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Arafat vergiftet? Ja, ja – nein, nein! Erstaunliche Naivität

Gastkommentar. Entbehrliche Ferndiagnosen zur heiklen und schwierigen Lage in Nahost.

Zwei Schweizer Wissenschaftler könnten der Geschichte des Nahen Ostens ein trauriges Kapitel hinzugefügt haben. Die beiden hatten neun Jahre nach Jassir Arafats Tod seine Leiche untersucht und kamen bei einer Pressekonferenz Anfang November zu seltsamen Aussagen. Man wisse nicht genau, wenn auch mit „moderater Sicherheit“, ob Polonium die Ursache für Arafats Tod gewesen sei. Und es wäre eigentlich viel zu spät für eine klare Beurteilung.

Auf einer Folie, die bei der Pressekonferenz gezeigt wurde, stand: „Können wir Polonium als Todesursache ausschließen? Nein.“ Und direkt darunter: „Sind wir sicher, dass Polonium den Tod verursachte? Nein.“ Alles klar?

Teams aus drei Ländern waren angetreten, um zu untersuchen, ob Arafat mit Polonium 210 vergiftet wurde. Russische Experten hatten im Oktober berichtet, keine Spuren des radioaktiven Materials im Leichnam gefunden zu haben. Die Schweizer Untersuchung sollte gleichzeitig mit einer französischen veröffentlicht werden. Doch die Herren aus Lausanne preschten vor und hatten so die große Weltbühne für sich allein. So wenig sie auch belegen konnten, die Schlagzeilen gehörten ihnen. Und was jeder außerhalb von Uni-Mauern gewusst hätte, wurde wahr. Das „Ja, ja, nein, nein“ der Schweizer wurde in den meisten Medien dieser Welt eindeutig interpretiert: „Jassir Arafat wurde ermordet.“


Wie in einem Uni-Seminar

In einer politisch hoch brisanten Frage so zu argumentieren, als wäre man in einem wissenschaftlichen Seminar, zeigt von einer verblüffenden Naivität und/oder von einer argen Gedankenlosigkeit der Wissenschaftler. Es kam, wie es kommen musste: „Israel ist der erste und einzige Verdächtigte im Mordfall Jassir Arafat“, sagte Tawfik Tirawi, Leiter der Untersuchungskommission zum Tode Arafats bereits einen Tag nach der Pressekonferenz in der Schweiz. Dass Arafat während seiner Erkrankung nur von eigenen Getreuen umgeben gewesen war und dann in ein Pariser Militärspital eingeliefert wurde, wo er schließlich starb, hat keine Relevanz mehr.


Halblustige Reaktion

Da hilft es auch nichts, dass Israel jede Verantwortung am Tod von Arafat zurückgewiesen hat. Wie leider allzu oft fand die israelische Außenpolitik auch diesmal nicht die richtigen Worte. Der israelische Außenminister, Yigal Palmor, sagte flapsig: „Diese Theorie hat mehr Löcher als ein Schweizer Käse“, ein halblustiger Kommentar mit geringem aufklärenden Gehalt.

Jetzt muss man befürchten, dass das „Es könnte sein“ aus der Schweiz zur Rechtfertigung neuer Gewalt durch die Palästinenser mutiert. Auch 2004, nach dem Tod Arafats, haben militante Palästinenser sogleich eine jüdische Siedlung im Gazastreifen angegriffen. Israel ist für die Radikalen immer und an allem schuld. Aus dem Elfenbeinturm in der Schweiz erhält ihr Hass nun neues Futter.

Erschwerend kommt dazu, dass US-Außenminister John Kerry einen Tag vor der Schweizer Pressekonferenz Israel vor einer „dritten Intifada“ gewarnt hat, wenn das Land Verhandlungen mit den Palästinensern nicht zu einem guten Ende bringen würde. Eine seltsame Außenpolitik, die Verhandlungspartner in einer Zeit relativer Ruhe in der Region unverhüllt zu aggressiven Handlungen animiert.

Kerry hat mit einem Macho-Auftritt die Palästinenser auf eine Idee gebracht, die Schweizer Experten haben in ihren zwei Stunden des Ruhms scheinbare Argumente dazu geliefert. Es zeigt sich hie wie da die erstaunliche Gewissenlosigkeit, mit der viele Menschen aus sicheren Weltregionen mit dem Schicksal der Menschen in Israel umgehen.

Peter Menasse (*1947) ist Kommunikationsberater in Wien, Chefredakteur des jüdischen Magazins „NU“ und Buchautor.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2013)