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Realsatire: Polivkas Traum, Slupetzkys Zorn

Bei dem Wiener Krimiautor Stefan Slupetzky kommt der Humor niemals zu kurz.
Realsatire: Polivkas Traum, Slupetzkys Zorn(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Krimiautor Stefan Slupetzky hat seine Kultfigur Lemming nach vier Büchern in Pension geschickt. Nun ermittelt Bezirksinspektor Polivka. Das ist mehr Realsatire als Kriminalroman.

Stefan Slupetzky hat mit der Figur des Leopold Wallisch, auch „Lemming“ genannt, eine der einprägsamsten Figuren der österreichischen Kriminalliteratur geschaffen. Vier Fälle lang hat er Lemming ermitteln lassen, zuletzt 2009 im mit dem Leo-Perutz-Preis ausgezeichneten Buch „Lemmings Zorn“. Nun lässt der Autor erstmals den titelgebenden, kauzigen Bezirksinspektor Polivka, der schon im vierten Teil mitspielen durfte, in voller Romanlänge von der Leine. Lemming stempelte Polivka übrigens zu Beginn als „Volltrottel“ ab, ehe er in dem Kollegen dann doch noch ein „Genie“ erkannte. Zwischenzeitlich hatte Polivka auch in der Kriminalgeschichtensammlung „Halsknacker“ (2011) einen Kurzauftritt.

Die Ausgangssituation in „Polivka hat einen Traum“ klingt vielversprechend und typisch Slupetzky: Als sich ein Mann bei einer Notbremsung im Zug den Hals bricht, stellt sich schon bald heraus, dass es ein eiskalter Mord war. Und es scheint sich um keinen Einzelfall zu handeln.

Traumhafter Start.
Tatsächlich beginnt Slupetzkys neuer Roman traumhaft. Nicht nur, weil das erste Kapitel einen wunderbar skurrilen (Alb-)Traum beschreibt, sondern auch, weil der Wiener Autor auf den ersten 100 Seiten ein wahres Feuerwerk an Sprachwitz und fabelhaft guten Dialogen zündet. Da sitzt jede Pointe, kein Wort ist überflüssig. Die Geschichte hat Charme und liest sich, obwohl eigentlich vollkommen unrealistisch, gleichzeitig sehr authentisch und glaubwürdig. Das ist wohltuend komisch und wirklich lustig. Auch Lokalkolorit und beißende Gesellschaftskritik kommen nicht zu kurz und fügen sich wunderbar in die Leiden des Wiener Bezirksinspektors ein. Bis dahin funktioniert das Buch auch durchaus als Kriminalroman, wie es auf dem Buchcover kategorisiert wird.

Danach wird „Polivka hat einen Traum“ aber zu einer Realsatire, die angesichts ihrer hohen Ambition auch ihre Lockerheit verliert. Wenn da plötzlich der Englisch stammelnde Europaabgeordnete Stranzer auftaucht und kurz darauf auch ein gewisser Fürst Olaf Markus Oppitz-Marigny, verheiratet mit einer Ministerin, die Bühne betritt, wissen nicht nur Kenner der österreichischen Innenpolitik genau, wer damit gemeint ist.

Plump und brachial. Ab diesem Punkt verliert die Handlung vollkommen an Bedeutung. Slupetkzy geht es um eine literarische Abrechnung mit jenem korrupten System in Österreich, in dem der Öffentlichkeit verborgene graue Eminenzen und Lobbyisten die Fäden ziehen. Formuliert er im ersten Drittel des Buches mit schlafwandlerischer Sicherheit und feiner Klinge, wird es mit Fortlauf der Geschichte klischeehafter, brachialer und plumper. Ab hier könnte das Buch „Slupetzkys Zorn“ heißen.

Das bedeutet nicht, dass sein Buch keinen Spaß mehr macht. Denn dazu ist Slupetzky einfach zu gut. Aber er hätte seine Botschaft auch subtiler und weniger aufdringlich vermitteln können, ohne die Krimihandlung vollends abzuwürgen. Stellenweise geht es einem wie der Figur Polivka. „Er fühlt sich wie ein Schüler bei der Abschlussprüfung. [. . .] Das ist kein Examen, das ist eine Lehrstunde. Eine Lektion in Skrupellosigkeit und Niedertracht.“ Slupetzky lässt keinen Zweifel daran, wer gut und wer böse ist.

Held (fast) ohne Vornamen. Dabei würde Polivka ohne diese Belehrungen gut funktionieren. Slupetzky hat mit dem Polizisten, dessen Vornamen man erst auf der letzten Seite erfährt, eine sympathische Figur erschaffen, von der man gern mehr lesen würde. Da ist zum Beispiel die Szene, in der Polivka in jenem Zug, in dem der Tote gefunden wurde, eine bezaubernde Französin kennenlernt.
Der des Französischen nicht mächtige Polizist versucht sich der vermeintlich nicht Deutsch sprechenden Frau vorzustellen. „Tarzan, überlegt er jetzt, ist ohne Übersetzer ausgekommen, als er Jane ihren Namen entlockte.“ In seinem Ehrgeiz angestachelt, schlägt er sich wie einst Johnny Weissmüller auf die Brust und gibt sein Bestes.

Es gibt zahlreiche Momente voller Situationskomik wie diesen. Lieber Stefan Slupetzky: Mehr davon.

Neu Erschienen

Stefan Slupetzky
„Polivka hat einen Traum“
Kindler Verlag
299 Seiten, 20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2013)