Das Denkmal einer verstummenden Generation: die Zweite Republik

Keine Erinnerungskultur ist dichter als jene an die Jahre 1938 bis 1945. Für viele Opfer der Verfolgung gibt es Mahnmale. Nicht aber für jene vielen Väter und Mütter, die keine Helden und keine Opfer waren.

Für keine Epoche gibt es mehr Mahnmale als die sieben Jahre des Nationalsozialismus. Seit der Enthüllung des Denkmals gegen Krieg und Faschismus sind viele neue Gedenkstätten entstanden. Sie erinnern an die ermordeten Kinder auf dem Spiegelgrund, an die Euthanasieopfer in Hartheim, an die Bahnhöfe als Ausgangsorte von Deportationen.

Auf dem Zentralfriedhof wurde jüngst eine Nationale Gedenkstätte für hingerichtete Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer eingeweiht, in Mauthausen wurde eine neue Ausstellung erarbeitet. Jetzt soll am Wiener Schmerlingplatz eine große Gedenkmauer mit den Namen aller Holocaustopfer gebaut werden.

Noch fehlen Mahnmale für die ermordeten Sinti und Roma, für Opfergruppen wie die Gehörlosen, die Zwangssterilisierten und viele mehr. Sie alle verdienen ein Gedenken, so wie es keinen Zweifel an der Berechtigung des Deserteursdenkmals geben kann. Allerdings nicht auf dem Ballhausplatz. Es gehört auf den Heldenplatz: Wo sonst könnte es den Begriff des Heldentums, der so oft missbraucht worden ist, zurechtrücken?

Weil ich für viele dieser Gedenkstätten Zeit und ein bisschen Herzblut gegeben habe, kam mir neulich ein Gedanke: Ich will ein Denkmal für meinen Vater. Natürlich nicht für ihn persönlich, sondern für seine Generation. Das Problem ist nur: Mein Vater war weder Held noch Opfer. Er hat den Krieg überlebt. Wäre er gefallen, stünde sein Name auf einem Kriegerdenkmal. So hat er aber „nur“ in einer falschen Uniform für falsche Ziele an einem falschen Krieg teilgenommen. Wie tausende andere auch wurde er als 18-Jähriger zur Deutschen Wehrmacht eingezogen. Mit 25 war er durch Krieg und Gefangenschaft für den Rest seines Lebens gezeichnet. Stolz auf seine Militärzeit war er nie. Jahrzehnte später, als er wusste, dass sein Tod naht, verbrannte er alle Wehrmachtsdokumente.

Über seine Jugend redete er wenig. Einmal erzählte er mir, wie ein Lehrer ihm und seinen Mitschülern befohlen habe, im Chor „Hängt die Pfaffen, stellt die Juden an die Wand“ zu brüllen. Er wollte das nicht: Einige Jahre vorher hatte man in der Schule ein Theaterstück aufgeführt. Mein Vater spielte einen Prinzen. Die Prinzessin war ein blondes Mädchen, die Tochter jüdischer Kaufleute. Während mein Vater beim Militär war, „verschwand“ sie mit ihrer Familie. Als er mir das erzählte, kamen ihm die Tränen.

Mein Vater war kein Held. Opfer wollte er nicht sein. Und so erinnert nichts an ihn. Oder doch: Als er vor 20 Jahren gestorben ist, wurde auf dem Weg zum Grab, wie auf dem Land bei ehemaligen Kriegsteilnehmern üblich, die „Kriegerglocke“ geläutet. Nicht mächtig, dumpf und drohend klang sie, im Gegenteil: Ihren hellen, durchdringenden, fast wimmernden Ton werde ich nie vergessen. Er klang wie der Klagelaut einer ganzen Generation.

Mein Vater hat kein Denkmal. Auch meine Mutter, die als 17-Jährige von Nonnen versteckt wurde und den Einmarsch der Befreier, der Roten Armee, miterleben musste, wird wie tausende andere Frauen nie eine offizielle Erinnerungsstätte erhalten. All das sind Schicksale von Menschen, die verstummt sind. Und doch hat diese Generation ihr Denkmal. Sie hat es mit Geduld, Glück, ausländischer Hilfe und viel Arbeit selbst geschaffen: Es ist die Zweite Republik. Sie ist das eigentliche Denkmal dieser Generation.


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Zum Autor:
Kurt Scholz war von 1992 bis 2001 Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008  Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit Anfang 2011 ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2013)