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Ben Schotts "Schottenfreude": "Ich will ernsthaft komisch sein"

(c) Clemens Fabry
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Ben Schott, berühmt für seine "Almanache" aus scheinbar Nutzlosem, preist die deutsche Sprache - und erfindet Wörter von "Frohsinnsfaschismus" bis "Beichtstuhldrang".

Ausgerechnet ein Brite, der kein Deutsch spricht, hat das wohl schönste und vergnüglichste Buch deutscher Sprache seit Langem vorgelegt. In dem soeben erschienenen Werk „Schottenfreude“, erfindet Ben Schott mit Lust und Laune „deutsche Wörter für die menschliche Verfassung“, wie es im englischen Untertitel treffend heißt. Die Bandbreite reicht von A wie Abgrundsanziehungbis Z wie Zwillingsmoral.

„Es gibt gewisse Dinge, die scheinen wir nur auf Deutsch ausdrücken zu können“, sagt Schott im Gespräch mit der „Presse“. „Es ist diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und Frivolität, die mich fasziniert. Immerhin ist es die Sprache von Nietzsche und Freud, und für mich gibt es nichts Intelligenteres als einen intelligenten Deutschen. Sie sprechen drei bis vier Sprachen, die Künstler wissen alles über Wissenschaft, und die Wissenschaftler alles über Kunst.“

 

Das Tröstliche der Wörterbücher

Meint Schott das alles ernst? Sein Buch hat er selbst gestaltet, und es nimmt klare Anleihen bei klassischen Nachschlagewerken. „Ich mag es, wenn ein Buch so aussieht, als wäre es immer schon da gewesen.“ Wörterbücher und Nachschlagewerke hätten „in unserer chaotischen Welt etwas Tröstliches, denn sie vermitteln eine Ordnung und eine Sichtweise der Welt“.

Der Schein aber trügt. Denn nicht nur erfindet Schott neue deutsche Wörter wie „Beichtstuhldrang“, „Gaststättenneueröffnungsuntergangsgewissheit“, „Herbstlaubtrittvergnügen“ oder „Neuröschen“, die allesamt umgehend die Normalsprachgebrauchsübernahme (kein Schott-Wort!) verdient hätten. „Ich war fasziniert von der Fähigkeit, wie man im Deutschen zusammengesetzte Wörter bilden kann“, erzählt Schott. Weniger angetan hat Mark Twain das Deutsche einst als „alphabetische Prozession“ beschrieben und behauptet, viele zusammengesetzten Hauptwörter seien „so lang, dass man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann“...

Aus einer Liste von 400 Wörtern half Schott der befreundete Münchener Mathematiker Oscar Bandtlow bei der Auswahl und Zusammenstellung seines Buches. Die wahre parodistische Meisterschaft zeigt sich dann in der Verbindung von tiefernster Präsentation mit scherzhaftem Inhalt. Als ein Beispiel sei das schöne Wort des „Frohsinnsfaschismus“ genannt, das erklärt wird als „die verdammte Mittelmäßigkeit organisierten Vergnügens“, und dann weiter ausführlich erörtert wird in einer Fußnote, die den Silvesterabend als „Nürnberg der Spaßfaschisten“ entlarvt und in dem (deutschen) Schlachtruf kulminiert: „Spaß muss sein!“

 

Obamas „Witzbeharrsamkeit“

In den Fußnoten zeigt sich aber auch, wie fein und sorgfältig Schott gearbeitet hat. Für jeden der 120 Begriffe (Wissen Sie, was ein „Besserwinzer“ ist? Wussten Sie, dass Barack Obama an „Witzbeharrsamkeit“ leidet?) gibt es einen akribisch recherchierten Anmerkungsapparat, der freimütig und höchst amüsant Ernstes und Absurdes durcheinanderwirft. „Wer komisch sein will, muss besonders präzise sein“, meint Schott. „Wenn man lustig sein will, muss man besonders ernst sein.“ Versteht er sich als Spaßmacher? „Ich möchte ernsthaft komisch (seriously funny) sein“, sagt er.

Mit der Mischung aus klassischem Wissen, abseitigen Informationen und absolutem Unsinn machte Schott Anfang der 2000er-Jahre mit seinen selbst edel gestalteten Jahrbüchern („Schotts Almanach“) nicht nur in Großbritannien Furore. „Es liegt nicht an mir, dass wir in einer Zeit leben, in der alle Welt das Dschungelcamp verfolgt“, sagte er einmal. Was als Fingerübung für eine Handvoll Freunde begann, fand bald unzählige Nachahmer. Bücher für Nichtleser – und sohin oft das perfekte Weihnachtsgeschenk, höhnte mancher.

Für Schott, der im kommenden Mai 40 wird, waren die Bücher das große Sprungbrett. Seit 2008 ist er Mitarbeiter der „Op-Ed“-Seiten der „New York Times“, der „größten Schaubühne der Welt“, wie er sagt. „Schottenfreude“ entstand nebenher in jahrelanger Klein- und Feinarbeit. „Es scheint, dass wir auf das Deutsche zurückgreifen, wenn wir Elementares ausdrücken wollen, das wir nicht beschreiben können“, meint er. Doch besteht nicht umgekehrt in vielen Sprachen Sorge um das Überhandnehmen des Englischen? „Wofür die Reinheit einer Sprache bewahren? Das ist wie den Sand am Meer kämmen, ehe die nächste Flut kommt.“ Und manchmal spült das Wasser ja einen Schatz an Land. So wie etwa „Schottenfreude“.


Ben Schott, „Schottenfreude: German Words for the Human Condition“, John Murray Publishers, London 2013; auf Deutsch im Knaus-Verlag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2013)