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Wahlkampf: Herr Haselsteiner als unsichtbarer Gast

Beate Meinl-Reisinger
Wahlkampf: Herr Haselsteiner als unsichtbarer Gast(c) APA/HERBERT P. OCZERET (HERBERT P. OCZERET)
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Vom Graben in die Anwaltswohnung: In der kleinen, bürgerlichen Welt der Neos ist die Euphorie groß. Der Wahltag könnte zur großen Überraschung, aber auch zur großen Enttäuschung werden. Beate Meinl-Reisinger, die Wiener Spitzenkandidatin, tourt für Ersteres durch die Stadt.

Wien. Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen sich für Parteiprogramme interessieren. Immer wieder stellen sich Interessierte am Neos-Stand am Graben an, um sich eines zu holen. Am späten Nachmittag sind sie dann aus. Die meisten Passanten wollen einzelne Punkte des Programms dann auch noch ausführlich diskutieren. Eine Gratwanderung für die Wahlkämpfer: zuhören, erklären – und um die Ecke wartet schon der Nächste.

Die Motive, sich dem Neos-Stand zu nähern, sind unterschiedlich. Der eine erzählt, bisher Strache gewählt zu haben und nun auf der Suche nach einer moderateren Alternative zu sein. Der andere, ein Künstlervermittler, stößt sich an der SPÖ-Lastigkeit seiner Klientel. Und der ÖVP-Stammwähler sucht, enttäuscht von seiner Heimatpartei, mit seiner Frau nach einer bürgerlichen Alternative.

Auch Beate Meinl-Reisinger, pinkfarbene Brille, pinke Jacke, Schal in Pinktönen, die Wiener Spitzenkandidatin der Neos, entstammt der ÖVP. Sie war in Josef Prölls Perspektivengruppe, hat in Christine Mareks Familienstaatssekretariat das einkommensabhängige Kindergeld ausgearbeitet. Heute verteilt sie am Graben pinke Flyer.

Unter anderem, wie es der Zufall so will, an eine Parteifreundin aus früheren Tagen, Theresia Leitinger, die heute Generalsekretärin der ÖVP-Frauen ist. Wieso sie von der ÖVP weggegangen sei, will diese wissen. „Da ich in der ÖVP einfach keinen Spielraum hatte, alles war verkrustet“, erklärt Meinl-Reisinger. „Ich habe es auch geschafft. Man muss sich den Spielraum schaffen“, erwidert die ÖVP-Politikerin. Einen Blick ins Neos-Programm will sie nicht werfen.

 

Hauptmotiv Idealismus

Es wird am Wahlabend entweder eine große Überraschung oder eine große Enttäuschung für die Neos geben. Denn die Euphorie ist groß. „Und im Gegensatz zu uns, muss man sagen, laufen die auch alle“, sagt ein BZÖ-Funktionär, der des Weges kommt. Idealismus treibt die meisten an, viele hatten zuvor noch nie mit Politik zu tun. Wie der Pensionist und frühere Präsentationstrainer Emil Hierhold, der hier ebenfalls Broschüren und Luftballone verteilt. „Ich wollte nicht, dass meine Enkel einmal fragen: Und was hast du gemacht?“

Noch euphorischer wird die Stimmung dann am Abend in einer leer stehenden Wohnung, die ein Wiener Anwalt den Neos zur Verfügung gestellt hat. „Tupper-Parties“, die nach einer Beschwerde der Firma Tupperware nun nicht mehr so genannte werden dürfen, haben die Neos den ganzen Wahlkampf über veranstaltet, nun heißt es „Neos at home“. Dabei laden Neos-Funktionäre und Sympathisanten Freunde und Bekannte zu sich nach Hause ein. Wie besagter Anwalt. Die Wohnung ist voll. Das Publikum klassisch bürgerlich, mit leicht alternativem Einschlag. Meinl-Reisinger ist so eine Art Stargast, sie erklärt Entstehung und Beweggründe der Neos.

Die dominierende Frage: Wie das denn nun sei mit den höheren Steuern. Die Neos wollen Steuern senken, keinesfalls erhöhen, sagt Meinl-Reisinger. Das sei Parteilinie. Hans Peter Haselsteiner vertrete hier seine Privatmeinung. Das stehe ihm auch zu. Aber auch er halte sich an die Parteilinie.

Auch Hansjörg Tengg, bekannt als Konsum-Nachlassverwalter und politisch seit jeher dem dritten Lager zugehörig, hört interessiert zu. Meinl-Reisinger referiert weitere Programmpunkte: Angleichung des Frauenpensionsalters, Direktorenbestellung durch den Schulgemeinschaftsausschuss, Steuerhoheit für die Länder. Man sei so etwas wie die „Partei der Jungeltern“. Und man sei auch nicht wirklich neoliberal, ergänzt der Gastgeber. „Wir versuchen, wirtschaftlich vernünftiges Denken mit einem großen Maß an Menschlichkeit zu verbinden.“

Ein Parteiprogramm braucht in diesem Kreis keiner mehr.

ZUR PERSON

Beate Meinl-Reisinger. 1978 in Wien geboren, Juristin, verheiratet, zwei Kinder. Nach einem Traineeprogramm der Wirtschaftskammer in Brüssel kam sie als Assistentin zu Othmar Karas (ÖVP). Sie engagierte sich auch in der Initiative für Schwarz-Grün. Auch bei einigen Projekten von Josef Prölls Perspektivengruppe war sie aktiv. Dann wechselte sie als Referentin für Frauen-, Familien- und Integrationspolitik ins Kabinett von ÖVP-Staatssekretärin Christine Marek. 2012 gründete sie Neos mit, sie ist Vizeparteichefin und Nummer drei auf der Bundesliste.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2013)