot ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ ist die stärkste Abwehr der menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes Beispiel für das unpsychologische Vorgehen des Kultur-Über-Ichs. Das Verbot ist undurchführbar; eine so großartige Inflation der Liebe kann nur deren Wert herabsetzen.“ So pessimistisch urteilte Sigmund Freud über das jüdisch-christliche Gebot der Nächstenliebe.

„Noch unfassbarer“ schien ihm das in der Bergpredigt verkündete Gebot der Feindesliebe, wiewohl: „Wenn ich's recht überlege, habe ich unrecht, es als eine noch stärkere Zumutung abzuweisen. Es ist im Grunde dasselbe.“ Eine Zumutung seien Feindes- und Nächstenliebe auch für die Menschen, die einem wirklich nahestehen, erklärte Freud im selben Text: „Meine Liebe wird von den Meinen als Bevorzugung geschätzt; es ist ein Unrecht an ihnen, wenn ich den Fremden ihnen gleichstelle.“

Man muss Heinz-Christian Strache nicht unterstellen, dass er Freuds „Unbehagen in der Kultur“ gelesen habe, aber seine Sicht des Gebots der Nächstenliebe ist in dessen Sinn: Er schränkt den Kreis jener ein, für die das Gebot gilt. Auf den aktuellen Wahlplakaten erklärt er „Liebe deine Nächsten“ mit „Für mich sind das unsere Österreicher“. Man tut ihm Unrecht, wenn man diese Interpretation für völlig unmöglich erachtet: „Reah“, das hebräische Wort, das mit „Nächster“ übersetzt wird, heißt „Verwandter“, „Freund“, „Nachbar“. Und es gibt Stellen in der Thora, die nahelegen, dass sich die Nächstenliebe ursprünglich (nur) auf Angehörige des eigenen Volkes bezog, etwa 3.Mose 19, 18: „Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr.“ Allerdings heißt es im selben Kapitel: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“

In dieser Tradition steht die Erläuterung des Nächstenliebe-Gebots, die Jesus in Lukas 10 einem Schriftgelehrten gibt. Auf dessen Frage „Wer ist denn mein Nächster?“, antwortet er mit der Erzählung vom barmherzigen Samariter. An einem, den Räuber niedergeschlagen haben, gehen ein Priester und ein Levit achtlos vorüber, erst ein Samariter (also ein Angehöriger einer Volksgruppe, die als nicht vollgültig jüdisch angesehen wurde) hilft ihm. Welcher der drei sei dem Opfer der Nächste gewesen, fragt Jesus. „Der die Barmherzigkeit an ihm tat“, sagt der Gelehrte, und Jesus erwidert: „So gehe hin und tue desgleichen.“ Hier wird die Definition umgedreht: Nächster ist, wer einem Mitmenschen hilft, egal, woher er kommt.

Vom „Do ut des“ unterscheidet das Liebesgebot, dass es nicht berechnend, nicht vernünftig ist; es steht Schopenhauers Mitleidsethik näher als Kants Imperativ. Schon gar nicht passt es zur biologischen Theorie der Verwandtenselektion, nach der Tiere und Menschen ihren Artgenossen umso eher helfen, je näher sie mit ihnen verwandt sind (weil sie damit eher Genen helfen, die sie auch in sich selbst tragen). Aber diese Theorie scheint derzeit ohnehin zu wanken.

„Meine Brüder, zur Nächstenliebe rate ich euch nicht“, sagt Nietzsches Zarathustra: „Ich rate euch zur Fernsten-Liebe.“ Das mag nach provokant überspitztem Humanismus klingen; doch Nietzsche meinte es anders: Der bzw. das Fernste war für ihn der Übermensch, der erst kommen soll. Nicht gerade ein christlicher Gedanke...

Zurück zu Strache. Wieso soll er sich in seiner Sicht der Nächstenliebe einer christlichen Deutungshoheit unterwerfen? Ganz einfach: Weil er sich als Christ geriert, mit dem Kreuz posiert hat. Und wer vorgibt, im Zeichen des Kreuzes zu handeln, sollte sich auch der Zumutung der Nächstenliebe im Sinne Jesu stellen.

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2013)